Männer im Hidschab

Iranische Männer posten Bilder von sich mit dem Kopftuch einer Frau, die sich unverhüllt der Kamera zeigt

Der exil-iranische im US-amerikanischen Kalifornien gedrehte Film "A Girl Walks Home Alone at Night" (2014) mit seiner sehr stark an Jim Jarmusch und Quentin Tarantino, aber auch an Jean-Luc Godard wie auch an der später verfilmten Graphic Novel Persepolis orientierten Ästhetik ist amerikanisches Kino in persischer Sprache.

Die am Film Noir geschulte Verfilmung spielt in der fiktiven iranischen Geisterstadt Bad City, die jedoch jederzeit auch Teheran sein könnte, so sehr kippt die Darstellung bewusst ins Surreale und Imaginäre. Der Haufen Leichen, der sich in einer Senke ansammelt, steht somit auch stellvertretend für die in der Darstellung abwesenden Lebenden. Eine solche Geisterstadt wie Bad City ist Teheran schließlich längst. Die Sittenwächter tauchen im Film nicht auf, sind aber trotzdem permanent anwesend. Die Geisterwelt des Filmes ist jene Welt, die das Mullah-Regime seit Jahrzehnten erzeugt, und in der sich tatsächlich alle wie Vampire fühlen müssen, die nur des Nachts und in dunklen Kammern ihren recht unverfänglichen Gelüsten nachgehen können.

Die beiden Hauptprotagonisten sind der James Dean-Verschnitt Arash und das namenlose, schweigsame Mädchen, das in einen Tschador gehüllt auf einem Skateboard des Nachts allein durch die Straßen zieht und den einen oder anderen Mann aussaugt. Diese kleine islamische Lolita oder dieser muslimische Vamp ist tatsächlich ein Vampir, dessen Darstellung im gestreiften Pullover cineastisch irgendwo zwischen The Ring, Hard Candy und Jennifer's Body angesiedelt ist.

Men in Hijab

Feministisch ist der Film ungefähr so sehr wie Rape-Revenge-Pornos. Die Vorstellung von Gerechtigkeit ist unbestreitbar an das autoritäre Bedürfnis geknüpft, das sich meist in filmischen Rachefeldzügen artikuliert - hier mit der kurzen Pointe, dass Männer, die Frauen schlecht behandeln, äußerst blutig sterben werden. Dass dieses Motiv der Bestrafung durchaus Resultat der eigenen Prägung ist, wird verraten, als die namenlose Vampirin einem kleinen Jungen bei Androhung der Blendung (Ödipus und Freud lassen grüßen) einbläut, ja ein guter Junge zu sein, und sich ihre Stimme männlich färbt - sie wird zur bedrohlichen Stimme des (scheinbar abwesenden) Vaters. Auch in einer anderen, mit oralbefriedigenden Andeutungen spielenden Szene steht die Kastration als Resultat der Rache im Mittelpunkt.

Die schließliche Entscheidung Arashs gegen den eigenen Vater, der heroinsüchtig wahrlich nicht das prototypische Bild des islamischen Mannes verkörpert, es aber in seiner eigenen Beschädigung doch verzerrt transportiert, und für die neue Liebe stellt schließlich das versöhnliche Moment des Filmes dar. Indem es mit einem finalen Schnitt unterbrochen wird, der Name der Geliebten immer noch unaufgelöst bleibt, hält der Film dem Bilderverbot die Treue, welches in seiner säkularen Variante das Verbot bzw. die Unmöglichkeit beinhaltet, die Utopie auszumalen. So ist die Wahrheit des Filmes eine durchaus negativ zu nennende und zu lobende.

Die Stärke des Filmes liegt neben der Kameraführung und Musikauswahl jedoch vor allem in seinen ironischen Momenten. Da ist zum einen die Prostituierte, die sich das Kopftuch nur "ordentlich" überzieht, um die von ihr in der Öffentlichkeit vollzogene Fellatio zu verdecken. Immer wieder drängt sich angesichts der auf ihrem Skateboard durch die Nacht gleitenden, düster bemantelten und verhüllten jungen Frau das Bild von Batman auf, welches vor allem der wehende Tschador erzeugt.

Der eigentliche Wendepunkt des Filmes setzt ein, als sich Arash zwecks einer Kostümparty aus dem Tschador der verstorbenen Mutter einen Dracula-Umhang schneidert und sich schminkt. Dies und eine Portion Ecstasy bringt die beiden Gestalten auf einer Ebene zusammen, deren Groteske weniger darin besteht, dass die eine wirklich Vampir der andere jedoch nur verkleideter ist, sondern, dass die Albernheit des für Frauen verpflichtenden Umhangs in seine Kostümhaftigkeit überführt wird, wo er schließlich hingehören sollte.