"Man hätte besser 80.000 statt 80 Russen umgebracht"

Das "Mescheder Sühnekreuz" zum Gedenken an 80 ermordete "russische Zwangsarbeiter" nach seiner Ausgrabung im November 1964 mit den Spuren von Äxten, Feuer, Erdlagerung seit 1947 sowie verwitterter Inschrift. Bild: Archiv Peter Bürger

Die Leiden der sowjetischen und polnischen Arbeitssklaven im NS-Regime sind für das deutsche Geschichtsgedächtnis bis heute kein nennenswertes Thema

Im "Großdeutschen Reich" standen Ulrich Herbert zufolge von 1939 bis 1945 schätzungsweise 8,5 Millionen zivile und 4,6 Millionen kriegsgefangene Ausländer - mit großer Mehrheit zwangsweise - im Arbeitseinsatz für die Kriegswirtschaft (hinzu kamen die Arbeitssklaven aus KZs). Im August 1944 machten diese Menschen laut Melderegister nahezu 30 Prozent der im "Reich" Beschäftigten aus! Das während des 2. Weltkrieges im deutschen Alltag - bis in die kleinen Dörfer hinein - allgegenwärtige System der Zwangsarbeit gehörte zur Massenmordapparatur des von Deutschland geführten Eroberungs- und Rassekrieges.

Nach Kriegsende wollte freilich niemand etwas von den Misshandlungen der zur Zwangsarbeit ins Land geholten bzw. verschleppten Menschen wissen, auch nichts vom Widerstand der sogenannten Ostarbeiter und von den Massenmorden an ausländischen Arbeitssklaven kurz vor Kriegsende. Vielmehr setzte sich - sehr bald auch in der regionalen Geschichtsschreibung - die leitende Überschrift "Russenplage" durch.

Kennzeichnung "Ost" für Zwangsarbeiter aus der Sowjetunion. Bild: Doc.Heintz. Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Die deutsche Bevölkerung, die doch mit großer Mehrheit dem NS-Sklavenhalterstaat Loyalität oder stillschweigende Duldung gewährt hatte, fühlte sich auch an dieser Stelle nicht als Teil der Täterseite, sondern als Opfer. Im Kalten Krieg durfte man dann gen Osten weiterhin ungeniert zum Besten geben, was man unter Adolf Hitler verinnerlicht hatte.

Noch vergleichsweise (!) "zivil" fiel während des Krieges etwa die Behandlung französischer Gefangenenarbeiter aus. Der Einsatz von ca. zwei Millionen polnischen Arbeitssklaven, die in nennenswertem Umfang über regelrechte Menschenjagden rekrutiert worden waren und als Erkennungszeichen ein "P" auf der Kleidung trugen, galt hingegen schon als große Gefahr für die "Rasse-Reinheit im Arier-Staat" und ging entsprechend mit einem bis ins letzte Detail ausgearbeiteten Repressionsinstrumentarium einher. Auf Beischlaf mit deutschen Partnern stand die Todesstrafe.

Eine sauerländische Mutter zieht, ihre Kinder schützend, an dem am 3.5.1945 nahe Suttrop entdeckten Massengrab der ermordeten 57 Frauen und Männer vorbei. Bild: United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of National Archives and Records Administration, College Park

An einen Zwangsarbeitseinsatz von Menschen aus der Sowjetunion war zunächst - unter dem Vorzeichen einer "optimistischen" Kriegsverlaufsprognose - ganz und gar nicht gedacht. Den am Massenmordfeldzug im Osten beteiligten Soldaten vermittelte man, in der Sowjetunion stoße man auf "Untermenschen" und "Bestien". Nicht anders fiel im Zuge der "antibolschewistischen" Dauerberieselung die Betrachtungsweise an der Heimatfront aus. So hieß es z.B. noch in SD-"Meldungen" vom 17.8.1942 über Stimmungen im Reich, die durch die Wochenschaubeiträge über den Krieg in der Sowjetunion weiter verstärkt worden waren:

Es würde mit Sorge gefragt, was wir mit diesen "Tieren" in Zukunft anfangen wollten. Viele Volksgenossen stellen sich vor, dass sie radikal ausgerottet werden müssten. Zusammen mit den Gewalttaten entflohener russischer Kriegsgefangener bildete sich eine gewisse Angst davor heraus, dass diese Gestalten und Typen in größerer Zahl in das Reichsgebiet kommen könnten und gar als Arbeitskräfte Verwendung finden sollten.

Lagebericht des Sicherheitsdienstes des Reichsführers-SS (SD-Meldung)

Der Tiervergleich gelangte sogar in antibolschewistische Predigten des katholischen Militärbischofs Franz Justus Rarkowski und seines einstigen Untergegebenen Erzbischof Lorenz Jaeger (Paderborn). NS-Obrigkeit, Volk und Militär schienen sich einig zu sein: Ausrottung war angesagt. Bis Ende 1941 fielen 3,5 Millionen sowjetische Kriegsgefangene in die Hand der Wehrmacht. Man ließ mehr als die Hälfte von ihnen durch Hunger, Kälte, Erschöpfung, verweigerte medizinische Hilfe oder direkten Mord mit der Waffe krepieren.

Insgesamt kamen bis Kriegsende von den etwa 5,7 Mio. sowjetischen Kriegsgefangenen 3,5 Mio. in deutschem Gewahrsam ums Leben.

Ulrich Herbert

Alsbald aber gelangte man zur neuen Einschätzung, dass ohne "Russen" die deutsche Kriegsindustrie nicht mehr aufrechterhalten werden konnte. In zweieinhalb Jahren verfrachtete der 1942 eingesetzte Generalbevollmächtigte Sauckel mit zahllosen Helfershelfern und brutalster "Effizienz" allein etwa 2,5 Millionen sowjetische Zivilisten zur Zwangsarbeit nach Deutschland. Sie wurden an der Kleidung mit einem "O" ("Ostarbeiter") gebrandmarkt und rangierten zusammen mit den Polen ganz unten in der gemäß NS-Rassenideologie konstruierten Hierarchie. Die von mir angeführten Zahlen fallen wesentlich höher aus, wenn z.B. auch die Zwangsarbeit in den besetzten Ländern mit berücksichtigt wird.

Am Massengrab "russischer Zwangsarbeiter" nahe Suttrops. Ein Captain der US-Army nimmt Informationen zur Identifikation eines Mordopfers auf. Aufnahme vom 3. Mai 1945. Bild: United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of National Archives and Records Administration, College Park

Der Einsatz der Arbeitssklaven erfolgte in Industriebetrieben und Landwirtschaft, aber auch bei Arbeiten im öffentlichen Raum und sogar in Privathaushalten. Wenn eine Lagerleitung korrupt war, kam nicht einmal die vorgeschriebene Überlebenskost in den Napf. Zum sadistischen Quälen der Zwangsarbeiter gab sich nur eine Minderheit von "Ordnungskräften", braunen Bauern oder Parteileuten her, aber der Kreis der Beifall-Klatschenden war größer. Überdies betrachtete die breite Bevölkerung - zuschauend und nutznießend - die sich vor ihren Augen Tag für Tag vollziehende Arbeitssklaverei im "Arier"-Staat als etwas ganz Normales. Folgerichtig gab es an dieser Stelle ab 1945, so nicht ohnehin plötzliche Amnesie eintrat, auch kein schlechtes Gewissen.

Zwei Beispiele aus meiner Heimatregion mögen die menschenverachtenden Verhältnisse anschaulicher machen: Als ein Landwirt am Telefon Nothilfe für einen Zwangsarbeiter erbat, soll ein Arzt (NSDAP-Mitglied) in meinem Geburtsdorf gesagt haben, "für Russen sei das [Auto-]Benzin zu schade". In der Kreisstadt Meschede wollten Zwangsarbeiter des Rüstungsbetriebes Fritz Honsel nach ihrer Befreiung 1945 einen sadistischen Hilfspolizisten aus Rache töten. Der davon eilends in Kenntnis gesetzte katholische Pfarrvikar soll laut Publikation des Stadtarchivs im Affekt geantwortet haben: "Das hat er verdient!"

Kurz vor Zusammenbruch des Regimes wurden durch die Bombardierung von Industriebetrieben und das Vorrücken der Alliierten zahllose Zwangsarbeiter aus ihren Arbeitslager- und Versorgungszusammenhängen herausgerissen. Vom Ruhrgebiet her machten sie sich - mit oder ohne Bewachung - auf zum Marsch Richtung Osten.

Die Bewohner des Sauerlandes sahen die Züge der Elenden, die mit Betteln oder Mundraub zu überleben suchten, durch ihre Ortschaften ziehen. Manche sollen für sie Suppentöpfe auf den Herd gestellt haben. Es sind keine Plünderungen oder Gewalttaten für diese Phase vor Kriegsende belegt. Doch wenn ein Zwangsarbeiter sich eine Rübe oder Runkel aus dem Feld grub, konnte ihm das schon den tödlichen Schuss aus der Pistole eines eifrigen Wachpolizisten einbringen. Ein sauerländischer Zeitzeuge, der Jurist Dr. Franz Aßmann, zog aus seinen Beobachtungen Anfang 1945 folgenden Schluss:

Da hatte man diese Menschen zu Hunderttausenden, ja zu Millionen aus ihrer fernen Heimat ins Land geschleppt, hatte sie wie die Sklaven zur Arbeit gezwungen, bei schlechter Ernährung und ebensolcher Unterbringung; und als man sie nicht mehr brauchen konnte, jagte man sie auf die Straße und überließ sie ihrem Schicksal. Wie viele mögen an den Straßenrändern elend umgekommen sein! Sind wir ein Kulturvolk? Wer in jenen Tagen hier an der Kreuzung gestanden hat oder an unseren Fenstern und die Straße, hauptsächlich die nach Altenhellefeld führende, beobachtet hat, der muss die Frage verneinen, der kann nur, was ich so oft, was ich vor allem nach jenem Sturm auf die Synagoge gesagt habe, wiederholen: "Es ist eine Schmach, ein Deutscher zu sein!"

Franz Aßmann

Im Großraum Meschede/Warstein war im Frühjahr 1945 ein Stab der aus Wehrmachtsangehörigen und SS bestehenden "Division zur Vergeltung" stationiert. Die mit dem Einsatz der legendären V1/V2-Raketen betraute Division unterstand dem SS-General Hans Kammler. Dieser und seine engsten Mitarbeiter dachten in den herrschenden Kategorien des Rassekrieges und trachteten danach, die durchziehenden "fremdrassigen" Zwangsarbeiter "präventiv zu dezimieren". So kam es zwischen dem 20. und 22./23. März 1945 zu drei Massakern an 208 unschuldigen, willkürlich ausgewählten Menschen aus Durchgangslagern in der Warsteiner Schützenhalle und einer Suttroper Schule.

Sauerländische Zivilisten heben Einzelgräber aus für die am 3.5.1945 im Suttroper Massengrab aufgefundenen 57 ermordeten Menschen aus der Sowjetunion. Bild: United States Holocaust Memorial Museum, courtesy of National Archives and Records Administration, College Park

Im Warsteiner Langenbachtal und bei Suttrop ermordeten die deutschen Soldaten insgesamt 77 Frauen, 49 Männer und zwei Kinder, darunter einen neun Monate alten Säugling. Dem jüngsten Opfer war "auf freiwilliger Basis" der Kopf an einem Baum zerschmettert worden. Außerdem erfolgte auf einer Wiese bei Meschede-Eversberg der Massenmord an 80 überwiegend sowjetischen Zwangsarbeitern (diesmal "zum Ausgleich" nur Männer).

Der Arnsberger Historiker Jens Hahnwald hat für eine am Ende dieses Artikels verlinkte Gemeinschaftsarbeit (Internetdokumentation) anhand des erst Ende 1957 eröffneten ersten Gerichtsverfahrens gegen beteiligte Täter die Ereignisse rekonstruiert und die damaligen Reaktionen im öffentlichen Raum beleuchtet. Das erstinstanzliche Schwurgericht urteilte so milde, dass der Berichterstatter der "Zeit" die Schlagzeile "Pro Mord zwölf Tage" wählte.

Anhand von Juristenvoten, Zeitungsartikeln und Leserbriefen lässt sich ersehen, wie Teile des "deutschen Volkes" 1958 Massenmord als ganz gewöhnlichen "Befehlsnotstand" bagatellisierten oder von einer "ausgeglichenen Rechnung" faselten (mit Blick z.B. auf das Schicksal von Familienangehörigen, die doch oftmals in den Heimatländern der Zwangsarbeiter im Rahmen von Massenmordoperationen der deutschen Wehrmacht eingesetzt gewesen waren). "Barbaren", das gilt ja trotz der UNO-Vision von 1945 bis heute, sind immer nur "die Anderen".

Die Massengräber in Warstein und Suttrop wurden zeitnah entdeckt und am 3./4. Mai 1945 ausgegraben. Die US-Army legte aus gutem Grund Wert darauf, dass nahe NSDAP-Mitglieder sich an der Exhumierung beteiligten und die gesamte Bevölkerung die Opfer zu Gesicht bekam. (Drastisches Bild- und Filmmaterial hierzu kann man über Weblinks zum Wikipedia-Eintrag "Massaker im Arnsberger Wald" abrufen.)

Doch auf die am dritten Tatort - unter einer Kuhweide zwischen Eversberg und Meschede - eingegrabenen Mordopfer stieß die dortige britische Besatzungsmacht erst nach einem anonymen Hinweis im März 1947, also zwei Jahre später. Ein katholischer Männerkreis zeigte sich so erschüttert, dass er unter Mitwirkung von Geistlichen beider Konfessionen am 4. Mai 1947 ein vier Meter hohes Eichenkreuz zur "Sühne" für den Mord an den 80 sowjetischen und polnischen Zwangsarbeitern errichtete. Ein sich anschließender öffentlicher Aufklärungsabend im Kloster am Ort wurde von rechten Kräften zu einer regelrechten Radau-Veranstaltung umfunktioniert. Der Publizist Georg D. Heidingsfelder notierte danach in einem frühen Bericht u.a.:

Militaristen ließen hören, dass "an Stelle der achtzig besser achtzigtausend Russen umgebracht worden wären".

Die Predigt der Nationalsozialisten, es drohe eine "dämonische Gefahr" von dieser "barbarische Rasse" aus dem Osten, "den Slawen, den Asiaten und Bolschewiken" (Daniel Blatman), hatte man verinnerlicht.

Das Gedenkkreuz war zu diesem Zeitpunkt schon längst durch Äxte und Feuer traktiert worden. Es musste aufgrund großer Feindseligkeit in der katholischen Kleinstadt nur kurz nach seiner kirchlichen Weihe für lange Zeit in ein geheimes Erdgrab versenkt werden. Es folgten erst sehr viel später die Ausgrabungsaktion junger Leute (1964), die sichtbare Aufstellung in einem Kirchenraum (1981) und die - nach langem Ringen von katholischen Pazifisten durchgesetzte - historisch zutreffende "Beschriftung" des Mescheder Sühnekreuzes (1985).

Auf der Basis der - nunmehr ungekürzt veröffentlichten - ältesten Berichte und nach eingehendem Quellenstudium habe ich für die oben schon genannte Gemeinschaftsarbeit die denkwürdige Geschichte dieses Sühnekreuzes bis in 1980er Jahre hinein nachgezeichnet. Die heftigen Emotionen und abstrusen Argumentationen von Gegnern des Kreuzes konnte bzw. musste ich selbst als junges Mitglied von "pax christi" noch hautnah miterleben. (Ein Hobby-Historiker am Ort behauptete z.B. unbelehrbar, die ermordeten 80 Zwangsarbeiter seien in Wirklichkeit ukrainische Wehrmachtsangehörige gewesen.)

Hier liegt vor ein Lehrstück sondergleichen über Erinnerungskultur und Geschichtspolitik im Sauerland, das sich über Jahrzehnte erstreckt und dem ganz gewiss an anderen Orten ähnliche Exempel zur Seite stehen. Die Massaker im Arnsberger Wald waren ja Teil einer viel größeren Blutspur in der Region. Viele Endphasenverbrechen von Gestapo, SS, Wehrmacht, HJ oder zu sogenannter "Hasenjagd" angeleiteten Zivilisten sind nach Mitteilung des VVN/BdA-Bundessprechers Ulrich Sander bis heute nicht einmal hinreichend dokumentiert.

Nicht nur den ermordeten Zwangsarbeitern, sondern auch den Überlebenden blieb nach Niederwerfung des Faschismus die geschuldete Erinnerung versagt. Entschädigungen für NS-Opfer wollte man so zahlen, dass die Gelder überwiegend im Kreislauf der bundesdeutschen Volkswirtschaft verblieben. Auch sollten die innerhalb der eigenen Grenzen zurückgebliebenen "displaced persons" in möglichst vielen Fällen von Ansprüchen ganz ausgeschlossen bleiben.

Die entsprechenden Vermeidungsstrategien der Politik und die Finessen von Juristen fielen bezogen auf die einstigen Arbeitssklaven, die im bundesdeutschen Neusprech nun "Nationalgeschädigte" hießen, besonders infam aus. Stalins Sowjetunion behandelte die ehemaligen Zwangsarbeiter aus dem eigenen Machtbereich allerdings als mutmaßliche Kollaborateure und klagte für sie auch gar keine Entschädigungen ein.

Das rassistische System der Zwangsarbeit in der deutschen Kriegswirtschaft galt also nicht mehr als Verbrechen, sondern wurde gleichsam wie ein naturgesetzliches "normales Kriegsbegleitübel" abgehandelt. Den Opfern hielt man amtlich vor, sie seien gar keine NS-Opfer, und so sollten sie erneut ihrer Würde beraubt werden. Den damit verbundenen Zynismus beleuchtet sehr gut Ulrich Herbert in seinem Buch "Arbeit, Volkstum, Weltanschauung". Nach der Lektüre weiß man, dass Teile des Establishments in der jungen Bundesrepublik einen Scheißdreck darauf gaben, was Artikel 1 unseres Grundgesetzes beinhaltet.

Kostenlos abrufbare Internetpublikation zum Thema:

Peter Bürger / Jens Hahnwald / Georg D. Heidingsfelder (†): "Zwischen Jerusalem und Meschede". Die Massenmorde an sowjetischen und polnischen Zwangsarbeitern im Sauerland während der Endphase des 2. Weltkrieges und die Geschichte des "Mescheder Sühnekreuzes". (= daunlots. internetbeiträge des christine-koch-mundartarchivs am museum eslohe. nr. 76.) Eslohe 2015.

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