Mali: Wie bei einem "Routineeinsatz" Soldaten "verunglücken"

Landschaft um Anefis und Kidal in Nordmali. Bild: MINUSMA/Marco Dormino/CC BY-NC-SA-2.0

Wenn statt über einen Krieg über technische Defekte diskutiert wird

Am 26.7.2017 ist um etwa 14:00 Uhr deutscher Zeit in Mali nach Angaben der Bundeswehr "circa 70 km nordöstlich von Gao" ein Kampfhubschrauber vom Typ Tiger in Mali abgestürzt. Am Abend wurde bestätigt, dass beide Besatzungsmitglieder verstorben seien. Man gehe zunächst von einem technischen Defekt aus, hieß es auf der Facebook-Seite der UN-Mission MINUSMA, in deren Rahmen die Bundeswehr vor Ort ist.

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Noch am späten Abend äußerte auch der stellvertretende Generalinspekteur Admiral Rühle, dass keine Hinweise auf Fremdeinwirkung bestünden. Entsprechend sind wohl auch die Obleute im Bundestag informiert worden. Spiegel Online berichtet ebenfalls noch am Abend auf Grundlage der Beschreibung der Piloten eines weiteren Bundeswehr-Kampfhubschraubers in Sichtweite, "dass der verunglückte Tiger urplötzlich und ohne einen Notruf mit der Nase nach vorne abgekippt und dann sofort im Sturzflug zu Boden gegangen sei".

Somit dominierte bereits am ersten Tag nach dem Absturz, noch bevor der Flugschreiber gefunden wurde, die These vom technischen Defekt die Berichterstattung. Das Verteidigungsministerium hatte zudem als erste Reaktion angekündigt, dass die Tiger vorerst keine "Routineflüge" mehr in Mali absolvieren sollten, sondern nur noch Einsätze "bei unmittelbarer Gefahr für Leib und Leben" stattfinden sollten.

Damit bestand das herrschende Narrativ in den Medien darin, dass deutsche Soldaten bei einem Routineeinsatz durch einen technischen Defekt "verunglückt" seien - so etwa die Frankfurter Rundschau. Entsprechend fokussierte sich die Debatte, sobald der Verlust bestätigt war - neben einer geheuchelten Anteilnahme gegenüber den Toten und ihren Angehörigen -, auf vermeintlichen Ausrüstungs- und Personalmängel, die es zu beheben gelte.

Erstaunlich wenig wird demgegenüber die Frage gestellt, was ein "Routineeinsatz" eines Kampfhubschraubers eigentlich bedeutet und welchen Sinn und Zweck der Einsatz der Bundeswehr in Mali hat. Im Narrativ des Unfalls schwingt mit, dass es keinerlei Bezug zu Kampfhandlungen gegeben hätte und was die Aufgabe der Soldaten angeht wird meist von einer Friedensmission oder der "Überwachung des Friedensabkommens zwischen der Regierung und den Rebellen" die Rede (so etwa die FR in bereits oben angesprochenen Artikel).

Auch dass tatsächliches Interesse am Auftrag und die Auseinandersetzung mit der Situation in Mali so gering sind, entlarvt die vermeintliche Anteilnahme am Tod der Soldaten als pure Sprachregelung und Heuchelei. Tatsächlich aber fand der mögliche Zusammenhang des Absturzes mit einer bewaffneten Auseinandersetzung am Boden kaum Beachtung, obwohl es durchaus Anzeichen gab.

Die ersten Hinweise über den Absturz kamen von den UN. Der stellvertretende Sprecher des UN-Generalsekretärs sprach in der täglichen Pressekonferenz vom 26.7. davon, dass die Hubschrauber "Konfrontationen am Boden überwacht" hätten und "die Absturzstelle erst gesichert werden musste", bevor die Untersuchungen zur Ursache beginnen könnten.

Zwar griff Spiegel Online als eines von sehr wenigen deutschen Medien diese Aussage auf, nicht aber ohne gleich eine Art Schlussstrich zu ziehen: "In den Stunden nach den ersten Meldungen sorgte die Uno für reichlich Verwirrung. So befeuerte die Organisation mit Meldungen, die beiden Helikopter seien über einem Kampfgebiet unterwegs gewesen, weitere Spekulationen über einen Abschuss der Maschine. In Bundeswehrkreisen herrschte über diese Kommunikationspolitik Kopfschütteln."

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Worin ein "Routineeinsatz" von Kampfhubschraubern jenseits eines "Kampfgebietes" bestehen und warum die Kampfhubschrauber sonst nördlich von Gao unterwegs gewesen sein sollten, darüber verliert der Beitrag zugleich kein Wort, obgleich er Auftrag und Funktion der Tiger im Prinzip ganz treffend benennt: "Konkret schützen die gepanzerten Helikopter, die mit Luft-Boden-Raketen ausgestattet sind, Konvois und sollen bei Notfällen, also wenn UN-Soldaten am Boden angegriffen werden, schnell eingreifen".

Wichtigstes Argument für ihre Entsendung war jedoch Anfang des Jahres der Schutz von Verwundetentransporten aus Gefechtsszenen. Jetzt sieht es andersherum so aus, dass offensichtlich Bodentruppen ausrücken mussten, um die Bergung des "völlig ausgebrannten Wrack[s]" (Spiegel Online) abzusichern.

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