Man muss nicht joggen, gehen reicht auch

Nach einer britischen Studie ist zügiges Gehen sogar besser als anstrengendere Tätigkeiten, um das Gewicht zu halten

Selbstoptimierer und Gebrechlichkeits-Phobiker, die mit religiöser Inbrunst und technischem Hokuspokus ihr tägliches Programm an Fitnessübungen ableisten, um schnell wechselnden Normen zu folgen, was gesund hält, Schlankheit bewahrt und das Leben verlängert, werden mitunter enttäuscht sein. Nach einer Studie der Gesundheitsökonomin Grace Lordan und seinem Team an der London School of Economics ist es sogar besser, wenn Menschen regelmäßig nur eine halbe Stunde etwas schneller gehen, um ihr Gewicht zu halten. Andere Effekte wurden freilich nicht berücksichtigt.

Ausgewertet für die Studie wurden Angaben der Teilnehmer über körperliche Aktivitäten am jährlichen Health Survey for England (HSE) von 1999 bis 2012. Interessiert waren die Wissenschaftler an Tätigkeiten, die zu erhöhtem Puls und Schwitzen führen und 30 Minuten oder länger ausgeführt werden. Die Tätigkeiten wurden schließlich ins Verhältnis mit dem Gewicht und BMI gesetzt. Unterschieden wurde zwischen schnellem und zügigem Gehen, mäßig intensiven Sportarten/Tätigkeiten wie Schwimmen, Fahrradfahren, Tennis oder Gymastikübungen, anstrengenden wie das Tragen schwerer Möbel, Bodenputzen oder Gehen mit schweren Einkaufstaschen und sehr anstrengenden wie Graben, Baumfällen oder schwere Laseten Bewegen.

Wer regelmäßig 30 Minuten oder länger schnell oder zügig geht, hat, so das Ergebnis, einen geringeren BMI und Hüftumfang als diejenigen, die regelmäßig die anderen Sportarten oder körperlichen Tätigkeiten ausüben. In aller Regel wird wie vom deutschen Gesundheitsministerium die Empfehlung gegeben, dass Erwachsene in der Woche 150 Minuten mäßig anstrengende körperliche Aktivität ausführen sollen:

Erwachsene: mindestens 150 Minuten mäßig anstrengende, ausdauerorientierte körperliche Aktivität in der Woche (empfehlenswert sind 30 Minuten an fünf Tagen in der Woche) oder 75 Minuten anstrengende körperliche Aktivität über eine Woche verteilt (empfehlenswert sind 20 bis 30 Minuten an drei Tagen in der Woche) sowie Kräftigungsübungen an zwei Tagen in der Woche.

Gesundheitsministerium

Nicht genauer aufgeschlüsselt ist, welche Tätigkeiten am besten für welche präventive Zwecken sind. Die Autoren sind der Überzeugung, dass 80 Prozent der Briten die auch von der britischen Regierung gegebenen Empfehlungen nicht einhalten. Natürlich wird das gleich wieder in Geld umgerechnet. Das würde dem Gesundheitssystem NHS 1 Milliarde Pfund Mehrkosten verursachen, vor allem durch die Folgen der Fettleibigkeit. 60 Prozent der Briten oder 12 Millionen sind übergewichtig, davon mehr als 12 Millionen fettleibig.

Mithin wird vorgeschlagen, der Staat solle doch eher eine Kampagne für das Gehen ("Jeder Schritt zählt") starten, als den Menschen zu raten, wie sie essen sollen. Das sei auch weniger mit politischem Lobbying verbunden wie Überlegungen zu einer Fettsteuer oder Versuchen, den Konsum von Junkfood zu senken. Kosten seien mit dem Gehen auch nicht verbunden. Aber dafür muss auch die Zeit vorhanden sein, vor allem aber die richtige Umgebung nahe an der Wohnung, um dort auch gehen zu wollen. (Florian Rötzer)

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