Machtlos in der Cloud?

Einsam in der Masse? - Grenzen der Auslagerung

Die Unternehmen profitieren nicht nur von den unschlagbar niedrigen Crowdwork-Honoraren. Über das Netz können sie auf Erfahrungen und Ideen der Masse zugreifen, die in der eigenen Belegschaft in geringerem Umfang vorhanden sind. Gerade diese Offenheit ist aber gleichzeitig ein Nachteil, wenigstens eine Gefahr. Unternehmen müssen sich öffnen, um die Masse "anzuzapfen", wer aber wichtige Tätigkeiten ins Netz auslagert und Prozesse offen legt, der riskiert, dass "Geschäftsgeheimnisse" nach außen dringen.

Crowdsourcing ist außerdem nur dann effizient, wenn Solo-Selbständige die Aufträge bearbeiten. Bei anspruchsvolleren Tätigkeiten und Geschäftsprozessen entsteht sonst oft ein zusätzlicher Aufwand - ökonomisch gesprochen: zusätzliche Transaktionskosten -, um die einzelnen Arbeiten erst zu zerstückeln, dann wieder zusammensetzen und schließlich noch auf ihre Funktionsfähigkeit zu überprüfen. Die "Auftragsnehmer" sind nicht weisungsgebunden und arbeiten gewissenhaft, weil sie eine schlechte Bewertung fürchten, nicht aus Loyalität zum Unternehmen.

Schon um Pfusch zu vermeiden und Kontrollkosten zu senken, sind die Unternehmen weiterhin an stabilen und langfristigen Beziehungen interessiert - Internet hin oder her. Aus diesen Gründen rudern mittlerweile einige Unternehmen wieder zurück. IBM etwa kündigte im Jahr 2012 an, viele Software-Entwicklungen künftig der Crowd zu überlassen. Die Beschäftigten sollten sich auf Aufträge über ein firmeneigenes System ("IBM Liquid") bewerben - eine Art öffentliche Ausschreibung des transnationalen Konzerns. Von dem radikalen Plan wurde schließlich nur wenig umgesetzt.

Das Schreckensszenario einer Welt von machtlosen Netzarbeitern kann jedenfalls nicht überzeugen. Das Klischee vom ausgebeuteten, aber wehrlosen Crowdworker ist nur die Kehrseite von dem ebenso wenig überzeugenden Bild einer digitalen Boheme, die angeblich keine sozialen Probleme kennt, solange das WLAN funktioniert. Für die einen verheißt das Internet grenzenlose Freiheit und ein gutes Geschäft für alle Beteiligten, die anderen warnen vor einem sozialen Absturz ins Bodenlose. Beides wird der Wirklichkeit nicht gerecht.

Welche Formen die Crowdworker in Zukunft finden werden, um ihre Interessen durchzusetzen, ist unklar. Bisher spielen die digitalen Arbeitsmärkte noch eine untergeordnete Rolle. Entsprechend konfliktscheu sind die Beschäftigten noch. Statt zu protestieren und zu streiken ziehen sie lieber weiter - zum nächsten Auftrag oder zur nächsten Plattform. (Matthias Becker)

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