Mangelndes Interesse an mobilen Anwendungen

Mobile Zukunft ohne Kunden?

Die Zukunft ist mobil, so tönt es nicht nur seit einiger Zeit innerhalb der Unternehmen sondern ist mittlerweile auch in unserem Privatbereich als fester Bestandteil angekommen: die überall und zu jederzeit Erreichbarkeit via Handy. Warum sollte man diese lukrative und wachstumsstarke „Mobilsphäre“ mit derzeit schon über achtzig Millionen Kunden in Deutschland - eine Studie der ITU-International Telecommunication Union prognostiziert sogar ein Wachstum auf rund drei Mrd. Handy-Nutzer weltweit im Jahre 2008 - nicht noch um einige nette Features erweitern, für die der Kunde dann natürlich auch noch zahlen darf.

Das mobile Motto der Hightech-Messe CeBit in Hannover ist „TV to Go“. Die neuesten Entwicklungen in den Bereichen Technik und Inhalte werden dem Interessenten auf der Messe vorgeführt und gehören zu einen der Highlights der diesjährigen Ausstellung. Dieses Marktsegment wird nicht nur als äußerst interessanter sondern auch sehr lukrativer Wachstumsmarkt in der Consumer Electronics- und Entertainment-Branche eingestuft.

Die neue Generation der Handys: das faltbare Universal-Genie SPH-P9000. Der koreanische Elektronikkonzern Samsung hat ein neuartiges Gerät vorgestellt, das alle Systeme (Sprach-, Multimedia-, Office- und Internetdienste) miteinander vereint: ein Mobiltelefon kombiniert mit einem PDA und dem Komfort eines Notebooks. Das Produkt wiegt 560 g und hat im zusammengefalteten Modus Abmessungen von 14,3 cm x 9,2 cm x 3,0 cm. Das Herz der Handy-PDA-Kombination ist ein 1-GHz Prozessor. Eine vollwertige, faltbare Tastatur gehört ebenso dazu wie der fünf Zoll große WVGA-Bildschirm und eine 30 GB-Festplatte. Neben einer Kamera mit 1,3 Megapixel Auflösung bietet das SPH-P9000 auch noch einen USB-Anschluss sowie Bluetooth-Fähigkeit.(Foto Samsung)

Der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) schätzt, dass allein in Deutschland bis zum Jahr 2010 rund 20 Millionen TV-fähige Handys verkauft werden könnten – dies entspricht in etwa einem Umsatz von sechs Milliarden Euro – auch die Industrie teilt diesen Optimismus. Führende Vertreter der beteiligten Unternehmen sehen mit Dollarzeichen in den Augen einem neuen „Massen-Markt“ entgegen.

Pilotversuche für das mobile Fernsehen in Deutschland laufen schon seit einiger Zeit und die Testpersonen bewerten dieses Vergnügen nach über einem halben Jahr durchweg positiv, aber kann man daraus schließen, dass der Proband in Zukunft bereit ist, auch für diesen Service zu zahlen – natürlich gibt es auch dafür viele Studien, die eine Zahlungsbereitschaft mehr oder weniger erkennen lassen.

Folgt nach der Euphorie die große Ernüchterung?

Die technischen Voraussetzungen für die Nutzung von Radio, Fernsehen, mobilen Internet und Spielen sind bereits heute geschaffen. Viele Kongresse befassen sich seit geraumer Zeit mit dem so genannten Geschäft der Zukunft. Frequenzen werden ausgeschrieben, die Grenzen der unterschiedlichen Player (Telekommunikationsunternehmen, Medienunternehmen, etc.) abgesteckt, neue Unternehmen gegründet. Die Branche rüstet auf, in Verheißung all dieser positiven Zukunftsszenarien hat die RTL-Gruppe gerade seine mobile Sparte in ein eigenes Unternehmen (RTL mobile GmbH) überführt.

Anfang Februar trafen sich 80 Teilnehmer in Köln um unter der Leitung der Deutschen TV-Plattform, um die verschiedensten Aspekte der zukünftigen mobilen Multimediawelt zu erörtern. Passend dazu hat die Themengruppe M3.3 der Deutschen TV-Plattform ihren Bericht „Märkte für mobiles Fernsehen“ vorgestellt, in der geht es bei dieser Studie jetzt um Inhalte, Geräte und die verschiedenen Möglichkeiten, im Rahmen der gesetzlichen und regulatorischen Vorgaben einen prosperierenden Markt in Deutschland zu schaffen. Nun kann der große „Run“ beginnen.

Viele Unternehmen setzen auf das mobile Fernsehen.(Foto Motorola)

Aber was ist, wenn der Mobilfunknutzer nur telefonieren und vielleicht einmal ein Foto machen möchte? Zu diesem sehr ernüchternden Ergebnis gelangte die von TNS Infratest durchgeführte Studie „Global Tech Insight 2006“ (GTI), die das Nutzerverhalten und das Interesse an mobilen Inhalten auf dem Handy in weltweit 29 Ländern untersuchte.

Mehr unerwünscht?

Kurz und knapp gesagt: die Deutschen nutzen ihr Handy fast nur für Telephonie, SMS und Fotos. Radio wird beispielsweise als eine der häufiger genutzten Anwendungen erst von 16 % der Mobilfunknutzer über das Handy gehört. Als die größten Barrieren für die Nutzung von mobilen Anwendungen gelten die Kosten sowie der fehlende Bedarf, das gleiche gilt auch bei den mobilen Internetanwendungen mit gerade mal 13%.

Fragt man die Bundesbürger nach den Gründen für die Nicht-Nutzung mobiler Inhalte, werden in erster Linie die als zu hoch empfundenen Kosten sowie ein fehlender Bedarf als Argumente angeführt. Dabei muss berücksichtigt werden, dass es sich bei vielen Diensten, wie z.B. Mobile-TV oder Mobile-Internet, um Angebote handelt, die man bisher eher mit anderen Medien verbindet. Viele Befragte geben an, dass sie die Dienste auf dem Handy nicht benötigen und die Nutzung auf anderen Endgeräten bevorzugen. 39 % geben wiederum zu hohe Kosten als Grund gegen eine Nutzung an.

TNS Infratest:Sind mobile Universal-Genies überhaupt gefragt?

Besonders im Hinblick auf die Kosten bzw. Abrechnung für die mobilen Dienste besteht noch ein erhebliches Verbesserungspotential: Die Konsumenten wünschen sich in erster Linie einfachere und transparentere Preismodelle. Viele können bei einer Abrechnung nach Zeit oder Datenmenge die Kosten nicht abschätzen und scheuen daher eine intensivere Nutzung. Stattdessen werden meist Flatrates (von 43% der Nutzer) als ideale Lösung genannt, d.h. eine unbegrenzte Nutzung zu einem Fixpreis, nur 16 % wünschen eine nutzungsabhängige Abrechnung nach Datenmenge. Allerdings muss bei einer Flatrate natürlich auch das Preis-/Leistungsverhältnis stimmen. Daneben wird auch die Qualität der Dienste, wie z.B. die Bildqualität bei mobilem Fernsehen in Frage gestellt.

Gemessen an den klassischen Geräten können neue Dienste vor allem in der Anfangsphase oft mit der gängigen Qualität nicht sofort mithalten. Trotz massiver und schon zum Teil penetranter Werbeeinblendungen werden in Deutschland die so genanten Klingelton-Downloads von gerade mal zwölf Prozent genutzt, auch Musik-Downloads sind mit vier Prozent Nutzungsquote stoßen noch nicht auf die entsprechende Gegenliebe.

Wachstum bei mobilem Radio und Internet in Sicht

Trotz all den verhaltenen Zahlen gibt es auch ein paar positive Ausblicke für Unternehmen. Das höchste Potenzial, in Zukunft mehr Anwender zu finden, hat das Internet und das Radio: 22 % zeigen sich sehr interessiert an einer Nutzung der Radiofunktion in den nächsten zwölf Monaten.

Für 17 % der Mobilfunkkunden ist die Nutzung öffentlicher Seiten per Internet interessant. Es handelt sich dabei aber insbesondere um Personen, die das mobile Internet beruflich nutzen. Aber auch M-Commerce-Dienste werden für die Mobilfunknutzer zunehmend attraktiv, 17 % könnten sich vorstellen, zukünftig Bankgeschäfte über das Handy abzuwickeln. Auch das Bezahlen von Rechnungen per Handy ist für viele Mobilfunkkunden (18 %) eine interessante Option.

TNS Infratest: Mobiles Radio und Internet könnten in Zukunft auf mehr Interesse stoßen.

Entsprechende Angebote konnten sich bisher noch nicht bei der breiten Masse durchsetzen, vor allem weil diese bislang nur in Ausnahmefällen, z.B. beim Fahrkartenkauf, als Zahlungsmittel akzeptiert wurden. Offensichtlich spielen auch Sicherheitsbedenken eine Rolle: 16 % geben sowohl bei Bankgeschäften als auch bei mobilem Bezahlen an, Bedenken wegen der Sicherheit zu haben.

Aber vielleicht wird es in Kürze doch eine Anwendung, eine so genannte „Killerapplikation“ geben, die mit einer neuen Art der Nutzung einhergeht und einen ähnlichen „Run“ auf das mobile Universalgenie auslöst, wie das Verschicken der Short Messages kurz SMS genannt, was keine Studie vorhergesehen hat. (Petra Vitolini Naldini)

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