Manbidsch: Die USA ziehen ab, Russland übernimmt

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Die syrischen Streitkräfte haben die Kontrolle über den wichtigen Verkehrsknotenpunkt in Nordsyrien. Dahinter steht eine Vereinbarung zwischen den SDF und der Regierung in Damaskus

Die Wachablösung in Manbidsch (Manbij) vollzog sich schnell. Die letzten US-Truppen räumten das Feld, russisch beflaggte Militärfahrzeuge fuhren im Konvoi ins Zentrum von Manbidsch. Offiziell heißt es, dass syrische Regierungstruppen die "volle Kontrolle über die Stadt und Siedlungen in der Umgebung übernommen haben", wie das russische Verteidigungsministerium zitiert wird.

Auch die syrische Nachrichtenagentur Sana bestätigt dieses Kommuniqué, versetzt mit einer Spitze gegen die SDF. Die lokale Bevölkerung habe sich im Zentrum versammelt, um die syrische Armee zu feiern, aber militante Mitglieder der SDF hätten die Menge mit Schüssen auseinandergetrieben. Ob beabsichtigt oder nicht, die Spitze in der Meldung richtet sich auch gegen Erdogan, weil sie bedeutet: Die "terroristischen" Kurden der YPG sind nach wie vor in Manbidsch und sogar bewaffnet, die türkische Armee aber nicht.

Dass russische Kräfte in Manbidsch nun präsent sind, ändert die Lage für Erdogans Pläne. Mit einem Angriffsbefehl auf die Stadt würde er riskieren, dass einer der russischen Militärmitglieder getroffen wird, das wird auch für den türkischen Präsidenten, der, wenn es um seine Pläne geht, wenig Rücksichten kennt, ein Abschreckungsmoment sein. Der US-türkische Sicherheitsmechanismus in Nordsyrien hat nicht funktioniert, der syrisch-russische ist seit vier Jahren militärisch erfolgreich.

"Wir werden eine Konfrontation zwischen dem türkischen und dem syrischen Militär nicht zulassen", heißt es von Alexander Lavrentiew, dem russischen Sondergesandten für Syrien.

Erdogan: "Die Offensive wird fortgeführt, bis alle Ziele erreicht sind"

Zwar gibt sich Erdogan laut AP unbeeindruckt und insistiert, dass die Offensive fortgeführt werde, "bis alle Ziele erreicht sind" - und die Eroberung von Manbidsch war ein Ziel -, aber das ist wohl nicht als Fehdehandschuh gedacht, den er Richtung Putin wirft. Es ist bezeichnend, dass der Kommunikationsdirektor des türkischen Präsidenten, Altun, die Ziele noch einmal präzisiert.

Laut Hurriyet sagte Fahrettin Altun, dass die Operation Friedensquelle weitergehe, "bis die türkische Republik davon überzeugt ist, dass die Sicherheit ihrer Bürger gewährleistet ist und das bisher Erreichte zufriedenstellend". Das gibt diplomatischen Spielraum. Allerdings spricht Altun auch an, dass damit alle "Terroristen", gemeint sind die YPG-Milizen, "entfernt" sein müssen. Das sieht nach einem Streitpunkt aus.

Vorteile für Damaskus

Allerdings dürfte die nun via Erdogan erlangte Kontrolle von Manbidsch die syrische und russische Regierung wohlwollend stimmen. Die Stadt liegt an einer der beiden Schnellstraßen, hier die M4, die Bestandteil der russisch-türkischen Sotschi-Vereinbarungen sind.

Eine der wichtigen Forderungen der Abmachung zwischen der Türkei und Russland im Sotschi-Abkommen vom September letzten Jahres lautet, dass diese Magistrale M4 wie auch die M5 wieder unter die Kontrolle der syrischen Regierung kommen soll. Mit der Wiedereroberung von Manbidsch kontrolliert die syrische Regierung einen wichtigen Verkehrsknotenpunkt (auch nach Raqqa und Deir ez-Zor).

Das ist ein positives Zwischenergebnis für Damaskus, das durch die türkische Militäroperation ermöglicht wurde, was der Türkei bei den nächsten Astana-Gesprächen zugutekommen kann. Manche Beobachter sprechen ohnehin von einem großen "Plan", der durch die türkische Offensive aufgegangen sei, da sie zur Folge hatte, dass sich die USA aus Syrien zurückziehen.

Die türkische Offensive spielt der Regierung in Damaskus mehrere Vorteile zu, obwohl sie doch mit syrischen Milizen durchgeführt wird, die ihre Gegner sind - jahrelang von tonangebenden Medien in Deutschland, Frankreich, Großbritannien und den USA als Opposition und Rebellen bezeichnet und mit Sympathie unterstützt. Auch von Idlib, wo unmissverständlich dschihadistische Gruppen, die allesamt dem Ringbuch der al-Qaida-Schule folgen, das Regiment führen, sprechen Leitmedien öfter noch von einem "Rebellengebiet".

Dass Manbidsch nun von syrischen und russischen Militärs gesichert wird, bedeutet auch, dass es keinen türkischen Gürtel mit islamistischen Killerbanden von Afrin bis weit in den Osten Syriens geben wird. Die türkische "Sicherheitszone" sollte nach Plänen Erdogans von Afrin bis zur syrisch-irakischen Grenze reichen. Als Aufpasser waren die oppositionellen Milizen vorgesehen, die die Türkei hochfahrend und euphemistisch unter der Bezeichnung "Nationale syrische Armee" mittels guter Bezahlung und dem Fellestreicheln von Islamisten unter ihre Fahne genommen hat.

Jahrelang hatte die Türkei vergeblich von den USA zu erlangen versucht, dass sie die Kontrolle über Manbisch übernehmen kann, das ist nun mit dem Einzug der russischen und syrischen Truppen vorbei.

Grund dafür sind die Abmachungen zwischen den SDF und der syrischen Regierung, die unter russischer Vermittlung laufen. Die Kontrolle über Manbidsch ist ein erstes Zeichen dafür, dass die syrische Regierung nun dank Erdogans Operation bedeutende Gewinne bei der Rückeroberung des Landes machen kann.

Was wurde zwischen der SDF und der syrischen Regierung vereinbart?

Stimmt, was der syrische Reporter Danny Makki, der kein Freund der Regierung Assad ist, aber gleichwohl über Verbindungen verfügen soll, erfahren hat, so soll die SDF aufgelöst und dem russischen Militärkommando unterstellt werden.

Manbidsch und Kobane sollen rasch von der syrischen Armee gesichert werden, auch Richtung al-Hasaka und Qamishli sollen syrische Truppen unterwegs sein. "Alle Grenzgebiete und Verwaltungszentren werden von der syrischen Regierung übernommen."

Das hat man erwartet - überraschend fällt aber ein anderer Punkt aus. Demnach sollen den Kurden in einer neuen syrischen Verfassung volle Rechte und eine "Autonomie" zugestanden werden, über die die kurdische Führung und die syrische Regierung noch Vereinbarungen erzielen werden.

Punkt 3 spricht von koordinierten Bemühungen zwischen den syrischen und kurdischen Streitkräften, um die türkische Präsenz in Nordsyrien, einschließlich Afrin, zu beenden. Idlib zähle nicht dazu.

Sollten sich die Informationen - deren Quelle nicht genannt wird - bewahrheiten, dann könnten die kriegerischen Auseinandersetzungen im Norden Syriens mit der Türkei eigentlich bald aufhören. Anfang 2018, als die Türkei die Operation "Olivenzweig" durchführte, gab Erdogan zu Protokoll, dass er mit der Sicherung der Grenze zur Türkei durch syrische Regierungstruppen zufriedengestellt sei. "Hauptsache nicht die YPG." Ob das noch gilt?

Im Nahen Osten ändern sich Versprechen und Lage schnell, wie man gerade in Manbidsch gesehen hat. Man wird sehen, ob Erdogan seine Pläne so schnell aufgibt. Was ist mit der Ansiedlung von syrischen Flüchtlingen, die Erdogan in Nordsyrien plant?

In der Frage der Autonomie für Kurden im Norden Syriens hätte die russische Führung - wenn denn die Information stimmt - einige Deeskaltionsarbeit gegenüber der Türkei zu leisten. Was Syrien betrifft und die Rolle als neue Vermittlungsinstanz im Nahen Osten, so zeigt der Empfang Putins in Saudi-Arabien und in den Vereinigten Arabischen Emiraten die neuen Zeichen der Zeit - man überbot sich bei der Gastfreundschafts-Performance. Heißt das, es wird nicht lange dauern, bis in Damaskus Botschaftsgebäude neu besetzt werden? (Thomas Pany)