Malbouffe und José Bové - Wider die Industrialisierung der Landwirtschaft

Französische Bauern gegen McDonald

Spätestens seit dem Auftreten von BSE in Deutschland scheint es klar zu sein: mit der Landwirtschaft hierzulande stimmt etwas nicht. Dank einheitlicher Agrarstrukturen leiden die meisten EG-Länder unter ähnlichen Problemen. Gegen diese Strukturen, wie auch den Einheitsfutter-Imperialismus von Unternehmen wie McDonalds erhoben sich im August 1999 eine Handvoll Bauern im französischen Millau. Unter der Führung von José Bové und Francois Dufour zerlegten sie dort eine im Bau befindliche McDonalds-Filiale - und wurden zu Volkshelden. Über diese Aktion, ihre Rolle im Kampf gegen die "Agromultis" und die Degeneration der Landwirtschaft haben sie zusammen mit Gilles Luneau ein Buch geschrieben, das nun auch auf Deutsch erschienen ist.

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"Die Welt ist keine Ware" heißt das Buch, und das ist auch Programm. Die Aktion in Millau wird im Detail aus der Sicht ihrer beiden Hauptakteure beschrieben, im Interview mit Gilles Luneau. Es wird klar, dass José Bové nicht der einfache Bauer ist, der plötzlich durchgedreht ist, sondern, dass die Aktion in Millau sehr bewusst von ihm inszeniert wurde, bis hin zu dem berühmten Foto, das ihn mit hocherhobenen Händen in Handschellen zeigt.

"Meine Handschellen waren das sichtbare Zeichen meiner Verhaftung, meiner Inhaftierung. Deshalb war mir spontan klar, welche Bedeutung dieses Foto später haben könnte, wenn ich wieder draußen wäre. Das Foto ist kein Produkt des Zufalls, man könnte fast sagen, dass es gestellt ist, dass ich posiere."

Man erfährt José Bové als einen geschickten Medientaktiker, der mit seinen Aktionen versteht, sich ins Bewusstsein der Medien und damit der Öffentlichkeit zu bringen. Er erscheint im Buch engagierter und charismatischer als François Dufour, Generalsekretär der Conferation Paysanne, der linken Bauerngewerkschaft Frankreichs. So ist die Vorgeschichte der McDonalds-Aktion auch eher eine Geschichte von José Bové, der schon immer begeistert für sein Recht und das der Anderen gekämpft hat. Er lese viel und sei ein "hervorragender Kenner der internationalen Arbeiterbewegung".

"In den Staats- und Technikanalysen von Jacques Ellul, Theologe und Professor für Politologie in Bordeaux, fand José das begriffliche Instrumentarium, um seine Revolte theoretisch zu untermauern. 'Er hat als Erster eine Theorie über die Verselbständigung der Technik entwickelt und analysiert, wie Wirtschaft und Staat ein Opfer der Technik werden, die ihrer eigenen Logik folgt.'"

José Bové

Dann ist das Buch wieder sehr persönlich und zeigt, dass der Held Bové eine Familie mit Töchtern und einer starken Frau hat, die nicht nur zu ihm steht, sondern sich selbst schon immer engagiert hat. Ohne sich allzusehr zu Helden zu stilisieren, geben die beiden Antworten auf die Fragen von Gilles Luneau. Diese bilden den thematischen Rahmen des Buches: Von der bewegten Biographien François Duffours und vor allem José Bovés geht es über die unmenschliche und widernatürliche Industrialisierung der Landwirtschaft und die Gentechnologie bis nach Seattle mit Globalisierung und Neoliberalismus - auch dort war José Bové selbst vor Ort.

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Der zweite, umfangreichere Teil des Buchs widmet sich den strukturellen Problemen der Landwirtschaft und den Grundübeln der Welt. "Malbouffe" ist der Begriff, der für die ganze Kette von der Erzeugung bis zum geschmacklosen Fraß auf unseren Tellern steht. Er ist ist zum Schlagwort und schließlich zum medial vermittelten Feindbild geworden. Kein Zeitungsartikel über José Bové ohne diesen, von ihm geschaffenen Begriff - eine sprachliche Anomalie:

"Die Wortprägung "la malbouffe" (das Schlechtessen) hat sich im gesamten französischen Sprachraum wie ein Lauffeuer verbreitet. Der Ausdruck weckt Befremden: ein weiblicher Artikel (la) vor einem männlichen Präfix (mal) ... Man dreht und wendet das Wort im Mund und wagt nicht recht, es auszusprechen. Es hinterlässt einen merkwürdigen Nachgeschmack und erscheint wie eine sprachliche Fehlkonstruktion. .. Und man sagt sich: Das Wort trifft den Nagel auf den Kopf."

Für den deutschen Leser ist es stellenweise ein Problem, sich im Dickicht der Akronyme französischer Agroverbände zurechtzufinden. Doch lassen sich die meisten Aussagen ohne weiteres auf die deutsche Situation übertragen.

Die Industrialisierung der Landwirtschaft ist das Hauptziel der Kritik von José Bové und François Dufour. Ohne explizit auf Marx Bezug zu nehmen, schildern sie eine Welt in der der Bauer in dramatischer Weise von seinem Land, seinen Tieren und von sich selbst entfremdet wird. Sie zeigen die Bauern in einem Abhängigkeitsverhältnis von Konzernen, das durch Globalisierung und Gentechnik nur noch verschärft wird.

Formal versuchen die Autoren in dem Buch eine Art Argumentation durch die Form des Interviews aufzubauen. Die Fragen von Gilles Luneau erscheinen fast künstlich, überausführlich, ganz ähnlich wie die Fragen in FAQs. Vielleicht liest es sich deswegen für Internetmenschen so gut. José Bové und François Dufour zeigen mit ihrem Buch, dass der Kampf nicht schon von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Nur komisch, dass ein deutscher José Bové so schwer vorstellbar ist ...

José Bové, François Dufour: Die Welt ist keine Ware: Bauern gegen Agromultis. 2001, Rotpunktverlag, Zürich. 30 Mark. (Oliver Frommel)

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