Manbij: Hoher Tribut der Zivilbevölkerung

Flüchtende aus Manbij, 20 Juni 2016. Foto: Qasion News Agency EN/CC BY 3.0

Erfolge bei der Rückeroberung der Stadt aus der Kontrolle von IS-Milizen. Deutlich wird der Blutzoll durch die US-Luftangriffe

Die Stadt Manbij (auch: Manbidsch) im Norden Syriens ist für den IS ein Ort von einiger Relevanz. Die Stadt ist ein Knotenpunkt für die Versorgung des IS aus der Türkei und für die Ausfuhr von geraubten Antiquitäten sowie für den Ölhandel. Manbij ist der letzte Ort, der die Hauptstadt des IS, Raqqa, über den Grenzübergang über den Grenzübergang Jarabulus verbindet. Die Kontrolle über das Gebiet sei wichtig, weil von der türkischen Grenze aus Kämpfer für die Dschihadisten nach Syrien gelangen, erklärteder Sprecher der US geführten Koalition, Colonel Christopher Garver (vgl. Der Kampf um Manbij).

Laut aktuellen Informationen, die der kurdischen Nachrichtenagentur ANHA übermittelt wurden, steht die Befreiung der Stadt kurz bevor: 80 Prozent der Stadt sei vom IS zurückerobert, 50.000 Zivilisten seien befreit, erklärt ein Mitglied des Militärrats von Manbij, der formell die Rückereroberungsoperation "Abu Leyla" führt.

Das Hauptgewicht der Offensive tragen die Syrisch Demokratischen Kräfte (SDF), bei denen die kurdischen PYG eine große Rolle spielen. Aus Rücksicht auf den Nato-Partner Türkei achteten die USA, die die Offensive der syrischen Kurden mit enormen Luftangriffen unterstützten, darauf, dass die kurdischen Kämpfer offiziell nur als logistische Helfer bezeichnet werden. Tatsächlich aber werden bei Berichten über die Straßenkämpfe in Manbij vor allem die SDF erwähnt.

Die Berichterstattung ist lückenhaft, nur wenige Journalisten sind vor Ort. So bleibt vieles im Vagen. Deutlich wurde das bei den US-Luftangriffen auf einen Ort in der Nähe Manbijs, die als "Massaker" an der Zivilbevölkerung bezeichnet wurde (Hunderte Zivilisten sterben bei US-Luftangriffen in Syrien). Feststeht, dass den Angriffen sehr viele Zivilisten zum Opfer fielen.

Die Zahlen variieren. Laut einem Vertreter des Militärrates sind es etwa 200, Hilfsorganisationen nennen sogar Opferzahlen von über 400, wie Le Monde heute berichtet. US-Verteidigungsminister Ash Carter kündigte eine Untersuchung an. Deren Ergebnisse stehen noch aus.

Bis dahin wird spekuliert und diskutiert, ob die zivilen Opfer "versehentlich" von den Präzisionsangriffen getroffen wurden oder ob die Piloten absichtlich mit "falschen Zielangaben" versorgt wurden. Laut Le Monde, die sich auf Angaben von Ortskennern beruft, handelt es sich bei den Opfern hauptsächlich um Flüchtlinge, darunter viele Familien, aus Manbij. Laut der französischen Zeitung hat es auch in den folgenden Tagen Luftangriffe auf Orte in der Umgebung Manbijs gegeben, bei denen Zivilisten ums Leben kamen.

Die große Rechtfertigungslinie für die wachsende Zahl von zivilen Toten bei Angriffen auf Manbij ("ein enormer Blutzoll"), auf die der Bericht aufmerksam macht, folgt dem Argument, dass die IS-Milizen die Bevölkerung als Schutzschilde missbraucht. Das Argument aus vielen Konflikten bekannt (siehe die Kriege im Gazastreifen). Es ist plausibel und gleichzeitig im Einzelfall von außen schwer zu überprüfen.

Pikant ist aber, dass dieses Argument je nach Ko0nflikt und beteiligten Parteien unterschiedlich gewichtet wird. Es wird beispielsweise auch in Aleppo von der syrischen Armee und der russischen Luftunterstützung geltend gemacht. Dort fokussiert sich ein Großteil der Berichterstattung im Westen allerdings auf die Brutalität der syrisch-russischen Angriffe auf die Viertel der Stadt, die von den Dschihadisten kontrolliert werden.

Ob die Rückeroberung von Manbij nur mehr eine Frage von Tagen sei, wie das Mitglied des Militärrats in der oben genannten Meldung vorhersagt, ist reichlich unsicher. Gestern noch meldete Rudaw, dass erst 40 Prozent der Stadt eingenommen seien. Der Fortschritt im Straßenkampf gestalte sich langsam, trotz der Luftunterstützung der Koalition. Ähnlich berichtet al-Monitor. Die Zivilbevölkerung benötigt dringend Hilfe - dieser Appell taucht in vielen Meldungen auf. (Thomas Pany)

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