Mangroven als Tsunami-Bremse

Wer die Wasserpflanzen abholzt, wird bei Seebeben überrollt

Als am 26. Dezember 2004 der Tsunami die Ufer Südostasiens überrollte, riss er alles mit, was ihm im Weg stand. Mehr als 200.000 Menschen starben durch die Monsterwelle. Glück im Unglück hatten diejenigen, die sich an einer bewaldeten Küste aufhielten, denn vor allem die Mangroven bremsten die Wucht des anrollenden Wassers.

Die Flutwelle, die an Weihnachten 2004 die Küsten von Indonesien, Sri Lanka, Indien, Thailand, Myanmar, Malediven, Malaysia und Bangladesh überflutete, und dann sogar noch an der Ostküste Afrikas gewaltige Schäden anrichtete, wurde durch ein Erdbeben vor der indonesischen Insel Sumatra verursacht. Der Tsunami (japanisch für Hafenwelle) rollte vom Epizentrum aus sehr schnell auf die Meeresufer der umliegenden Staaten zu (Tsunamiwellen breiten sich nicht gleichmäßig aus). Die Höhe dieser Meereswogen ist umgekehrt proportional zur Meerestiefe, weil sie vom Meeresboden bis zur Oberfläche reichen. Auf dem offenen Meer bemerkt ein Schwimmer oder Bootsführer nicht mehr als ein Schwappen, aber am Strand türmt sich das Wasser zur verheerenden Wasserwalze auf.

Dorf an der Südküste Indiens nach dem Tsunami, manche Teile des Ortes waren völlig zerstört, andere nur teilweise verwüstet (Bild: Nordeco)

In Japan sind die Menschen schon seit Jahrhunderten auf diese Naturkatastrophen eingestellt, es gibt entsprechende Warnsysteme und jedes Kind lernt in der Schule, was es zu tun hat, wenn ein Tsunami anrollt (Japaner reagieren drei Sekunden nach dem Beben). Schnell nach der Katastrophe 2004 begann eine Diskussion darüber, ob die hohe Opferzahl nicht hätte vermieden werden können, wenn die Regierungen der betroffenen Länder ein derartiges Frühwarnsystem hätten installieren lassen oder zumindest die einlaufenden Warnungen sofort weitergeben hätten (Verpasste Vorwarnungen und eine sich schneller um sich drehende Erde). Der Indische Ozean gehört zu den gefährdeten Gebieten, immer wieder bebt der Meeresboden oder Vulkane am Grund brechen aus, der letzte Tsunami wütete 1883 in der Region (Die Weihnachtsflut kam nicht wirklich überraschend).

Zurzeit wird das unter deutscher Beteiligung (Erkennen, Aufzeichnen und Übertragen unterseeischer Bojensignale) entstandene Tsunami-Frühwarnsystem namens Tsunami Early Warning System (TEWS) in der gefährdeten Zone des Indischen Ozeans, dem Sunda-Bogen, installiert (Seebeben - und das Tsunami-Frühwarnsystem).

Natürliche Schutzschilde

Neben der Kritik am Fehlen eines Frühwarnsystems erhoben sich auch Stimmen, die darauf aufmerksam machten, dass der rücksichtslose Ausbau mit Hotels, Bungalowdörfern und Lokalen für den Tourismus sowie die Ansiedlung vieler Garnelen- und Shrimpsfarmen der Küstengebiete in der Region nachhaltig veränderten. Sehr viel mehr Menschen als früher siedeln jetzt dort und gleichzeitig wurden die vorgelagerten Korallenriffe zunehmend zerstört und die Mangrovenwälder vernichtet (Lehren aus dem Tsunami). Um Plantagen und Aquakulturen anzulegen, wurden die Bäume komplett abgeholzt. Strände und Dünen wurden rücksichtslos zugebaut und die Garnelenzucht bringt das ökologische Gleichgewicht der Küstengewässer durcheinander.

Mangrovenwälder bremsen Tsunamis aus (Bild: Nordeco)

Schon länger weisen wissenschaftliche Untersuchungen und Unweltschutzorganisationen darauf hin, dass ein ökologisch stabiles Küstensystem eine wichtige Schutzfunktion hat, auch für den Fall von Tsunamis (Mangroven statt Touristen und Garnelen). Mangrovenwälder an tropischen Küsten bestehen aus verschiedenen Baumarten mit weitverzweigtem überirdischen Wurzelwerk. Mangroven sind Pflanzen, die sich hervorragend an ein Leben zwischen Land und Salzwasser, dem Wechsel von Ebbe und Flut angepasst haben (Mangroven: tropische Gezeitenwälder). Selbst das Bundesministerium für Bildung und Forschung stellt fest:

Die Korallenriffe fungieren als Wellenbrecher, Mangroven hemmen die Küstenerosion und bilden einen zweiten Puffer zur Bewahrung des Binnenlandes. Der Tsunami in Südostasien zerstörte dort am meisten, wo Korallenriffe und Mangroven als Barrieren und Pufferzonen fehlten – fatal für zahlreiche Menschen, denn gerade Küsten sind die am dichtesten besiedelten Gebiete.

Küstenökosysteme als Schutz vor Tsunamis

Mangroven sind nicht nur Lebensraum für eine Vielzahl von Tieren, sie sind auch natürliche Barrieren gegen Flutwellen (Early oberservations of Tsunami effects on Mangrove and coastal forets). Das hereinbrechende Wasser verliert viel von seiner Wucht, wenn es erst mal die Bäume zu Kleinholz verarbeitet. Mangrovenwälder wirken deshalb beinahe wie ein Deich.

Waldstück im südlichen Teil des Untersuchungsgebiets in Tamil Nadu Indien, nach dem Tsunami (Bild: Nordeco)

In der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsjournals Science berichten jetzt internationale Wissenschaftler um Finn Danielsen von der Nordic Agency for Development and Ecology (Nordeco) in Kopenhagen über ihre Studie zu den schützenden Effekten durch Mangrovenwälder (The Asian Tsunami: A Protective Role for Coastal Vegetation).

Das Team fokussierte seine Aufmerksamkeit auf den Cuddalore District im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu. Das Gebiet bot sich für eine Untersuchung besonders an, weil es eine gerade Küstenlinie mit ziemlich gleichförmigen Stränden und konstantem Ufergefälle hat. Die Forscher verwendeten Satellitenaufnahmen von einem rund 20 km langen Küstenstreifen von vor und nach dem Tsunami und analysierten den Zusammenhang zwischen Bewuchs und Zerstörung. Dabei stellten sie deutlich eine Pufferwirkung der Mangroven fest. Dörfer hinter einem solchen Grünstreifen am Meersrand wurden fast überhaupt nicht zerstört, während ihre Nachbarn, die direkt am Strand siedelten, alles verloren. Nördlich und südlich der Mangrovenwälder gab es beachtliche Schäden, die deutlich erkennen ließen, dass die Wucht und die Höhe des Tsunamis durch die Bäume stark abgeschwächt wurden.

Es ist Zeit umzudenken und aufzuforsten. In den fünf Ländern, die hauptsächlich vom Tsunami betroffen waren, wurden von 1980 bis 2000 als ein Viertel der Mangrovengebiete abgeholzt. "Bestandsschutz und Neubepflanzung der Küsten mit Mangroven könnte helfen, bewohnte Gegenden vor künftigen Stürmen und Tsunamis zu schützen", kommentiert Finn Danielsen die Ergebnisse der aktuellen Forschung. (Andrea Naica-Loebell)