Märkte schwächen Moral

Deutsche Ökonomen zeigen in einem interessanten Versuch, in dem es um Leben und Tod von Mäusen und um Geld geht, dass im Markthandeln individuelle moralische Maßstäbe außer Kraft gesetzt werden

Wenn Menschen in Gruppen auftreten, fallen die Hemmungen und Ängste, die sie haben, solange sie als Individuen agieren. Die Beobachtung hatte u.a. Ende des 19. Jahrhunderts zur Massenpsychologie geführt und der Frage, warum Menschen in Horden ihre Vernunft gerne verlieren, emotional handeln und leicht beeinflussbar sind. Heute steht diese These in Widerspruch zu der gerne erhobenen Annahme von der Weisheit der Massen. Man kann, wie dies die Ökonomen Armin Falk (Universität Bonn) und Nora Szech (Universität Bamberg) in einem Experiment zeigen, auch mit dem Verhalten in Märkten in Verbindung bringen, in dem die Menschen ebenfalls als Teil der Masse handeln, deren Interaktionen die Dynamik beispielsweise der Preise für Waren oder Arbeit bestimmen. Ihre Hypothese ist, dass Menschen, wenn sie einzeln entscheiden, anders handeln, als wenn sie als Marktteilnehmer unter der Voraussetzung Entscheidungen treffen, dass ihr Einflussvermögen als Einzelne gering ist.

Ausgangspunkt ihrer Studie, die in der Zeitschrift Science erschienen ist, ist die Annahme, dass Marktverhalten oft Kosten für nicht direkt daran Beteiligte verursacht. So würden die Herstellung und der Handel mit Gütern oft negative externe Folgen wie schlechte Arbeitsbedingungen haben, die mit Kinderarbeit, verkürzter Lebenszeit, Leiden von Tieren oder Umweltschäden verbunden sind. Menschen würden hier oft gegen ihre eigenen moralischen Werte handeln.

Die Ökonomen gehen davon aus, dass Marktverhalten deswegen moralische Maßstäbe schwächen, die Menschen beachten, wenn sie alleine entscheiden, weil bei einem Handel letztlich die Entscheidung geteilt wird - und damit auch die Verantwortung. Das könnte das Schuldempfinden mindern. Zudem würden durch Markthandeln, weil es gemeinsam geschieht, vorherrschende Normen deutlich werden. Schon der Vorgang des Handelns alleine könne eine vom Einzelnen moralisch anstößige Entscheidung legitimieren. Wenn man zudem sieht, dass andere moralische Maßstäbe beim Verfolgen ihrer eigenen Interessen ignorieren, wird die Nachahmung gefördert. Überdies konzentriere man sich beim Markthandeln auf "materialistische Aspekte wie Handeln oder Konkurrieren, was die Aufmerksamkeit von den negativen und amoralischen Folgen ablenken könne. Schließlich wird im Markt meist gesagt, dass der eigene Einfluss gering sei, weil andere die Geschäfte sowieso machen würden, selbst wenn man darauf verzichten sollte.

Mäuseleben gegen Geld. Bild: Harry20/CC-BY-SA-3.0

Um zu testen, ob Markthandeln, bei dem mindestens zwei Menschen interagieren, tatsächlich die individuell beherzigten moralischen Normen ausschaltet oder schwächt, wodurch auch schwere Beeinträchtigungen von Dritten in Kauf genommen werden, haben die Ökonomen ein Experiment entworfen, das für sie weitgehend unabhängig von unterschiedlich kulturell oder rechtlich geprägten Normen ist. Zugrunde liegt dem Experiment das von ihnen so genannte Mausparadigma. In Labors gezüchtete Mäuse werden normalerweise, wenn sie für Experimente nicht gebraucht werden, getötet. Im Experiment sollten die Versuchspersonen entscheiden, ob sie das Leben der jungen und gesunden Mäuse retten und dafür zahlen bzw. auf Geld verzichten würden oder ob sie lieber etwas verdienen wollen, sie dafür aber das Leben der Mäuse opfern. Den Versuchspersonen wurde eine solche überzählige lebendige Maus und ein Video gezeigt, wie die "überschüssigen" Mäuse getötet werden. Wenn sie hingegen weiterleben dürfen, so wurden die Versuchspersonen informiert, könnten sie noch zwei Jahre zusammen mit anderen Mäusen in einer mäusegerechten Haltung existieren. Entschieden sich die Versuchspersonen im Experiment gegen die Tötung, wurde die Maus gekauft und durfte weiterleben. Es ging also wirklich um Leben und Tod.

Die Entscheidung der Versuchspersonen fand in drei unterschiedlichen Szenarien statt, in denen Geld für Leben gehandelt wurde. Im ersten Szenario mussten sich 120 zufällig ausgewählte Versuchspersonen zwischen dem Überleben der Maus und dem Erhalt von 10 Euro entscheiden. Damit sollte herausgefunden werden, welche individuellen moralischen Maßstäbe außerhalb von Marktbedingungen vorhanden sind. Im zweiten Szenario - wie das dritte eine Entscheidung unter Marktbedingungen - verhandelten ein Verkäufer, in dessen Besitz die Maus war, und ein Käufer über den Preis für die Maus. Der Gesamtgewinn betrug 20 Euro, wobei der Verkäufer den Preis und der Käufer den Rest der 20 Euro erhielt. Den Handelspartnern war klar, dass bei einer Einigung die Maus sterben würde, während sie weiterleben konnte, wenn keine Einigung zustande kommt und keiner Geld erhält. Im dritten multilateralen Marktszenario mit 96 Versuchspersonen waren die Bedingungen wie im zweiten, es handelten aber neun Verkäufer mit sieben Käufern, alle miteinander in Konkurrenz. Die Versuchspersonen konnten die Angebote und Handelsabschlüsse auf einem Bildschirm verfolgen.

Tatsächlich "untergraben", wie die Ökonomen sagen, Märkte das moralische Handeln. Wenn sich die Versuchspersonen alleine entscheiden können, sind immerhin auch schon 45,9 Prozent bereit, die Maus zu töten, um 10 Euro zu erhalten. Der Anteil steigt jedoch auf 72,2 Prozent auf dem bilateralen Markt, wo die Versuchspersonen die Tötung der Maus für einen Preis von 10 Euro oder darunter akzeptieren. Im multilateralen Szenario waren es 75,9 Prozent, der Preis für eine Maus lag durchschnittlich bei 5,1 Euro.

Anteil derjenigen in den drei Szenarien, die das Leben der Maus gegen Geld opfern. Bild: Science

Ergänzend haben die Ökonomen 69 Personen befragt, ab welchem Betrag ab 2,50 Euro ansteigend bis 50 Euro sie willens wären, die Maus für Geld zu töten. Hier entschieden sich 42 Prozent für das Geld, ähnlich viel wie im ersten Szenario. Um die 71,9 Prozent im zweiten Szenario zu erreichen, müsste der Betrag bei dieser Befragung auf 42,5 Euro ansteigen. Es wäre also für einen individuell handelnden Menschen ein deutlich höherer Gewinn erforderlich, um seine moralischen Maßstäbe zu verändern. Ähnliche Ergebnisse ergaben sich, wenn die Versuchspersonen kein Geld, sondern Gutscheine erhalten konnten, um etwas einzukaufen.

"Unsere Ergebnisse zeigen", so Armin Falk, "dass die Akteure im Marktgeschehen gegen ihre eigenen moralischen Standards verstoßen." Allerdings hat sich auch gezeigt, dass in dem Experiment auch nicht alle Versuchspersonen bereit waren, in das Markthandeln zu jedem Preis einzutreten. Wie die Ökonomen schreiben, bekunden viele Menschen zwar ihre Ablehnung von "Kinderarbeit, anderen Formen der Ausbeutung von Arbeitern, nachteiligen Bedingungen für Tiere in der Fleischherstellung oder Umweltschäden", aber sie "scheinen gleichzeitig ihre moralischen Maßstäbe zu ignorieren, wenn sie als Marktteilnehmer handeln, die billigsten elektronischen, Mode- oder Lebensmittelwaren suchen und kaufen und dabei bewusst oder unbewusst die unerwünschten negativen Folgen verursachen, die sie im Allgemeinen ablehnen."

Die Ökonomen weisen auf die von Händlern gerne geäußerte Rechtfertigung hin: "Wenn ich nicht kaufe oder verkaufe, tut es jemand anderes." Diese Rechtfertigung sei bei moralisch neutralen Konsumgütern aber weniger bedeutsam: "Wenn kein Dritter zu Schaden kommt, verlieren Märkte diesen Einfluss auf unser Verhalten. Wenn ich mich nicht schuldig fühle, benötige ich keinen Handelspartner, um mein Gewissen zu erleichtern", erläutert Nora Szech. Beide Ökonomen erklären, sie würden mit ihrer Studie nicht prinzipiell Märkte kritisieren wollen, aber es sei doch notwendig, "dass wir als Gesellschaft darüber nachdenken müssen, wo Märkte angemessen sind und wo sie es nicht sind".

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