Magnete im Gehirn

Überreste eines alten Orientierungssystems?

Daß jeder von uns einen persönlichen Magnetismus besitzt, wird vielleicht eine wissenschaftliche Grundlage mit der kürzlich erfolgten Entdeckung von magnetischen Teilchen im menschlichen Gehirn erhalten. Die Frage, die Biologen beschäftigt, ist, für was diese kleinen Magnete gut sein könnten, die sich in unserem Gehirn befinden.

Winzige Kristalle aus Magnetit, einem häufig vorkommenden Eisenerz, wurden von einer Forschergruppe des Institute of Technology in Pasadena im Kopf isoliert. Diese Kristalle, die ungefähr 10 Nanometer, also nur 10 Millionstel eines Millimeters, lang sind, finden sich in bestimmten Bereichen des Gehirns in bedeutsamen Mengen. Ihre Konzentration schwankt von durchschnittlich 4 Nanogramm pro Gramm Gehirngewebe bis zu 70 Nanogramm in der Meninx, d.h. in den Membranen, die unser Gehirn bedecken. Das sind 5 Millionen magnetische Kristalle pro Gramm Gehirngewebe, die Verbindungen zwischen 50 und 100 Teilchen bilden.

Noch erstaunlicher ist, daß sie dieselbe Form besitzen, wie man sie in Bakterien gefunden hat, und aus einem inneren biologischen Prozeß hervorgegangen sein müssen. Worin könnte ihr Nutzen bestehen? Man hat Magnetit bereits bei Schweinen, Lachsen, Schildkröten sowie Bienen gefunden und glaubt, daß diese Kristalle als Kompaß dienen, mit dem sich Lebewesen im Verhältnis zum magnetischen Feld der Erde orientieren.

Aber beim Menschen? Dienen sie hier als temporäres Eisenlager oder sind sie Überreste der Orientierungssysteme der Bakterien und Zugvögel? Einige Wissenschaftler nehmen an, daß die Kristalle von leichten magnetischen Feldern beeinflußt werden, die sich dauernd in unserer Umgebung befinden, z.B. von den Feldern, die von Hochspannungsleitungen oder von elektrischen Apparaten wie Wäschetrocknern, Rasierapparaten, Wärmedecken oder Computerbildschirmen erzeugt werden.

Die biologischen Auswirkungen elektromagnetischer Felder mit niedriger Frequenz sind umstritten. Es ist ziemlich wahrscheinlich, daß die kleinen Magnete in unserem Kopf die Debatte erneut beleben werden.

Aus dem Französischen übersetzt von Florian Rötzer (Joel de Rosnay)

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