Machtlos in der Cloud?

Die digitale Reputation entscheidet über Aufträge und Bezahlung

Sind die Crowdworker in Deutschland wirklich rundum zufrieden? Oder sinken einfach ihre Ansprüche? Offenbar erwarten viele von ihrer Arbeit im Netz gar keine soziale Sicherheit - und von den Gewerkschaften keine Hilfe. Dabei ist doch der Ausdruck Tagelöhner für sie eigentlich noch beschönigend, "Minutenlöhner" wäre passender. Mit fünfzig Worten eine Jacke beschreiben und dabei 1 Euro 20 verdienen - solche Aufträge sind keine Seltenheit.

Der besondere Charme dieses Geschäftsmodells beruht auf der Tatsache, dass sowohl die Vermittlungsagenturen, als auch die beauftragenden Unternehmen Risiken und Kosten auslagern. Sie behandeln die Beschäftigten als Selbständige, die sich eigenständig gegen Krankheit, Arbeitslosigkeit und Erwerbsunfähigkeit versichern sollen. Dazu sind zwar nur wenige Freelancer finanziell in der Lage (und noch weniger in ausreichendem Maß), aber bekanntlich müssen sich weder die Auftraggeber noch die Vermittler darum kümmern. Statt Arbeitsverträgen gelten die Allgemeine Geschäftsbedingungen.

Eine Schlüsselrolle auf den Internet-Arbeitsmärkten spielen die Bewertungssysteme. Das eigene Profil entscheidet, ob gut bezahlte Aufträge hereinkommen oder nicht. Viele Crowdworker nehmen große Abstriche bei der Bezahlung in Kauf, um eine schlechte Bewertung zu vermeiden. Das Management ihrer digitalen Reputation schwächt ihre Verhandlungsposition sowohl gegenüber den Auftraggebern, als auch gegenüber den Plattformen. Wenn es zu Konflikten kommt, dann oft weil sich Beschäftigte ungerecht bewertet fühlen.

Mittlerweile haben einige Plattformen Verfahren und Regeln für solche Streitfälle eingeführt. Sie bemühen sich aber nach Kräften, sich selbst aus der Konfliktschlichtung herauszuhalten. Das tägliche Geschäft soll möglichst automatisch, sprich: algorithmisch abgewickelt werden; Lohnkosten vermeiden sie nach Möglichkeit. Einer ihrer Angestellten "betreut" daher nicht selten Zehntausende von Freelancern.

Allerdings spielen diese Mitarbeiter in Wirklichkeit oft eine bedeutende Rolle bei der "Qualitätssicherung", wie es oft beschönigend heißt. Gerade im Bereich der Textproduktion sorgen diese Angestellten oft dafür, dass überhaupt beim Crowdsourcing ein vermarktbares Produkt entsteht, indem sie redigieren, korrigieren und Plagiate aussortieren. Die Weisheit der Masse und die intelligenten Algorithmen erweisen sich nämlich in der Praxis oft als reichlich dämlich.

Nach außen betonen die Plattformen, lediglich Angebot und Nachfrage zusammen zu bringen. Sie treten als Vermittler auf und kassieren dafür eine Gebühr von zehn Prozent, höchstens zwanzig Prozent des Honorars. Aus der eigentlichen Produktion halten sie sich heraus.

Ihr Geschäftsmodell beruht deshalb darauf, dass sie den Datenfluss kontrollieren können. Denn sobald Angebot und Nachfrage einander gefunden haben, sind sie eigentlich überflüssig. Tatsächlich versuchen professionelle Crowdworker gelegentlich, sich von ihrer Plattform zu lösen, nachdem sie eine Geschäftsbeziehung etabliert haben. Die Plattformen verbieten deshalb den Austausch von Kontaktdaten, kontrollieren die Kommunikation scharf und schließen rigoros Nutzer aus, die versuchen, mit Auftraggebern direkt in Kontakt zu treten.

Anzeige