Make Britain Great Again

The Long Good Friday

Die Themse, der Brexit und ein Gangsterfilm

Brexiteers gehen nicht ins Kino. Das ist dumm von ihnen. Hätten sie The Long Good Friday gesehen, den besten Film zum EU-Beitritt des Vereinigten Königreichs, wäre ihnen viel früher aufgefallen, dass sie den Ausgang aus der Europäischen Union nur finden werden, wenn sie das aus alten Kolonialzeiten geerbte Nordirland-Problem lösen können. Träume von vergangener Größe, sagt der Film, sind dabei nicht hilfreich.

Mehrere Gangster und eine Milchdiebin

Die besten britischen Gangsterfilme entstanden in den 1970ern. Eingeläutet wurde das von der Ölkrise, landesweiten Streiks und der Aufnahme Großbritanniens in die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (die Vorläuferorganisation der EU) geprägte Jahrzehnt von Mike Hodges’ Get Carter, in dem ein Auftragskiller aus London zurück in seine nordenglische Heimat fährt, um den Tod seines Bruders zu rächen. Am Ende der Dekade drehte John Mackenzie mit The Long Good Friday eine Rachetragödie, in der sich schon der Thatcherismus der 1980er ankündigt.

Als Michael Caine alias Jack Carter in einer Bar in Newcastle ein Bier in einem dünnwandigen Glas bestellte war die von den heutigen Brexiteers als Heldin verehrte Margaret Thatcher gerade dabei, sich den Ruf einer Milchdiebin zu erwerben, weil sie in ihrer Funktion als Bildungsministerin einer konservativen Regierung die Gratismilch an Schulen abschaffte. Ihre Gegner skandierten damals "Thatcher, Thatcher, milk snatcher", und sie selbst erklärte die Aktion später zum Fehler, weil sie dem Staat, der sich so weit wie möglich aus dem Leben seiner Bürger zurückziehen sollte, nicht genug Geld eingespart hatte (verglichen mit dem damit eingehandelten Ärger).

Mehrere Gangster und eine Milchdiebin (8 Bilder)

Get Carter

Im Sommer 1979, als Bob Hoskins als Gangster-Thatcherist Harold Shand auf der Themse herumfuhr und patriotische Reden hielt, war die "eiserne Lady" soeben Premierministerin geworden und schickte sich an, eine neoliberale Politik durchzusetzen, die dafür sorgen würde, dass das London von The Long Good Friday genauso umgepflügt und seiner Identität beraubt wurde wie die nordenglischen Industriereviere, deren Tristesse Jack Carter entkommen will, indem er für Leute wie Harold Shand die Drecksarbeit erledigt.

Beiden Filmen ist gemeinsam, dass sie die Handlung aus Schauplätzen heraus entwickeln, die es bald nicht mehr geben würde, weil ihnen der Thatcherismus den Garaus machte. Da die EU-Bürokratie in Brüssel schon immer ein beliebter Sündenbock für hausgemachte Probleme der Mitgliedsstaaten war sagten viele Leidtragende der unter Margaret Thatcher eingeleiteten Umwälzungen 2016 Nein zu Europa, obwohl sie eigentlich der eigenen Regierung und ihrer Sparpolitik einen Denkzettel verpassen wollten. Darum ist The Long Good Friday bis heute so aktuell geblieben, auch wenn es da um die EU-Mitgliedschaft geht und nicht um den Brexit.

Wahrscheinlich kann man das ewige Brexit-Drama nur verstehen (oder zumindest einen nicht von vornherein zum Scheitern verurteilten Versuch unternehmen), wenn man eine Ahnung von englischer Geschichte hat und von ein paar Ereignissen, die sich in die kollektive Erinnerung der Engländer eingebrannt haben. Wir werden darum nicht nur ein Stück weit auf der Themse flussabwärts schippern, sondern auch zu einer kleinen Reise durch die Vergangenheit aufbrechen und unterwegs einigen illustren und weniger illustren Persönlichkeiten begegnen.

Unter anderen werden wir Sir Francis Drake treffen, den Freibeuter der Königin; mehrere Premierminister; Postboten aus der Karibik; den Politiker Enoch Powell, der eine berüchtigte Rede hielt; einen Celebrity-Gangster, der ein Freund von Bob Hoskins und Hauptdarsteller in einem Sensationsprozess war; einen Vertrauten von Margaret Thatcher und Nordirland-Minister in spe, der von der IRA in die Luft gesprengt wurde. Elisabeth I. wird ihren Brustpanzer anlegen und Eric Idle von den Monty Python’s als Retter in der Not auftreten. The Long Good Friday werden wir dabei nie aus den Augen verlieren. Dieser Gangsterfilm ist die ideale Andockstation, weil sich so viel historisches Treibgut in ihm findet.

Ein Film zum Selberdenken

The Long Good Friday beginnt mit einer Abfolge von Szenen, die einen zum Mitdenken animieren sollen. Beim schottischen Regisseur John Mackenzie muss man immer damit rechnen, dass einem eine gedankliche Eigenleistung abverlangt wird. Filme, die unterstellen, dass das Publikum grundsätzlich eher dumm ist und mit einer Aneinanderreihung leicht konsumierbarer Häppchen abgespeist werden sollte, waren seine Sache nicht. Bevor er sich der Londoner Unterwelt widmete hatte er für die BBC Alan Garners Fantasy-Roman Red Shift adaptiert, wo drei Geschichten und drei Zeitebenen miteinander kombiniert werden.

Zu den Vorspanntiteln sehen wir ein abgelegenes Bauernhaus. Zwei Männer sitzen an einem Tisch und warten. Schnitt. Ein Mann mit einem Koffer verlässt eine Fähre. Später werden wir erfahren, dass das Colin ist, Mitglied der Bande von Harold Shand. In einem der vielen exzellenten Dialoge des Films wird Harold sagen, dass Colin keiner Fliege etwas zuleide tun konnte - nicht, wenn es nicht nötig war. Colin ist ein Villain wie Jack Carter oder Chas in Performance (dem dritten der großen britischen Gangsterfilme der 1970er), also ein Mann, der mit Gewalt droht und sie auch anwendet, um die wirtschaftlichen Interessen der Bande durchzusetzen.

Ein Film zum Selberdenken (1) (26 Bilder)

The Long Good Friday

Phil Benson, Colins Chauffeur, hat schon sein Minicab von der Fähre geholt. Colin steigt ein, öffnet den mit Pfundnoten gefüllten Koffer. Er steckt zwei Geldbündel ein und lässt sich zu einem Treffpunkt fahren, wo er den Koffer übergibt. Nach getaner Arbeit geht Colin mit Phil in eine von Schwulen frequentierte Kneipe und hält unter den jüngeren Gästen Ausschau nach einem Partner für die Nacht. Damit ist das Milieu etabliert, das man mit Londoner Gangstern assoziiert, seit die Kray-Zwillinge, Ronnie und Reggie, im East End das Regiment führten und Britanniens Filmemacher zu einigen herausragenden Leistungen inspirierten.

Ein Mann bringt den Koffer zum erwähnten Bauernhaus, wo er mit zwei anderen das Geld zählt. Die Drei haben gerade festgestellt, dass etwas fehlt, als sie von Männern mit automatischen Waffen überfallen werden. In der Kneipe sind Benson, Colin und sein One-Night-Stand bereit zum Aufbruch. Colin kauft noch Zigaretten, Benson und der schwule Jüngling gehen vor. Auf dem Parkplatz werden sie von mehreren Bewaffneten überrascht, in Bensons Minicab gedrängt und entführt. Wer genau hinschaut kann den Namen der Kneipe erkennen: Fagan’s. In Irland findet man ihn oft.

Als Colin auf den Parkplatz kommt ist niemand mehr da. Das Minicab hält auf einem Feldweg an. Neben einem Stacheldrahtzaun werden zwei Leichen abgelegt: Benson und der junge Mann aus der Kneipe, der das Opfer einer Verwechslung wurde. Der nächste Filmschnitt überbrückt einen Zeitsprung von neun Tagen und einen Ortswechsel. Bisher waren wir in Belfast und Umgebung, jetzt sind wir am Londoner Bahnhof Paddington. Es ist Karfreitag (englisch: Good Friday). Aus einem Güterwaggon wird ein Sarg ausgeladen und zu einem Leichenwagen gebracht. Auf dem Bahnsteig steht eine Frau in Trauerkleidung.

Ein Film zum Selberdenken (2) (30 Bilder)

The Long Good Friday

Eine Straße im Londoner West End. Razors, einer von Shands Villains, poliert die Scheibe eines Rolls Royce. Auf der anderen Straßenseite, vor dem Restaurant "Boulevard" (heute das "Ask Italian", in der Wigmore Street), sitzen Jeff und Harris beim Lunch. Jeff ist Shands rechte Hand. Harris ist Stadtrat und übergibt Jeff geheime Unterlagen aus dem Bauausschuss. Als er sich verabschiedet hat tritt die Frau in Schwarz an den Tisch und spuckt Jeff ins Gesicht. Seit dem Anfang in Belfast sind neun Minuten vergangen. Mit Ausnahme einiger weniger Sätze, die Jeff und Harris wechseln, gab es keine nennenswerten Dialoge.

Noch vor dem ersten Auftritt der Hauptfigur haben Drehbuch und Regie - in Bildern und ohne wortreiche Erklärungen - mehrere Erzählstränge etabliert, die nebeneinander herlaufen und sich gelegentlich überschneiden, bis der Film sie kunstvoll zusammenführt. Bindeglieder sind illegale Geldflüsse, Korruption im öffentlichen Sektor, Bauprojekte. Das alles spielt sich in einer von Gewalt dominierten Männerwelt ab, in der sich die Frauen behaupten müssen, so gut sie können. Verkehrsmittel sind Vehikel des Todes. Der Rolls Royce wird bald in die Luft fliegen. Benson wird in seinem Minicab ermordet. Ein Zug transportiert die Leiche.

Beim zweiten Sehen merkt man, wie genau das konstruiert ist. Colin schafft es heil zurück nach London, ist aber in dem Moment bereits so gut wie tot, in dem er in Belfast die Fähre verlässt (auch ein Verkehrsmittel). Nach der Spuckattacke (die Frau in Schwarz ist Bensons Witwe) sehen wir eine Concorde der British Airways. Harold Shand kommt von einer Amerikareise zurück. Wenn er aus dem Flugzeug steigt wird er Teil eines Rachedramas, das ihn mit der Unerbittlichkeit der elisabethanischen Tragödie in den Abgrund reißen wird. Er weiß es nur noch nicht. Die Logik der Bilder, die den Film bestimmt, lässt kein anderes Ende zu.

Die ersten neun Minuten sind das, was vom ursprünglichen Anfang übrig ist. Mackenzie hatte vor, mit einer Szene in den italienischen Alpen zu beginnen, in der das Geld erbeutet und in den Koffer gepackt werden sollte. Danach wollte er den Weg des Koffers quer durch Europa zeigen, bis nach London (mit Blick auf das Parlament in Westminster, weil Politik und organisiertes Verbrechen unter einer Decke stecken) und von da weiter, über die Irische See nach Belfast. Durch die üblichen Einwände ließ er sich überzeugen, dass es besser sei, den Weg des Geldes zu entfernen: zu lang, für das Publikum zu kompliziert und so weiter.

Schade eigentlich. Man kann sich gut vorstellen, dass uns da ein Europa präsentiert worden wäre, in dem die Geschäftemacher davon schwärmen, dass es für den Verkehr von Geld und Waren keine Grenzen gibt, während sich für Menschen die Schlagbäume nur öffnen, wenn sie Produktivität und Profite steigern und nicht als Gefahr für die Gruppenidentität wahrgenommen werden. Zum Rest des Films hätte das gut gepasst. Harold Shand ist ein Rassist, in dessen Ideal von England kein Platz für schwarze Einwanderer aus den Kolonien ist. Stadtrat Harris, sein Kontaktmann zur Politik, ist Bau- und Abrissunternehmer und braucht billige Arbeitskräfte aus Irland.

Genese eines Gangsterfilms

The Long Good Friday entstand, weil sich der Produzent Barry Hanson von Barrie Keeffe, früher Lokalreporter und inzwischen Dramatiker im Hauptberuf, ein Drehbuch für einen Fernsehfilm wünschte. Bei einem Abendessen unterhielten sie sich darüber, was sie beide gern sehen würden. Keeffe liebte die amerikanischen Gangsterfilme der 1930er mit James Cagney, Edward G. Robinson und Humphrey Bogart. Außerdem war er fasziniert von den echten Gangstern, die in South East London operierten, wo er geboren und aufgewachsen war.

Diese Faszination begann mit einer denkwürdigen Begegnung in der Toilette eines von Ronnie und Reggie Kray betriebenen Pubs in Bethnal Green. Barrie war 17 und stand an einem Urinal, als Ronnie hereinkam, sich neben ihn stellte und ihn ansprach. Ronnie fragte ihn, was er "von dem da" halte: "Ich wusste, dass er schwul war, und das Herz rutschte mir in die Hose. Was sollte ich mir anschauen? Ich dachte, dass er seinen Schwanz meinte. Ich hatte furchtbare Angst. Die Rede war aber von einer Pistole, und er sagte Sachen wie: ‚Fühlt sich gut an, was?’"

The Public Enemy, The Petrified Forest, Little Caesar

Keeffe hatte das nie vergessen, und jetzt, da er doppelt so alt war wie damals, als ihm Ronnie Kray seine Pistole zeigte, bot sich die Gelegenheit, etwas daraus zu machen. Er wollte das Drehbuch für einen Gangsterfilm mit Humphrey Bogart schreiben, allerdings mit einem Bogart, der wie er aus South East London stammte und das Englisch der Cockneys sprach. Hanson mochte die Idee, aber Keeffe fiel zunächst nichts mehr dazu ein, bis ihn eine Autofahrt durch die Docklands unterhalb der Tower Bridge auf eine Idee brachte.

Keeffe beobachtete seit einiger Zeit, wie die Bewohner der heruntergekommenen Gegend um Canary Wharf und die Isle of Dogs von reichen Yuppies verdrängt wurden, die es schick fanden, nach aufwändigen Sanierungen dort zu wohnen. Das hatte Bauträger und Spekulanten angezogen. Wie wäre es also mit einem Gangster, der auf dem dort entstehenden Immobilienmarkt mitmischen will? Und wer sollte sein Gegner sein? Naheliegend wäre ein Bandenkrieg wie der gewesen, den sich die Krays in den 1960ern mit den Richardsons geliefert hatten, ihren Rivalen aus South London. Keeffe reizte das nicht besonders.

Dann hörte er am Gründonnerstag 1977 im Radio, dass man in Belfast das ruhigste Ostern seit Beginn der Troubles erwarte. "Troubles" war der Euphemismus für den Bürgerkrieg, bei dem mehr als 3000 Menschen starben. Mit einem Bekannten ging Keeffe in ein irisches Pub in Nordlondon: "Die Band spielte Rebellenlieder, und plötzlich hörten sie auf und verbrannten auf der Bühne den Union Jack, und Geld wurde eingesammelt. Der Typ, mit dem ich da war, sagte: ‚Lass keinen deinen Akzent hören, tu einfach das Geld rein.’"

Keeffe kam das vor wie eine Form von Schutzgelderpressung, wenn auch eine mit politischem Hintergrund. Damit hatte er das Gerüst für die Geschichte, die er erzählen wollte: Ein Gangster, der versucht, seine Geschäfte zu legalisieren, indem er sich auf Immobilienspekulationen und Stadtentwicklung verlegt, gerät in eine Auseinandersetzung mit der IRA. Nach dem langen Osterwochenende war der erste Entwurf fertig. Am Schluss kam eine Geschichte dabei heraus, die am Karfreitag beginnt und - nach etwa 36 Stunden - am Abend vor Ostersonntag endet.

Die Wahl des zeitlichen Rahmens ist geschickt. Durch den Karfreitag hat man - beim "Nordirlandkonflikt" (auch eine Beschönigung) nicht ganz unwichtig - automatisch die Religion mit dabei. The Long Good Friday ist ein ziemlich frecher, respektloser Film, und wunderbar subversiv. Wenn Harold am Karsamstag von einem Killer der IRA erschossen wird (der Freitag wäre vermutlich doch zu pietätlos gewesen) drängt sich die Frage auf, ob er am Ostersonntag wiederaufersteht. Dadurch gerät der Gangster in die Nähe zu Jesus Christus, was der katholischen Kirche so wenig gefallen haben kann wie den Protestanten.