Man muss Politiker loben, die ihre Versprechen nicht einhalten

Peter Zudeick über die politischen und satirischen Zustände in Deutschland

Seit Helmut Kohls Zeiten hat der Journalist und Philosoph Peter Zudeick die unabsichtlichen Bonmots der Politiker notiert und ihr Treiben hautnah studiert. Von "Es ist kein Zufall, dass die römischen Verträge in Rom abgeschlossen wurden" (Helmut Kohl) über die Bemerkung Gerhard Schröders "Was die Liebe angeht, in des Wortes wirklicher Bedeutung, reicht mir Doris" bis zu "Der Staat muss Gärtner sein und darf nicht Zaun sein" (Angela Merkel) hat er für sein satirisches Buch Ich bejahe diese Frage mit Ja die Sprüche der Alphatierchen aus dem politischen Dschungelcamp gesammelt. Er zeigt darin, die Lenker der Bonner und Berliner Republik als Menschen, die mit ihren Bemerkungen mehr von sich preisgeben als deren PR-Strategen lieb sein kann.

Herr Zudeick, schon seit 1982 arbeiteten Sie als Korrespondent in Bonn und beobachten seitdem die bundesdeutsche Politik-Szene. Erlebt man dort dauernd Bizarres oder sind ihre Politiker-Anekdoten satirische Goldnuggets, die Sie nach mühseligem Suchen und langen Sieben endlich gefunden haben? Ist mit der Dauer und dem entsprechenden Polit-Personal die Satire darüber immer schwieriger geworden?
Peter Zudeick: Der politische Betrieb liefert unentwegt Blüten meist unfreiwilligen Humors, sprachliche und sachliche Abstrusitäten, Verrücktheiten. Man muss sie nur sehen und hören wollen. Satire wird immer dann schwierig, wenn die Worte und Taten der Damen und Herren Politiker selbst im Kern satirisch sind. "Normale" Menschen, die ab und zu mal neben sich stehen, kann man durch Übertreibung ins "rechte Licht" setzen. Bei durch und durch lächerlichen Figuren aber - zum Beispiel bei Guttenberg und Rösler - ist das Schwerstarbeit. Wie will man da noch eins draufsetzen? Ab und zu gelingt es aber doch.
Wie hat sich seit Ihren Einstieg in das Metier der Umgang zwischen Politikern und Journalisten verändert?
Peter Zudeick: Erstens: Die rasante Vermehrung der Berichterstatter nach Zulassung privater Radio- und Fernsehsender hat zur Verstärkung von Trends geführt: Fernsehkameras ziehen Politiker noch viel stärker an als früher, die Äußerungen werden noch beliebiger, die Fragen mancher Journalisten auch. Wirkliches Interesse an Informationen nimmt auf beiden Seiten tendenziell ab.
Zweitens: Die Inflation der Fernseh-Talkshows führt dazu, dass vor allem Spitzenpolitiker immer weniger Interesse an intensiven Gesprächen - auch Hintergrundgesprächen - mit "normalen" Journalisten haben. Mit den prominenten Korrespondenten ist man gerne auf Du und Du (das gilt auch umgekehrt), und wer nicht beim Fernsehen ist, sollte wenigstens der Platzhirsch einer großen überregionalen Tageszeitung sein.
Können Sie Einschätzung abgeben: Wie intelligent sind Politiker heutzutage und wie intelligent die Journalisten, die in direkten Kontakt zu den Politikern stehen und darüber solch einen gehirngewaschenen Mist absondern?
Peter Zudeick: Politiker repräsentieren ziemlich genau das Volk, das sie vertreten respektive regieren. Das betrifft auch die Verteilung von Intelligenz und Nichtintelligenz. Blöd sind die allermeisten Politiker nicht, aber einige sind durch den ständigen Umgang mit Themen, Vorgängen, Strukturen, die einen in den Wahnsinn treiben, ein bisschen neben der Kappe. Das drückt sich überwiegend in Sprache und Verhalten aus. Und Journalisten, die dazu nicht die nötige - möglichst ironische - Distanz haben, tappen in dieselbe Falle.
Sie sprechen in Ihrem Buch von der Regentschaft Rot-Grüns als einer Phase und nicht von einer Ära. Warum?
Peter Zudeick: Was ist eine Ära? Ein Zeitraum, der durch eine Person, ein Ereignis, eine besondere Leistung (technisch, wirtschaftlich, kulturell, politisch) nachhaltig geprägt wurde. Was hat die Regierungszeit von Rot-Grün nachhaltig geprägt? Die Deregulierung der Finanzmärkte, üppige Steuererleichterungen für Unternehmen, Deutschland zieht wieder in den Krieg, die Entsolidarisierung der Gesellschaft (Agenda 2010). Das heißt: Rot-Grün hat da weitergemacht, wo Schwarz-Gelb aufgehört hatte. So was nennt man Phase und nicht Ära. Natürlich könnte man auch allerlei Nettes über Rot-Grün sagen, das gehörte zu einer fairen Analyse dazu. Aber Satire ist weder fair noch analytisch. Sondern einseitig und böse.
Ist es möglich, dass Sie bei den ohne Zweifel vorhandenen Kontinuitäten zwischen der Regentschaft Kohls und Schröders so extrapolieren, dass die Diskontinuitäten - schließlich haben damals Sozialdemokraten und Grüne in puncto Lobbyismus, Sozialabbau, legale Korruption, "Entabuisierung des Militärischen" und auch der Boulevardisierung der Politik durchaus eigene Maßstäbe gesetzt - doch ein wenig zu stark in den Hintergrund treten?
Peter Zudeick: Schröder ist Kohl: Diese Behauptung bezieht sich im wesentlichen auf die Taktik, möglichst wenig Vorgaben zu machen, die Richtlinien der Politik so selten wie möglich zu bestimmen, sondern die Entwicklungen abzuwarten und sich dann an die Spitze der Bewegung zu setzen. So hat Helmut Kohl sechzehn Jahre lang alle Modernisierungsschübe in der eigenen Partei und in der Gesellschaft überlebt und ist doch der Alte geblieben. Nur wenn's ganz eng wurde, hat er mal zugeschlagen: Beim Rausschmiss von Heiner Geißler zum Beispiel. Typisch für ihn: Die deutsche Einheit. Als die Chance kam, hat er zugegriffen. Aber niemand wird behaupten können, Kohl sei ein fanatischer Einheitspolitiker gewesen.
Schröder hat regiert wie Kohl. Bis auf das eine Mal, als er "Basta" rief. Die dann einsetzenden Schwierigkeiten hat er nicht ausgehalten und zügig um seine Abwahl gebeten. Davon unberührt hat Schröder natürlich große Verdienste bei der Förderung der Event-Politik, der Brioni- und Cohiba-Politik und der politischen Vermarktung des Privaten. Unter vielem anderen.
So wie wir Sie richtig verstanden haben verwenden Sie bei Ihren Glossen gerne die Technik des subversiven Lobes. Wie schwierig wird es jemanden zu loben, der nach der Wahl immer genau das Gegenteil davon getan hat wie vorher versprochen, der einen ungerechtfertigen Kriegseinsatz befohlen hat und dafür über Abmahnungen Spekulationen über seine Haarfarbe verhindert?
Peter Zudeick: Gar nicht schwierig. Es gehört geradezu zur Definition von Politik, dass Wahlversprechen nicht eingehalten werden. Franz Müntefering hat es nach Bildung der großen Koalition auf den Punkt gebracht, als er erklärte, es sei unfair, Politiker an ihren Wahlversprechen zu messen. Also muss man Politiker loben, die ihre Versprechen nicht einhalten. Und man muss Politiker loben, die Kriegseinsätze mal mitmachen, wenn es politisch opportun ist, und mal nicht, wenn es die Wiederwahlchancen erhöhen könnte. Wer sich selbst auch als Privatmann politisch vermarktet, der muss darauf achten, dass über das Private nur das berichtet wird, was genehm ist. Wo kämen wir sonst hin. Also auch hier: Lob, Lob, Lob.
Haben Sie schon einmal Post von Abmahnanwälten bekommen?
Peter Zudeick: Nein. (Reinhard Jellen)