Medienmärchen zur Unterstützung der konservativen Regierung in Madrid

Neben den Schuldzuweisungen aus Madrid, strickt man - ebenfalls über El Mundo - nun sogar an Märchen. Die Zeitung behauptete am Sonntag allen Ernstes, der Imam aus Ripoll habe in nur zwei Monaten die jungen Leute radikalisiert. Aus der Kleinstadt in der nordkatalanischen Provinz Girona kamen viele der identifizierten Attentäter. Gefahndet wird auch noch nach Abdelbaki Es Satty. Allerdings gehen die Mossos nun eher davon aus, dass er unter den drei Toten sein dürfte, die sich beim Bombenbau im südkatalanischen Alcanar in die Luft gesprengt haben. Der radikale Salafist soll der Kopf der Zelle gewesen sein, wird nun vermutet.

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Die katalanischen Mossos vermuten, dass die Anschläge schon seit sechs Monaten in dem besetzten Haus vorbereitet wurden. Ohnehin hatte sich der Imam schon im Juni aus Ripoll abgesetzt, angeblich wollte er in seine marokkanische Heimat reisen. Tatsächlich dürfte er im Haus in Alcanar die Anschläge vorbereitet haben. So hat sich die Darstellung der rechten El Mundo als Märchen entlarvt, mit der sie versucht, die spanischen Sicherheitskräfte und das Innenministerium zu entlasten, die für den Kampf gegen den Terrorismus zuständig sind. Man tut so, als hätten diese angesichts dieser kurzen Zeit der Radikalisierung keine Zeit gehabt, die Zelle und ihre Pläne aufzudecken.

Und wäre diese Version von El Mundo nicht längst unglaubwürdig, wurde sie schon vor der Veröffentlichung des absurden Artikels ins Märchenreich verbannt. Schließlich war schon die Tatsache bekannt, dass der 17-jährige Mieter der beiden Lieferwagen vor zwei Jahren auf einer öffentlichen Plattform im Internet seine Mordlust verbreitet hat. Moussa Oukabir Soprano hatte dazu aufgerufen, man solle "alle Ungläubige töten, um nur Moslems übrig zu lassen, die der Religion folgen". Das passt wahrlich nicht zur Legende einer Radikalisierung innerhalb von zwei Monaten, in denen sich Abdelbaki Es Satty nicht einmal in Ripoll aufgehalten hat.

Ebenso wenig glaubwürdig sind aber die Aussagen aller Angehörigen und des Umfelds der Attentäter, die von deren Radikalisierung in der Kleinstadt nichts mitbekommen haben wollen. Behauptet wird auch, die jungen Terroristen seien gut integriert gewesen.

Der Imam ist jedenfalls ein alter Bekannter und hat schon Knasterfahrung. Verurteilt wurde er allerdings wegen Drogenhandel, was ebenfalls nicht unüblich bei radikalen Islamisten ist. Mehrfach im Monat sei der Marokkaner in seine Heimat gereist. Der 45-Jährige beendete seine Haftstrafe Anfang 2012 und kam dann vor gut zwei Jahren in die Kleinstadt Ripoll. Das passt viel eher mit dem Zeitpunkt der Radikalisierung zusammen, wie sie Moussa Oukabir Soprano damals schon offen gezeigt hatte. Doch schon vor der Haft bewegte er sich seit vielen Jahren in radikalen Islamistenkreisen. Mindestens seit 14 Jahren ist das den spanischen Ermittlern bekannt.

Er hatte sogar direkten Kontakt mit einem derer, die für das Massaker in Madrid 2004 verurteilt wurden. Der spätere Imam von Ripoll hat im Knast von Castellón - unweit von Alcanar - mit Rachid Aglif gesessen und beide schlossen hinter Gittern Freundschaft. Aglif gehört zu denen, die in einem zweifelhaften Urteil zu lächerlichen 18 Jahren wegen des Anschlags in Madrid verknackt wurden. Real wurde damals im Verfahren kaum etwas geklärt. Weder wurden die Hintermänner aufgedeckt, noch die Verbindungen der verschiedenen Sicherheitskräfte und ihrer Spitzel, die sogar den Sprengstoff unter dauernder Überwachung der Polizei und Geheimdienste an die Islamisten geliefert hatten, ohne jemals einzugreifen.

Im Fall des Imam kommt es sogar noch besser. Der Marokkaner lebte schon 2003 mit Islamisten zusammen, die auch im Zusammenhang eines Anschlags von Al-Qaida im selben Jahr in Casablanca und im Irak in Verbindung standen (Die Spur führt nach Tanger). Dann tauchte er 2006 wieder im Rahmen einer ausgehobenen Islamistenzelle auf, die Kämpfer für den Irak angeworben hatte. Er wurde dafür allerdings 2011 freigesprochen.

Und nun soll der islamistische Drogenhändler, der zwischenzeitlich zum Imam mutierte und seit vielen Jahren den Sicherheitskräften als Islamist bekannt ist, in einem Land, in dem es von Geheimdiensten wimmelt, ohne jegliche Überwachung zum Kopf einer Terrorzelle geworden sein? Es gibt eigentlich dann nur zwei plausible Möglichkeiten. Entweder die spanischen Sicherheitskräfte haben völlig versagt oder sie wussten, wie im Vorfeld der Anschläge von Madrid, sehr viel mehr über die Vorbereitungen in Katalonien, als sie nun einräumen. Haben sie auch deshalb versucht, die Mossos völlig von den Informationen fernzuhalten?

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Aufklärung ist nötig, sicher kommen die nächsten Wochen und Monate viele Details ans Tageslicht. Egal wie es sich aber verhält, der Innenminister müsste sofort die politische Verantwortung übernehmen und seinen Hut nehmen, statt zu versuchen, die Schuld auf andere abzuwälzen. Wichtig wird es derweil aber auch noch sein, die europäischen Verbindungen aufzudecken. Die Mossos untersuchen derzeit Reisen von einigen Mitgliedern der Zelle nach Zentraleuropa. So gab es Reisen in die Schweiz und der Imam war auch in Belgien. Geprüft wird nun, mit wem sie dort Kontakt hatten. Die Angaben von den vier Verhafteten würden ausgewertet. Sie hätten "interessante Angaben" gemacht, erklärte der Chef der Mossos. (Ralf Streck)

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