Manifest für eine molekulare Politik

Die Dynamik intelligenter Städte

Die Kommunikationsinfrastruktur und die intellektuellen Technologien waren immer eng mit den Formen wirtschaftlicher und politischer Organisation verbunden. Denken wir nur an einige bekannte Beispiele: Die Entstehung der Schrift ist mit der Gründung der ersten bürokratischen Staaten verbunden, die eine pyramidenförmige Hierarchie aufwiesen, sowie auch mit den ersten Formen einer zentralisierten Wirtschaftsverwaltung (Steuern, Verwaltung großer landwirtschaftlicher Güter usw.). Das Alphabet kam im alten Griechenland gleichzeitig mit dem Geld, mit der antiken Stadt und vor allem mit der Erfindung der Demokratie auf: Die meisten Menschen konnten lesen und sich somit über Gesetze informieren und sie diskutieren. Der Buchdruck hat die Verbreitung von Büchern in großem Ausmaß und die Entstehung von Zeitungen, der Grundlage jeder öffentlichen Meinung, ermöglicht. Ohne Buchdruck hätten die modernen Demokratien nicht entstehen können. Darüber hinaus ist der Buchdruck die erste Massenindustrie, und die von ihm eingeleitete technisch-wissenschaftliche Entwicklung war einer der Motoren der industriellen Revolution. Die audiovisuellen Medien des 20. Jahrhunderts (Radio, Fernsehen, Schallplatte, Film) waren am Aufkommen einer Gesellschaft des Spektakels beteiligt, welche die bis dahin sowohl in der Stadt als auch auf dem Markt (Werbung) geltenden Spielregeln umgestoßen hat.

Daß zwischen Kommunikationstechniken und Regierungsstrukturen eine enge Beziehung besteht, wurde auch in jüngster Zeit mehrmals bestätigt. Die an die eingleisigen, zentralisierenden und territorialisierten Medien gut angepaßten autoritären Regime hatten Schwierigkeiten, sich gegenüber Telefonnetzen, Satellitenfernsehen, Fax, Fotokopierern - also gegenüber allen Instrumenten, die eine dezentralisierte, transversale, nicht-hierarchische Kommunikation fördern - zu behaupten. Die zeitgenössischen Massenmedien stellen die rigiden Organisationsformen und die geschlossenen, traditionellen Kulturen in Frage, denn sie sind in der Lage, alle Arten von Ideen und Vorstellungen in großem Stil zu verbreiten. Trotz der unausweichlichen Reaktionen und des Wiederaufflammens archaischer Muster haben sie ihre immense kritische Macht bewiesen. Aber obwohl sie Emotionen verbreiten, Bilder ausstrahlen und kulturelle Inseln gekonnt auflösen, bieten sie den Menschen nur wenig Unterstützung, wenn es darum geht, gemeinsam Lösungen für Probleme zu erarbeiten und gemeinsam zu denken. Wenn unsere Gesellschaften schon die kritische und entterritorialisierende Macht der klassischen Medien am eigenen Leib verspürt haben, warum experimentieren sie dann nicht mit den Möglichkeiten dieser Kommunikationswerkzeuge, um kooperative Lernformen zu entwickeln und das soziale Band neu zu weben?

Die technischen Innovationen eröffnen neue Möglichkeiten, die die sozialen Akteure wahrnehmen oder auch nicht wahrnehmen, aber jedenfalls sind sie in keiner Weise im vorhinein automatisch festgelegt. Ein weites, fast noch unberührtes Feld tut sich uns in Kultur und Politik auf. Wir könnten einen jener äußerst seltenen Momente erleben, in denen eine Zivilisation sich selbst bewußt erfindet. Aber diese Öffnung ist vielleicht nicht von langer Dauer. Bevor wir uns blindlings auf neue Wege ohne die Möglichkeit der Umkehr einlassen, müssen wir experimentieren und überlegen, wie wir in diesem neuen Kommunikationsraum Organisationsstrukturen und Entscheidungsstile entwickeln und fördern können, die auf eine Vertiefung der Demokratie zielen. Der Cyberspace könnte ein Forum werden, in dem alle Stimmen gehört werden, in dem wir diese Probleme erforschen und komplexe Prozesse sichtbar machen, kollektive Entscheidungen treffen und Ergebnisse evaluieren, ohne uns zu weit von den betroffenen Gemeinschaften zu entfernen.

Die heutzutage gängigen Regierungsformen haben noch in einer Zeit ihre endgültige Form angenommen, als die technischen, wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen wesentlich weniger schnell als heute vonstatten gingen. Die großen politischen Probleme der Gegenwart betreffen Bereiche wie Abrüstung, ökologisches Gleichgewicht, Veränderungen in Wirtschaft und Arbeit, Entwicklung der Länder des Südens, Erziehung, Armut, Aufrechterhaltung des sozialen Bandes usw. Niemand verfügt über eine einfache, definitive Lösung. Um sich seriös mit diesen Fragen auseinandersetzen zu können, muß man wahrscheinlich eine große Vielfalt an Kompetenzen nützen und eine enorme Menge an Informationen bearbeiten. Außerdem sind die angesprochenen Probleme alle auf globaler Ebene mehr oder weniger eng miteinander verknüpft. Eine Lösung kann daher nur unter Beteiligung einer sehr großen Anzahl von Akteuren gefunden werden, die aber, was ihre Größe, ihren kulturellen Hintergrund und ihre kurzfristigen Interessen betrifft, äußerst heterogen sind. Außerdem wurde praktisch keine der modernen Regierungsformen für solche Anforderungen konzipiert.

Die heute angewandten Entscheidungs- und Evaluationsmechanismen wurden für eine relativ stabile Welt geschaffen, in der die Ökologie der Kommunikation noch einfach war. Heute jedoch gleicht die Information einer Sturzflut, einem Ozean. Die Kluft zwischen dieser Sintflut an Botschaften und den traditionellen Entscheidungs- und Orientierungsmustern wird immer größer. Die Regierungssysteme bedienen sich mehrheitlich noch immer molarer Kommunikationstechniken, und die Verwaltung erfüllt ihre Aufgaben meist noch mittels der klassischen, langsamen und starren Form des Schriftlichen. Computer werden in der Regel nur eingesetzt, um den bürokratischen Ablauf zu rationalisieren und beschleunigen, aber nur selten dazu, um mit innovativen, dezentralisierten, flexiblen und interaktiven Formen der Organisation und Bearbeitung von Information zu experimentieren. Was die Politiker betrifft, so ist der Raum ihrer Kommunikation, ihres Denkens fast vollständig von den Massenmedien, von Zeitungen, Radio und Fernsehen, besetzt.

Um mit der Beschleunigung des Wandels mithalten zu können, würde sich der massive Einsatz von Simulations- und anderen digitalen Techniken, die interaktive Kommunikationsformen und einen Zugriff auf Information in Echtzeit zulassen, als sehr nützlich erweisen, sofern alle Bürger zu diesen Technologien Zugang erhielten. Wie kann man in einer sich ständig wandelnden Situation mit enormen Datenmengen umgehen, die sich noch dazu auf miteinander vernetzte Probleme beziehen? Vielleicht müßte man Organisationsstrukturen aufbauen, die eine wirkliche Vergesellschaftung der Problemlösung erlauben und Probleme weniger an voneinander getrennte Instanzen delegieren, denn da besteht immer die Gefahr, daß die verschiedenen Instanzen schnell zu Konkurrenten werden und einander behindern oder isolieren. Für eine kooperative, parallele Auseinandersetzung mit diesen Problemen müssen wir Werkzeuge konzipieren, mit deren Hilfe wir Daten intelligent filtern, in der Information navigieren und komplexe Systeme simulieren können. Wir brauchen Instrumente, die es uns erlauben, eine transversale Form der Kommunikation zu entwickeln, damit sich Gruppen oder Personen in Hinblick auf ihr Wissen und ihre Aktivitäten gegenseitig ausfindig machen können. Man kann davon ausgehen, daß manche Techniken der Interaktivität und Visualisierung emergenter Bedeutungsräume in diese Richtung führen. Würden solche "virtuellen Agoras" in großem Stil eingesetzt, könnte man den Prozeß der Meinungsbildung und Entscheidungsfindung in heterogenen, zerstreuten Kollektiven beträchtlich verbessern.

Die Mobilisierung sozialer Kompetenzen ist eine Notwendigkeit, die nicht unabhängig von Technik und Politik gesehen werden kann. Ein Fortschritt in der Demokratie kann nur durch die bestmögliche Nutzung moderner Kommunikationsinstrumente realisiert werden. Außerdem wäre die Vertiefung der Demokratie im Sinne einer kollektiven Intelligenz ein Ziel, das sozial nützlich wäre und gleichzeitig (so glauben wir) auch eine Herausforderung für die Planer des Cyberspace darstellen würde. Auf sozialer Ebene besteht der größte Vorteil computergestützter Kommunikation sicherlich darin, daß Gruppen von Menschen befähigt würden, ihre mentalen Kräfte zu bündeln, um intelligente Kollektive zu bilden und Demokratie in Echtzeit tatsächlich zu leben.

Gegen diesen technopolitischen Vorschlag ließe sich einwenden, die Werkzeuge zum Navigieren im Cyberspace seien zu teuer und unpraktisch und die elektronische Agora ein elitärer, den Reichen und Gebildeten vorbehaltener Luxus. Dieses Argument scheint uns nicht stichhaltig. Was die Kosten betrifft, so könnte ein solches System bereits bestehende Infrastrukturen nutzen, man bräuchte dazu nicht einmal die vielzitierten Glasfaserkabel der Datenautobahn. Die Kosten für die Verbesserung von Programmen zur Datenkomprimierung bzw. -dekomprimierung und für die Entwicklung von Software zu Kommunikation, Navigation, Simulation und Visualisierung wären - verglichen mit den riesigen Summen, die für militärische Einrichtungen oder leerstehende Bürogebäude ausgegeben werden - minimal. Für Terminals wären überhaupt keine Investitionen notwendig, weil man nichts anderes bräuchte als die im Handel erhältlichen Multimedia-PCs.

Was die Hemmschwelle seitens der Benutzer betrifft, so sind die Programme heute immer leichter zu bedienen. Ein wachsender Teil der Bevölkerung arbeitet bereits mit Computern und kann ein oder zwei Programme bedienen. Die junge Generation hat praktisch keine Schwierigkeiten im Umgang mit diesen Technologien. (Was ganz allgemein den heute über Vierzigjährigen wie Science-fiction anmutet, könnte in dreißig Jahren bereits Alltag sein.) Bedenken wir, daß wir für unsere Ziele die digitalen Kommunikationsmittel ja nicht entwickeln oder programmieren, sondern nur bedienen können müssen. Als Vergleich sei das allgemeine Wahlrecht genannt: Um dieses Recht ausüben zu können, müssen die Bürger des Lesens und Schreibens kundig sein. Die Fähigkeit des Lesens erwirbt man durch einen mühsamen Prozeß, der drei oder vier (oder sogar mehr) Jahre harter Arbeit bedeutet und in speziellen, für die Allgemeinheit sehr kostspieligen Institutionen (Schulen) stattfindet, die aber in manchen Ländern noch immer nicht allen Menschen offenstehen.

Wäre aber das Argument, das allgemeine Wahlrecht sei einer reichen, des Lesens mächtigen Elite vorbehalten, überhaupt ein hinreichender Grund für seine Ablehnung? Ganz im Gegenteil: Sowohl das allgemeine Wahlrecht als auch der Zugang zu Bildung werden generell als Rechte angesehen. Die minimalen Fähigkeiten, die man zum Navigieren im Cyberspace braucht, erwirbt man wahrscheinlich in viel kürzerer Zeit als das Lesen, und auch diese Fähigkeiten werden, wie die Alphabetisierung, mit vielen anderen sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Vorteilen verknüpft sein, nicht nur mit der Ausübung demokratischer Rechte.

In den industrialisierten Ländern sind Telephon und Fernsehen heute Teil der Ausstattung eines jeden Haushaltes, auch bei Menschen, die in sehr bescheidenen Verhältnissen leben. Der Fernseher ist das Terminal in einem Kommunikationssetting, das nach dem sternförmigen Schema one-to-many funktioniert. Die Botschaft geht dabei von einem Zentrum an die aus zahlreichen voneinander getrennten Empfängern bestehende Peripherie. Das Telefon ist das Terminal in einem Kommunikationssetting, das nach dem netzförmigen Schema one-to-one strukturiert ist. In diesem Fall sind die Kontakte interaktiv, aber nur zwei Benutzer (zumindest nur eine kleine Anzahl von Personen) können gleichzeitig kommunizieren. Es ist gar nicht so abwegig sich vorzustellen, daß in einigen Jahren die meisten Haushalte auch mit Terminals (mit Cybergates) ausgestattet sind, die Teil eines Kommunikationssettings nach dem raumförmigen Schema many-to-many strukturiert sind. Die Bürger könnten dann an einer neuen soziotechnischen Struktur teilhaben, in der große Kollektive miteinander in Echtzeit kommunizieren. Der kooperative Cyberspace muß wie ein echtes öffentliches Dienstleistungsunternehmen konzipiert werden. Eine solche virtuelle Agora würde es erleichern, sich im Wissen zu orientieren und darin zu navigieren sowie den Austausch von Know-how fördern; sie wäre der Raum, in dem sich das Kollektiv seinen Sinn konstruiert, sie könnte dynamische Visualisierungen kollektiver Situationen liefern, und schließlich würde eine derartige virtuelle Agora ermöglichen, in Echtzeit eine Unmenge von Vorschlägen, Informationen oder laufenden Prozessen nach den verschiedensten Kriterien zu beurteilen. Der Cyberspace könnte der Ort einer neuen Form direkter Demokratie in großem Maßstab werden.

Wenn wir mit bislang nie dagewesenen Problemen konfrontiert sind, können wir uns nicht auf historische Erfahrungen oder Traditionen verlassen. Die politische Philosophie kann die direkte Demokratie in Echtzeit, wie sie der Cyberspace ermöglicht, noch gar nicht diskutiert und beurteilt haben, da die technischen Voraussetzungen erst seit Mitte der 80er Jahre gegeben sind. Die Demokratie Athens versammelte einige Tausend Bürger, die sich an einem öffentlichen, zu Fuß erreichbaren Ort trafen und diskutierten. Zur Zeit der Entstehung der modernen Demokratien waren Millionen von Bürgern über ausgedehnte Gebiete verstreut. Es war also praktisch unmöglich, direkte Demokratie in großem Stil zu praktizieren.

Die repräsentative Demokratie kann als eine technische Lösung von Koordinationsschwierigkeiten gesehen werden. Aber sobald sich bessere technische Lösungen anbieten, gibt es keinen Grund, diese nicht ernsthaft in Erwägung zu ziehen. Die klassische pluralistische, parlamentarische Staatsform ist sicherlich der Diktatur vorzuziehen, und das allgemeine Wahlrecht steht höher als das Zensuswahlrecht. Trotzdem dürfen spezielle soziotechnische Verfahren nicht zum Fetisch erhoben werden. Das Ideal der Demokratie besteht nicht in der Wahl von Volksvertretern, sondern in der größtmöglichen Teilnahme des Volkes am Leben der Stadt. Die klassische Wahl ist nur ein Mittel. Warum sollte man nicht andere, auf den neuesten Techniken beruhende Mittel in Betracht ziehen, wenn die Bürger dadurch qualitativ besser eingebunden werden, als das durch das Auszählen von in Wahlurnen gesammelten Stimmzetteln möglich ist?

Sieht man einmal von Vereinsaktivitäten ab, so nehmen die Bürger im wesentlichen in Form von Wahlen am Leben der Stadt teil. Wenn der Wähler seine Stimme einem Programm, einem Sprecher oder einer Partei gibt, wirft er eine kleine Masse in die Waagschale und verhilft einem Vorschlag zu einem winzigen Zuwachs an Gewicht. Der Akt des Wählens bindet den Bürger in einen Prozeß molarer sozialer Regulierung ein, in dem seine Handlungen nur quantitative Wirkung haben. Die Individuen, die in der Wahlkabine ihre identischen Stimmzettel abgeben, sind austauschbar, auch wenn sie sich mit sehr verschiedenen Problemen konfrontiert sehen und sich ihre Argumente und Positionen in tausenderlei Hinsicht unterscheiden. Die wirkungsfähigen politischen Identitäten werden auf die Zugehörigkeit zu einigen wenigen simplen, im Grunde binären Kategorien reduziert. Umfragen funktionieren im wesentlichen nach dem gleichen Schema: Der Befragte muß auf stark vereinfachte Fragen, die jemand anderer stellt, isoliert mit ja oder nein antworten, und seine Antworten haben letzten Endes nur statistische Wirkung. Die bei Wahlen erlaubten Ausdrucksformen sind nicht nur extrem grob, sondern es mangelt ihnen auch an Kontinuität, und sie lassen dem Bürger nur wenig Spielraum für Eigeninitiave: Wahlen finden im allgemeinen nur alle vier oder fünf Jahre statt.

Ein Mechanismus direkter Demokratie in Echtzeit im Cyberspace würde es den Bürgern erlauben, die alltäglichen Probleme zu formulieren, neue Aspekte einzubringen, Argumente zu erarbeiten und zu den unterschiedlichsten Themen verschiedene, voneinander unabhängige Positionen zu beziehen. Auf diese Weise könnten die Bürger eine gemeinsame politische Landschaft entwerfen, die qualitativ beliebig differenziert sein könnte und nicht von den großen molaren Brüchen zwischen Parteien definiert wäre. Die politische Identität der Bürger wäre davon bestimmt, welchen Beitrag sie persönlich zur Konstruktion einer sich ständig verändernden politischen Landschaft leisten und welche Unterstützung sie gewissen Problemen (die sie für vorrangig halten), Positionen (die sie teilen) und Argumenten (die sie ihrerseits aufgreifen) angedeihen lassen. Auf diese Weise hätte jeder eine absolut einzigartige politische Identität und Rolle, die ihn von jedem anderen Bürger unterscheidet, wobei er aber die Möglichkeit hat, sich mit jenen zu verständigen, die zu einem gewissen Zeitpunkt ähnliche oder komplementäre Ansichten über ein Thema vertreten. Natürlich müßten alle Vorkehrungen getroffen werden, damit die Anonymität der politischen Identität gewahrt bliebe. Man nähme am Leben der Stadt also nicht mehr als Teilchen einer "Masse" teil, die einer Partei Gewicht oder einem Sprecher höhere Legitimtität verleiht, sondern indem man Verschiedenheit schafft, das kollektive Denken bereichert und zur Erarbeitung und Lösung gemeinsamer Probleme beiträgt.

Einer Gemeinschaft die Möglichkeit zu geben, eine vielstimmige Äußerung zu machen, direkt und ohne Umweg über einen Vertreter - das ist das technopolitische Ziel einer Demokratie im Cyberspace. Diese kollektive Stimme könnte sich als komplexes Bild, als dynamischer Raum oder als mobiler Plan der Erfahrungen und Vorstellungen der Gruppe präsentieren. Jeder einzelne könnte sich in einer virtuellen Welt situieren, die von allen gemeinsam durch kommunikatives Handeln gestaltet wird. Kollektiv muß nicht unbedingt synonym mit Masse und Uniformität sein. Die Entwicklung des Cyberspace gibt uns die Gelegenheit, mit Organisations- und Regelsystemen für Kollektive zu experimentieren, die die Vielfalt und Diversität in den Vordergrund stellen.

Wie sich Subjekte kollektiver Äußerung konstituieren, ist eines der heikelsten Probleme der Philosophie und der politischen Praxis. Unter welchen Umständen kann man zurecht "wir" sagen? Kann sich dieses "Wir" wirklich legitim als Kollektiv äußern, ohne die Vielfalt zu schmälern? Was geht verloren, wenn man "wir" sagt?

Wenn Demonstranten alle die gleichen Parolen skandieren, dann handelt es sich dabei zweifellos um eine kollektive Äußerung. Aber sie zahlen einen nicht zu vernachlässigenden Preis: Die gemeinschaftlichen Äußerungen sind reduziert und simpel, sie übertünchen Unstimmigkeiten und integrieren nicht die Unterschiede, die die Menschen einzigartig machen. Außerdem werden Parolen meist schon vor einer Demonstration festgelegt, und nur in den seltensten Fällen sind alle Teilnehmer an deren Erarbeitung beteiligt. Wie bei einer Wahl kann sich der einzelne auch bei einer Demonstration seine politische Subjektivität nur durch die Zugehörigkeit zu einer Kategorie konstruieren ("alle, die die gleichen Parolen skandieren" oder "alle die sich in der und der Partei wiedererkennen"). Wenn alle Mitglieder eines Kollektivs die gleichen Aussagen treffen (oder es von ihnen angenommen wird), dann befindet sich die kollektive Äußerung im Stadium des einstimmigen Gesangs. Ein armes "Wir" macht monotone Äußerungen. Aber es gibt mehrere Arten, "wir" zu sagen.

Gewisse Organisationsformen erlauben es dem einzelnen, sich auf sehr differenzierte Weise in eine komplexe, endgültige Äußerung einzuschreiben: Bücher oder Artikel, die von mehreren Autoren stammen, Filme, bei denen im Abspann jeder einzelne Mitwirkende angeführt wird, Theaterstücke, Zeitungen usw. Auf politischer Ebene wäre das Gegenstück ein Gesetzesentwurf, der von einer Versammlung diskutiert, modifiziert, geändert und akzeptiert wird. Aber in diesem Fall ist das Geäußerte ein Endprodukt, nicht die offene Dynamik der Stimmfindung und Aushandlung der Botschaften. Übrigens wird eine solche Form der Äußerung meist von einem Autor, einem Regisseur, einem Chefredakteur oder irgendeinem anderen "Dirigenten" dominiert. Hier befindet sich das Äußerungsdispositiv bereits im Stadium der Vielstimmigkeit. Trotzdem ist diese Symphonie noch nicht lebendig, vielschichtig und unbestimmt genug; denn sie bildet eine Harmonie, die von einem Ausgangspunkt in der Vergangenheit vorgegeben, an einem Punkt im Entwicklungsprozeß eingefroren oder von oben, von einem die Richtung vorgebenden "Punkt der Transzendenz" dirigiert wird. Um aber wirklich frei zu sein, muß die Stimme des Kollektivs mit seinem Atem Schritt halten, sie müßte sich ohne Unterbrechung artikulieren und sich in Echtzeit erfinden.

Der Cyberspace könnte Äußerungsstrukturen beherbergen, die lebendige politische Symphonien hervorbringen, wodurch Kollektive von Menschen kontinuierlich komplexe Äußerungen erfinden und zum Ausdruck bringen, mit ihrer ganzen Bandbreite an Singularitäten und Divergenzen, ohne sich vorgegebenen Formen unterordnen zu müssen. Eine Echtzeit-Demokatrie will ein möglichst reiches "Wir" erschaffen, dessen musikalisches Vorbild ein improvisierter vielstimmiger Chor sein könnte. Für den einzelnen ist die Mitwirkung deshalb eine besondere Herausforderung, weil er erstens den anderen Chorstimmen zuhören, zweitens anders als die anderen singen und drittens seine Stimme harmonisch in die der anderen einfügen muß, das heißt die Gesamtwirkung verbessern muß - und das alles gleichzeitig. Er muß den drei "schlechten Attraktoren" widerstehen, die ihn dazu verleiten, entweder die Stimme der Nachbarn durch zu lautes Singen zu überdecken oder gar nicht zu singen oder in die Stimme der anderen mit einzustimmen.

In dieser symphonischen Ethik zollt man den Regeln der Höflichkeit, den Umgangsformen, die eine zivilisierte Konversation bestimmen, Achtung. Das heißt, nicht schreien, den anderen zuhören, bereits Gesagtes nicht wiederholen, auf Fragen antworten, versuchen, beim Thema zu bleiben, und den Stand der Konversation berücksichtigen. Die direkte Demokratie im Cyberspace wäre vielleicht in der Lage, eine computergestützte Zivilität hervorbringen, die die Form eines großen kollektiven Spiels annehmen könnte, in dem die Kooperativsten, Urbansten, diejenigen, die am besten eine zusammenklingende Vielheit hervorbringen können, gewinnen und nicht diejenigen, die am geschicktesten die Macht an sich reißen, die die Stimme der anderen ersticken oder anonyme Massen in molare Kategorien einteilen.

Ohne die zum Cyberspace gehörenden Fähigkeiten des Rechnens, der synthetischen Visualisierung und unmittelbaren Kommunikation kann eine derartige politische Symphonie oder Polyphonie nicht in großem Maßstab funktionieren. Eine soziale Gruppe kann sich wahrscheinlich nie ohne Vermittlung konstituieren. Unsere Hypothese besteht einfach darin, daß die Vermittlung immanent statt transzendent sein könnte. Transzendente Vermittler sind Götter, Mythen, Hierarchien, Repräsentanten. Im Falle einer immanenten Vermittlung übernimmt ein elektronisches Werkzeug die Rolle des Vermittlers innerhalb der Gruppe. Dieses Werkzeug, das in tausenden Händen liegt, produziert und reproduziert ständig ein sich wandelndes Text-Bild, eine kinetische Karte, die von tausenden Augen beobachtet und durch die laufenden Diskussionen und die Einbindung der Bürger strukturiert wird. Die Rolle der virtuellen Agora besteht hier nicht darin, anstelle der Menschen zu denken (es besteht keinerlei Zusammenhang mit so absurden Projekten wie dem einer "Regierungsmaschine"), sondern darin, einen von lebendigen Menschen beseelten Mechanismus kollektiver Äußerung zu schaffen. Der technische Vermittler berechnet in Echtzeit die Diskurs-Landschaft der Gruppe, so daß die individuellen Äußerungen in ihrer Einzigartigkeit so wenig wie möglich deformiert werden.

Bis vor ganz kurzem waren die meisten Vermittler von Gruppen Menschen, die sich durch ihre Rolle in Übermenschen, in Quasi-Götter (Könige, Staats- oder Regierungschefs, Helden, Medienstars usw.) verwandelten oder aber in Untermenschen, in Sündenböcke und Feinde, welche die in der Gesellschaft latente Gewalt auf sich konzentrierten. Sind Heteronomie, Transzendenz, Weissagung oder Verfolgung aus anthropologischer Sicht etwas Unabwendbares? Wenn neue technische Möglichkeiten, kombiniert mit Fortschritten auf organisatorischer und juristischer Ebene, Transzendenz und Heteronomie schon nicht für immer verschwinden lassen können, so können sie ihnen zumindest den Status verzichtbarer Archaismen verleihen, den Phänomene wie Menschenopfer, Sklaverei, Piratentum, Folter, Apartheid, Planwirtschaft oder Totalitarismus in unseren Augen schon heute besitzen. Was uns heute barbarisch erscheint, betrachtete man zu anderen Zeiten oder an anderen Orten als ganz normale oder von der Natur des Menschen diktierte, ja, sogar erwünschte Praktiken. Immanente technisch-juristische Vermittlungsformen im Dienste einer kollektiven Äußerung könnten jene Anthropologien obsolet machen, die den voreiligen Schluß ziehen, göttliche oder allzu menschliche Vermittlung sei für die Konstituierung einer Gruppe notwendig. Wer könnte denn schon mit Sicherheit behaupten, Opfer, Götter, transzendente Mächte, kurz Heteronomie im allgemeinen, sei der einzig mögliche Weg, Kollektive zusammenzuschweißen? Und wie stark ist in diesem Zusammenhang der selbsterfüllende Effekt von Prophezeiungen, die sich als Tatsachen ausgeben?

Das intelligente Kollektiv ist die neue Persönlichkeit der demokratischen Stadt. Von diesem Ideal beseelt, lockert die "molekulare Politik" den Würgegriff der territorialen Macht und hebt für einen Moment die Wirkung der entterritorialisierten Netze der Weltwirtschaft auf, um in diesem so eroberten leeren Raum den rhizomatischen Prozessen, den Falten und Faltungen der kollektiven Intelligenz freies Spiel zu lassen. Es handelt sich hier nicht darum, ein Programm zu formulieren oder der Echtzeit-Demokratie einen "Inhalt" zu verleihen, sondern nur darum, eine Vorgehensweise bzw. einige Regeln des neuen Spiels zu skizzieren. Insbesondere möchten wir vermeiden, daß die kollektive Intelligenz sich auf ein Ziel fixiert oder sich mit gewissen internen Handlungen oder mit einer bestimmten Phase ihrer Dynamik identifiziert, denn das Wesentliche ist die autonome Bewegung, der Prozeß der Selbsterschaffung. Zweck der intelligenten Stadt ist ihr Wachstum, ihre Verdichtung, ihre Ausdehnung, ihre Rückbesinnung auf sich selbst, ihre Öffnung zur Welt. Aus politischer Perspektive gesehen, sind die großen Phasen in der Dynamik der kollektiven Intelligenz Zuhören, Ausdruck, Entscheidung, Evaluation, Organisation, Vernetzung und Vision, wobei jede Phase auf jede andere verweist.

Treten wir nun in den Kreis ein und beginnen wir mit dem Zuhören. Die intelligente Stadt hört nicht nur auf ihr Umfeld, sie hört auf sich selbst und ihre innere Vielfalt. Wie wir schon mehrmals betont haben, sind die postmedialen Kommunikationsdispositive in der Lage, die aus den tatsächlichen Praktiken resultierende Vielfalt wiederherzustellen. Das Zuhören besteht darin, die unzähligen Ideen, Argumente, Tatsachen, Bewertungen, Erfindungen und Beziehungen auftauchen zu lassen, sie sichtbar und hörbar zu machen, denn sie sind es, die die soziale Wirklichkeit, die soziale Masse in ihrer Unergründlichkeit zusammenhalten: Projekte, einzigartige Kompetenzen, originelle Formen des Sich-in-Beziehung-Setzens, des Verhandelns, organisatorische Experimente usw. In einer Zeit der Bewegung führen die offiziellen Sprachen und festgefügten Raster nur zu Störung, Verschleierung und Orientierungslosigkeit. Will man die Transparenz des Sozialen sich selbst gegenüber (und nicht die Transparenz des Individuums gegenüber der Macht) erhöhen, dann muß man die es bevölkernden Singularitäten auch ermächtigen, sich in ihrer eigenen Sprache auszudrücken, ihre Selbstbeschreibungen und Projekte zu erfinden, ohne a priori einen Code vorzugeben.

Wirkliches Zuhören impliziert eine Phase des Widerhalls, der Rückwirkung, es impliziert Dialog oder Multilog. Dieses Zuhören wird nicht von einer transzendenten Instanz vollzogen und beschränkt sich auch nicht auf eine simple, passive Anerkennung von Differenz, sondern ist selbst ein dem Kollektiv immanenter Prozeß, eine schöpferische Zirkularität. Vermittelt man dem Kollektiv, daß es von jedem verstanden worden ist, so gibt man ihm die Mittel in die Hand, einander zu verstehen, oder besser gesagt, sich zu verständigen. Jetzt ist die Geburt des sozialen Bandes nicht mehr fern.

Die Mechanismen des Zuhörens des Kollektivs sind für die Echtzeit-Demokratie das, was das Rastertunnelmikroskop für die Nanotechnologie ist: kein fein abgestimmtes Handeln ohne molekulare Wahrnehmung. Deswegen ziehen wir es vor, von molekularem Zuhören der Kollektive als emergentem Prozeß und nicht von "Kommunikation" oder "Information" zu sprechen, denn diese Begriffe erinnern zu stark an molare Medien. Der Terminus "Zuhören" ist treffender als derjenige der Kommunikation, weil "Zuhören" eher an das Graben eines leeren Raums als an das Auffüllen eines Kanals erinnert, weil es eine achtsame Haltung gegenüber Fragen und Vorschlägen impliziert und nicht das Anbieten von Information und die Gegenüberstellung von Diskursen in den Vordergrund rückt. Das Zuhören dreht die mediale Bewegung um. Es läßt das vielstimmige Murmeln des Kollektivs aufsteigen, statt das Wort den Vertretern zu geben. Die Medien mögen weiterhin Katastrophen ankündigen und die Bilder der Mächtigen verbreiten; die Echtzeit-Demokratie stützt sich auf ein postmediales Dispositiv, auf ein Netz molekularer Verständigung über positive Praktiken, Ressourcen, Projekte, Wissen und Ideen.

Ausgehend von diesem kontinuierlichen Zuhören können die eine intelligente Stadt belebenden Individuen und Gruppen jene Probleme, die ihnen für das kollektive Leben am bedeutendsten zu sein scheinen, zum Ausdruck bringen, sie können Stellung beziehen und Argumente zur Untermauerung ihres Standpunktes formulieren. Noch einmal: Die tatsächliche politische Identität eines Individuums ist nicht mehr durch die Zugehörigkeit zu einer Kategorie gekennzeichnet, sondern durch eine singuläre, provisorische Distribution im offenen Raum der Probleme, Positionen und Argumente, in einem Raum, den jeder in Echtzeit mit- und neugestaltet. Mehrheit und Minderheit sind jetzt Mehrheiten und Minderheiten, sie existieren nur mehr im Plural, denn sie sind nicht mehr auf ein molares Regierungsprogramm bezogen, sondern auf auftauchende, mehr oder weniger dauerhafte Probleme. Mehrheiten bilden sich nur mehr zu spezifischen, im Kollektiv erarbeiteten Fragen. Minderheiten haben die Möglichkeit, mit ihren Ansichten zu experimentieren, solange ihre Projekte das Funktionieren der Echtzeit-Demokratie selbst nicht in Frage stellen und die Mehrheiten nicht bedrohen. Unter der Bedingung, daß sie einer Evaluation unterzogen werden, sind Initiativen und Experimente von Minderheiten tatsächlich eine für die Echtzeit-Demokratie essentielle Dimension, denn so können alternative Lösungsansätze für die Probleme der Stadt erarbeitet werden.

Sobald Entscheidungen getroffen und umgesetzt sind, werden sie natürlich vom Kollektiv selbst in Echtzeit nach einer breiten Palette von Kriterien evaluiert. Übrigens sind die Evaluationsmodi selbst Gegenstand permanenter Debatten und werden ihrerseits evaluiert! In einer Echtzeit-Demokratie wird dem Bürger ein Maximum an Verantwortung übertragen, denn er muß nicht nur Entscheidungen fällen, sondern auch die Konsequenzen seiner Entscheidungen tragen und deren Stichhaltigkeit beurteilen. Die Evaluation muß direkt im Zuge der Benutzung öffentlicher Einrichtungen oder der Anwendung der Gesetze erfolgen. Die Ausweitung der Demokratie setzt voraus, daß der einzelne größere Verantwortung übernimmt. Nun liegt es auf der Hand, daß eine Sichtbarmachung der Auswirkungen individueller und gemeinschaftlicher Entscheidungen auf das Kollektiv das Verantwortungsgefühl verstärkt und ein dementsprechendes Handeln fördert. Aus diesem Grund ist die Ausübung dieser "Bürgerschaft" eins mit der Erziehung zu dieser Bürgerschaft.

Der nächste Schritt bei der Konstituierung einer kollektiven Intelligenz, die Organisation, besteht darin, die das Stadtleben regelnden Funktionen und Organe zu verteilen, die Aufgaben zu teilen und Kräfte und Kompetenzen zu bündeln. Die Organisation baut also auf den vorangegangen Schritten auf. Die Zuteilung von Rollen, die Bereitstellung von Ressourcen muß, will sie effizient sein - das heißt, wenn sie die Prozesse dynamisch gestalten und nicht nur territoriales Denken verstärken will -, in einem konstanten Kreislauf von Zuhören, Ausdruck, Entscheidung und Evaluation eingebettet sein. Isoliert von den vorangegangenen Maßnahmen wäre die Organisation reduziert auf künstliche Prozesse von Separation, auf leblose, nach formalen Gesichtspunkten gegliederte Komplexe und simple Machtergreifung. Die molekulare Politik widersteht der Versuchung, sich durch Separation zu organisieren und läßt die molaren Organisationsstrukturen im Zyklus der kollektiven Intelligenz aufgehen. Nach diesem Modell könnten der Staat und die gegenwärtigen Regierungsstrukturen beibehalten werden, sofern sie ihre Funktionen neu definieren: Sie würden Wächter, Garanten, Verwalter und Ausführende der kollektiven Intelligenz. Die Organisation trägt außerdem dazu bei, für den einzelnen die Sichtbarkeit des Sozialen zu erhöhen, denn sie erleichtert Unterscheidung und Orientierung. Vor allem die klare Abgrenzung jener Bereiche, in denen Kompetenzen und Ressourcen konzentriert sind, ist ein Faktor, der die Stadt für den Bürger lesbarer macht und ihm die Orientierung erleichtert. Dadurch begünstigt die Organisation eine transversale Form von Verbindung und Kooperation, wodurch sie sich aber selbst in Frage stellt und permanent des-organisiert. Als eine von vielen Phasen im Zyklus der kollektiven Intelligenz wird Organisation im Grunde zur Selbstorganisation bzw. erscheint als das organisatorische Moment einer umfassenderen Selbstorganisation.

Aus dem Blickwinkel der intelligenten Stadt kann Organisation tatsächlich nicht ohne ihr desorganisierendes Komplement, die transversale Verbindung, gedacht werden: Das Ingangsetzen von Kreisläufen, das Falten, Zusammenfalten und Auffalten des Selbst in einem Raum von Bedeutungsnähe und menschlichen Beziehungen beleben und durchdringen in einem fort die Echtzeit-Demokratie. Gemeinschaftliche virtuelle Bedeutungswelten könnten die unterschiedlichsten Formen diagonaler Verbindung und freien Aushandelns ermöglichen, ohne Umweg über Repräsentanten. Von außen betrachtet, könnte dies wie Desorganisation, wie ein rein negatives Verwischen bestehender Unterscheidungen und Grenzen wirken. Aber diese transversalen Kontakte kommen nicht blindlings zustande. Die endogenen Kreisläufe ergeben sich unmittelbar aus Zuhören, Ausdruck, Entscheidung und Evaluation. Nur weil sich die sozialen Moleküle in ihrer Singularität gegenseitig entdecken konnten - und weil diese laufenden Prozesse sichtbar geworden sind -, können unvorhergesehene Umgruppierungen, Wünsche nach Kollaboration, Ortswechsel und Austausch überhaupt auftauchen. Die Karten der Stadt werden so neu gemischt.

Die virtuelle Agora der molekularen Demokratie hilft sowohl Personen als auch Gruppen, einander zu erkennen und zu begegnen, miteinander zu verhandeln und Verträge abzuschließen. Dazu müssen unserer Meinung nach Instrumente zur Orientierung und Lokalisierung im politischen, sozialen, institutionellen und rechtlichen Komplex entwickelt werden, sofern diese nach dem Prinzip des ständigen Hörens auf die Bedürfnisse und tatsächlichen Praktiken der Bürger funktionieren. Eines der Ziele der Echtzeit-Demokratie besteht darin, einen Markt für Ideen, Argumente, Projekte, Initiativen, Erfahrungen und Ressourcen zu schaffen, in dem größtmögliche Transparenz herrscht, damit die relevanten Verbindungen so schnell und billig wie möglich hergestellt werden können. Weit von Brownschen Bewegungen und zufälligen Mischungen entfernt, unterstützt die intelligente Stadt die Feinabstimmung von Reaktionen und molekularen Prozessen. Sie mißt den menschlichen Qualitäten den höchstmöglichen Wert bei, denn erst sie erwecken sie zum Leben.

Diese überschäumenden molekularen Prozesse dürfen aber nicht das Auftauchen einer globalen Vision verhindern. Vision darf in diesem Zusammenhang nicht als unverrückbares Bild der Zukunft, als Vorausschau oder als faszinierendes Signal aus einer anderen Welt verstanden werden, sondern als Akt des Sehens, als Entfaltung einer kollektiven Vision, als Vision des werdenden Selbst. Diese Vision entspringt den vorangegangenen Akten: Zuhören, Ausdruck, Entscheidung, Evaluation, Organisation und Verbindung. Diese ständige Rückkoppelung mündet schließlich im Entwurf einer Dynamik. Die Vision kommt nicht von oben, sie entsteht nicht in einem gesonderten Organ der kollektiven Intelligenz. Sie hat ihren Ursprung in den Interaktionen und Kontakten, sie reift in den gemeinsamen Projekten, in den Kreisläufen und Begegnungen.

Die Vision ist jener Moment, in dem die molekularen Prozesse eine globale Gestalt skizzieren oder ankündigen und einige große Anziehungspunkte bilden. Zu den wichtigsten Instrumenten dieser Vision zählen die virtuellen Bilder der fortlaufenden Dynamik des Kollektivs, wie sie der Cyberspace liefert. Diese Bilder sind synthetischer oder kartographischer Natur, aber wie in einem Hypertext kann man beliebig in ihnen navigieren und sie eerforschen. Während sie die Äußerungen des Individuums ins Kollektiv einschreiben, erlauben sie gleichzeitig jedem, ob nun Person, Gruppe, Vereinigung, Institution, Gemeinde oder Unternehmen, diese gemeinschaftliche Sicht des Ganzen in die Vorbereitung seiner Zukunft zu integrieren. Diese globale, geteilte Sicht reflektiert und bricht sich in den individuellen Projekten und Strategien, sie orientiert und konzentriert die molekularen Prozesse. Die einigende Vision der Unterschiedlichkeit kann die kollektive Intelligenz aber nur dann dynamisieren, wenn sie direkt verteilt und von den sozialen Akteuren wieder in autonomer Weise übernommen wird und dabei auf die molekularen Strategien und Praktiken einwirkt, die dann ihrerseits dem Bild der kollektiven Dynamik einen neuen Impuls verleihen. Diese Vision ist das emergente, globale Gesicht des Zuhörens.

Die Perspektive einer Echtzeit-Demokratie wirft sofort einige Fragen auf, die sich vor allem auf die Einheit der Stadt sowie auf die Kontinuität und Beständigkeit ihrer Politik beziehen. Besteht nicht die Gefahr, das Gedächtnis zu verlieren, sich in erratischen Variationen zu ergehen und unkontrollierte Massenbewegungen auszulösen? Könnte man überhaupt noch längerfristige Perspektiven entwickeln? Bevor wir uns direkt mit diesen Fragen beschäftigen, müssen wir das Hauptproblem - das der Zeitlichkeit der Politik - in globaler Sicht behandeln. Wir werden nacheinander zwei Fragen anschneiden: Zuerst, welche Auswirkungen die Anwendung von Echtzeit-Technologien auf soziale Prozesse im allgemeinen, nicht nur auf die Verarbeitung von Information, hat. Und zweitens die schon direkter politische Frage, was der Terminus "Echtzeit" in Echtzeit-Demokratie genau bedeutet.

Wir haben gesehen, daß die molekularen Technologien wesentlich schneller sind als die molaren. Sie arbeiten in Echtzeit, das heißt, Ergebnisse stehen ohne zeitliche Verzögerung zur Verfügung. Welche Unterschiede gibt es nun zwischen Rechnen und Datenübertragung in Echtzeit und menschlichen Handlungen in Echtzeit? Der erste Unterschied ist quantitativer Natur. Der Begriff der Echtzeit hat im Falle von Gemeinschaften eine andere zeitliche Dimension als bei der Datenverarbeitung. Eine digitale Simulation reagiert unmittelbar auf die Veränderung einer Variablen, während ein Individuum seine mentalen Modelle und Aktionsmuster nicht mit der gleichen Geschwindigkeit verändern kann. Gruppen lernen noch wesentlich langsamer als einzelne Menschen. Der zweite Unterschied ist qualitativer Natur. Für den Menschen kann die Reduktion von Zeitspannen kein Ziel an sich darstellen. Die Nutzung des Seinspotentials, die Entfaltung menschlicher Fähigkeiten, braucht Zeit, und es wäre absurd, diese verkürzen zu wollen. Vom subjektiven Standpunkt aus besteht das Problem nicht darin, die Zeit zu verkürzen, sondern sie reicher zu gestalten. Wenn sich die Beschleunigung von Operationen in einer Verarmung der erlebten Zeit niederschlägt, dann handelt es sich, was die Ökonomie des Menschlichen betrifft, eher um einen Verlust als um einen Gewinn.

Wenn wir die qualitativen (Subjektivität der Zeit) und quantitativen Unterschiede kombinieren, verstehen wir, warum Kollektive etwas Neues nur sehr langsam zulassen und annehmen. Das Neue verschiebt oder verändert Gewohnheiten, Handlungsmuster, identitätsstiftende Faktoren und Beziehungsharmonien allmählich und von Grund auf. Das kollektive Lernen geht auch deshalb langsam vonstatten, weil es Interaktionen zwischen autonomen Wesen betrifft, die nein sagen können und alle im Zentrum ihrer je eigenen Welt stehen. Moleküle und Bits, die weniger intelligent und weniger frei als Menschen sind, weisen einen vergleichweise geringen Widerstand gegenüber Veränderungen auf. Sie lassen sich also leichter in Echtzeit bearbeiten. Die Langsamkeit und der kollektiven Prozessen eigene Rhythmus machen die Würde des Menschlichen aus. Um gemeinsam lernen, denken, erfinden und entscheiden zu können, braucht es Zeit. Und noch mehr Zeit braucht es, um zu gemeinsamen Urteilen zu finden, um Ausdrucksformen abzustimmen und zu entfalten und um die Gemeinsamkeiten zu weben, die Gemeinschaften zusammenhalten.

Greifen wir etwas vor und betonen wir bereits an dieser Stelle, daß eine Echtzeit-Demokratie unter dem Zeichen der kollektiven Intelligenz einer Demagogie des Direkten, einer unmittelbaren Massenwirkung diametral entgegensteht. Man muß bei kollektiven Intelligenzen in der Tat zwei Formen von Zeitlichkeit unterscheiden: die ihrer Konstituierung und die ihrer Handlungsmodi, die zum Tragen kommen, sobald sie sich konstituiert haben. Erstere ist gezwungenermaßen langsam und kann sich nicht unmittelbar und augenblicklich manifestieren. Drängt man sie, so entzieht sie sich, eben weil sie autonom ist. Sie wird sich höchstwahrscheinlich der molekularen Echtzeit-Techniken und digitalen Netze bedienen, aber nur, um ihrem inneren, subjektiven, geheimen, vielschichtigen und komplizierten Rhythmus besser folgen zu können, der weder mittels Uhr noch mittels Kalender gemessen werden kann.

Andererseits ist das intelligente Kollektiv tatsächlich "schneller" als organische oder molare Gruppierungen von Menschen. Was ist denn die Intelligenz, diese Fähigkeit zu lernen und zu erfinden, anderes als das Vermögen, Prozesse zu beschleunigen? Eine Erfindung erlaubt es uns fast immer, ein bestimmtes Ziel schneller zu erreichen. Der Homo sapiens schafft eine Kultur, die schneller läuft als die biologische Evolution. Technik, Sprache, das Denken ganz allgemein sind Beschleuniger. Deshalb arbeitet das intelligente Kollektiv so intensiv an der Steigerung seiner Lerngeschwindigkeit, es vergrößert sein Reorganisationsvermögen, reduziert die Innovationsfristen und vervielfacht sein Erfindungspotential. Eine intelligentere Gruppe ist auch eine schnellere Gruppe. Aber diese kognitive Geschwindigkeit erzielt eine Gruppe nur, wenn sie die sie bildenden autonomen Subjektivitäten mobilisiert - und damit respektiert - und nicht versucht, sie einer äußerlichen Zeit zu unterwerfen. Die Echtzeit der kollektiven Intelligenz kann nur eine Emergenz sein, sie synchronisiert Denk-, Lern- und Arbeitsintensitäten.

Kommen wir nun zum Kern unseres Problems. Die Vorstellung einer Demokratie in Echtzeit hat nichts Paradoxes an sich, weil Demokratie von Natur aus in Echtzeit stattfindet. Nach allgemeiner Auffassung steht sie in Gegensatz zur Willkür eines Tyrannen oder zur Machtausübung einer Minderheit und setzt dem ein von allen (oder zumindest der Mehrheit) akzeptiertes, für alle gültiges Gesetz entgegen. Das bedeutet, daß das Ziel der Demokratie darin besteht, die Autonomie der Gesamtheit der Bürger zu verwirklichen und zu garantieren: Die Stadt gibt sich ihre eigenen Gesetze. Autonomie, wie wir sie heute verstehen, und ein Kapitulieren vor vollendeten Tatsachen sind nicht miteinander vereinbar. Autonomie setzt voraus, daß man imstande ist, sich zu wandeln, etwas in Frage zu stellen, zu lernen. Das autonome Wesen hat die Macht, seiner Vergangenheit zu entkommen, es weigert sich, streng determiniert zu sein. Dank seiner Souveränität kann es herrschende Gesetze ändern oder sich ein anderes Gesetz geben. Glaubt man Emanuel Levinas, ist die Transzendenz genau das, was absolut vergangen ist, immer schon vergangen war und worauf man deshalb nicht einwirken kann.

Wenn ein Kollektiv entscheidet, sich Gesetze oder Organisationsstrukturen zu geben, die sich von denjenigen seiner Vorfahren unterscheiden, entkommt es der Last der Tradition, dem Einfluß einer Transzendenz, wobei es die aktuellen Interessen der Gemeinschaft im Auge hat oder sich neue Ziele setzt. Eine derartige Stadt wird zur autonomen Stadt. Die Demokratie ist das politische Regime "der Gegenwart für die Zukunft", im Gegensatz zu einer erstarrten, von Vergangenheit oder Transzendenz dominierten Gegenwart (Heteronomie). Der Begriff "Echtzeit-Demokratie" ist also eigentlich ein Pleonasmus, da die Demokratie ihrem Wesen nach die kollektive Entscheidung in der Gegenwart und die permanente Neuevaluation von Gesetzen anstrebt. Noch einmal: Wenn man wie heute nur ab und zu die Überlegungen und Entscheidungen der Bürger berücksichtigt, dann entspricht das sicher nicht den Prinzipien der Demokratie. Das periodische Delegieren von Entscheidungen ist nur ein Notbehelf, da es nicht gelingt, eine kontinuierliche kollektive Intelligenz ins Leben zu rufen. Da eine virtuelle Agora Kommunikations- und Interaktionsräume eröffnen könnte, in denen eine kollektive Sprache, ein kollektives Entscheiden in Echtzeit möglich sind, gibt es immer weniger "technische" Gründe, den fragmentierten Despotismus, den das Delegationsprinzip im Grunde darstellt, weiterzuführen.

Wir können nun jenen Ängsten entgegentreten, die in einer Demokratie in Echtzeit die langfristige politische Planung, die Kontinuität schwinden sehen. Halten wir zuerst einmal fest, daß es vor allem die Regierungen selbst, also die gewählten Vertreter, sind, die sich der kurzen, zerhackten Zeit der Medien unterordnen. Das Fehlen von langfristigen politischen Visionen ergibt sich aus der Kombination von Repräsentation (molare Form der Politik) und Fernsehen (Dispositiv einer molaren Kommunikation). Das System ist so beschaffen, daß es den Repräsentanten nur um ihre Wiederwahl geht. Um das zu erreichen, benutzen sie die Medien und unterwerfen sich deren Augenblicklichkeit, deren Mangel an Gedächtnis und Voraussicht. Die Spektakel-Politik verbindet das, was auf dem Spiel steht, viel zu sehr mit Personen, sie fasziniert die Bürger, atomisiert sie und macht sie zur Masse, läßt ihr überhaupt keinen Einfluß auf die Geschicke der Stadt. Man muß deshalb sehr genau unterscheiden zwischen einer Demokratie in Echtzeit, wie sie sich im Cyberspace entfalten könnte, und einer mediatisierten Politik, die auf Umfragen und Wahlen beruht. Eine Echtzeit-Demokratie hat nichts mit einer Fernsehübertragung plus anschließender Wahl per Bildschirmtext zu tun. Sie ist vielmehr im Kontext eines langsamen, aber kontinuierlichen Aufbaus einer kollektiven, interaktiven Diskussion zu verstehen, zu der jeder einzelne beitragen kann, indem er Fragestellungen erarbeitet, Positionen ausfeilt, Argumente abwägt und Entscheidungen fällt und evaluiert.

Wer wird sich langfristig behaupten? Diejenigen, die über ihre kollektive Zukunft und über die ihrer Kinder entscheiden, oder diejenigen, die sich im nächsten Jahr einer Wiederwahl stellen? Wer wird kurzfristige Maßnahmen einfordern? Interessensgruppen ohne reale Entscheidungsmacht, die jeder Evaluation entzogen und dazu verdammt sind, Forderungen zu stellen? Oder jene Minderheiten, die sich um ein konkretes Projekt bilden, für das sie sich engagieren, das sie evaluieren und auch selbst erproben müssen? Eine diskontinuierliche Politik entsteht aus der infantilen Beziehung zwischen unverantwortlichen Kategorien einerseits, die Forderungen für sich selbst stellen, ohne sich um die Gemeinschaft zu sorgen, und Entscheidungsträgern andererseits, die nur aufgrund kurzsichtiger Wahlstrategien auf diese Forderungen eingehen. Die Echtzeit-Demokratie dagegen schafft eine Zeit kontinuierlicher Entscheidung und Evaluation, in der ein verantwortliches Kollektiv weiß, daß es in der Zukunft mit den Konsequenzen seiner aktuellen Entscheidungen konfrontiert sein wird.

Die kollektive Intelligenz hat nichts mit der Dummheit der Massen zu tun. Kollektive Panik, Begeisterung usw. sind in Wirklichkeit Affekte und Vorstellungen, die sich in einer Masse isolierter Individuen epidemisch ausbreiten. Die Menschen, die eine in Panik oder Begeisterung verfallende Menge ausmachen, denken nicht gemeinsam. Sie kommunizieren zwar, aber im minimalen Sinne einer passiven und mittelbaren Weiterleitung von einfachen Botschaften, heftigen Gefühlen und reflexartigem Verhalten. Die eine Menge bildenden Individuen kennen die Wirkung nicht, die ihre individuellen Handlungen in einem größeren Zusammenhang haben. Man möchte uns glauben machen, daß der Umweg über eine Transzendenz (Hierarchien, Autorität, Repräsentanten, Traditionen usw.) die einzige Möglichkeit sei, ein Kollektiv weniger erratisch als eine atomisierte Menge zu machen. Technisch-organisatorische Mechanismen können die kollektive Dynamik für alle sichtbar machen, so daß jeder seinen Platz darin finden und sie in Kenntnis der Sachlage beeinflussen und evaluieren kann. Intelligente Kollektive sind in jeder Hinsicht das genaue Gegenteil der Inkohärenz und brutalen Unmittelbarkeit von Massenbewegungen, ohne aber die Gemeinschaft in einer rigiden Struktur zu kanalisieren.

In der Politik prallen heute zwei molare, uniformisierende Zeitlichkeiten aufeinander: einerseits diejenige einer diskontinuierlichen, zersplitterten, inkohärenten Spektakel-Politik, ohne Gedächtnis und ohne Bereitschaft zum Entwurf, und andererseits die Zeitlichkeit der Staaten und Bürokratien mit ihrer erschreckenden konservativen Schwerfälligkeit, die sich an die unbewegliche Kontinuität der Verwaltung von Territorien klammert und von der Fortschreibung der Vergangenheit bestimmt ist. Der Lärm und die Monotonie. Zwischen diesen beiden Klippen navigierend, versucht die Echtzeit-Demokratie, den vielen Fäden der molekuralen Zeitlichkeiten zu folgen und sie zu respektieren: die Zeitlichkeit der Personen, der einzelnen heterogenen Gemeinschaften, deren Wege sich kreuzen, und diejenige der Probleme, die alle ihren eigenen Rhythmus haben. In der allgemeinen Instabilität versucht sie, diese Rhythmen in Resonanz zu bringen und Akzente und Kadenzen in einer provisorischen Harmonie zusammenzufügen. Sie ist Ausdruck einer vielschichtigen, subjektiven Zeitlichkeit. Wir finden hier das Thema einer symphonischen Improvisation wieder: Die Stimmen finden ihren Gleichklang, antworten einander und lassen eine unwahrscheinliche Symphonie erklingen. Wie die Musik ist die molekulare Politik eine Kunst der Zeit.

Aber trotz aller noch so stichhaltigen Argumente kommen Zweifel auf: Ist diese Demokratie in Echtzeit nicht eine neue, maskierte Form von Totalitarismus? Wenn man über die Bedeutung der Begriffe Verständigung herstellen kann, weiß man, daß dem nicht so ist. Orwell hat die Formel des Totalitarismus auf den Punkt gebracht: Big brother is watching you. Die mediatisierte Politik dreht die Formel des Totalitarismus einfach um: Statt eine durchgängige Überwachung der Individuen durch einen diktatorischen Parteistaat zu organisieren, lenkt sie den Blick auf die politischen Stars: auf Präsidenten, Minister, Journalisten - die Medienstars eben. Man sieht nur sie, man spricht nur von ihnen. Die Echtzeit-Demokratie hingegen organisiert nicht die Vision einer Macht über Gesellschaft und Personen (wie das in totalitären Systemen der Fall ist), sie inszeniert auch nicht das Spektakel der Macht (Medienherrschaft), sondern die Kommunikation der Gemeinschaft mit sich selbst, die Selbsterkenntnis des Kollektivs. Dadurch verliert die Macht ihre Rechtfertigung; denn nur wenn das Kollektiv sich nicht selbst kennt, seine eigenen Dynamik nicht kontrollieren und keine komplexen Äußerungen erzeugen kann, bedarf es einer Macht. Um sich selbst zu erhalten, versucht die Macht ununterbrochen, das Auftauchen einer kollektiven Intelligenz zu verhindern - denn dann könnte die Gemeinschaft ja ohne Macht auskommen.

Aber trotzdem: Bringt die Idee eines Engineering der sozialen Bindungen und einer Aufwertung der menschlichen Fähigkeiten nicht eine bestimmte Form von "instrumenteller Vernunft " (Jürgen Habermas) in eine politische Sphäre, wo diese Form von Kalkül und Vernunft nichts zu suchen hat? Repräsentiert die kollektive Intelligenz mit ihren virtuellen Marktplätzen nicht den subtilen, dafür aber um so irreversibleren Triumph der "Technik" (Heidegger)? Ist nicht jede Vorstellung eines politischen und moralischen Fortschritts der Menschheit ein Rückgriff auf die längst widerlegte Philosophie der Aufklärung, auf einen veralteten, vereinheitlichenden Modernismus, steht sie nicht doch letzten Endes im Dienste irgendeines Imperialismus (Postmoderne, pensiere debole, gesunder Menschenverstand)? Hat man ihn durch die Tür aus dem Haus gejagt, kommt der Verdacht des Totalitarismus zum Fenster wieder herein - so daß es heute unendlich schwer ist, eine politische Behauptung aufzustellen, die weder einem zynischen "Realismus" noch einer Desillusionierung oder Schwarzseherei entspringt. Untersuchen wir die Dinge daher etwas genauer.

Die Demokratie in Echtzeit ist zugleich ein Sonderfall und die Krönung der Ökonomie der menschlichen Fähigkeiten. Sie strebt tatsächlich nach einer Aufwertung und Optimierung der Fähigkeiten jedes einzelnen. Ein intelligentes Kollektiv, das - ähnlich wie der Gott bei Leibniz - das subjektive Element jeder Monade oder individuellen Seele berücksichtigt, kalkuliert die beste aller möglichen Welten. Nach dem Autor der Theodizee respektierte der "kalkulierende" Gott den freien Willen der Menschen, weil er nur im Vorfeld, das heißt durch die globale Wahl einer Welt, eingriff, ohne sich jedoch in die Kette von Ursache und Wirkung einzumischen. Die Ökonomie der menschlichen Fähigkeiten impliziert überhaupt keine transzendente Instanz mehr, auch keine, die die Freiheiten des einzelnen uneingeschränkt respektieren würde. Sie ist eine Monadenlehre ohne Gott. Hier gibt es keinen, der im Besitz der Macht wäre. Niemand besitzt ein absolutes Wissen um das Ganze. Das Kalkül des Besten ist also mit einer unausweichlichen Ungewißheit behaftet, und das ist gut so. Da man kein vollkommenes Wissen um die Totalität hat und es unmöglich ist, die Zukunft vorherzusagen, kann dieses Kalkül nicht ein für alle Male des Beste planen, es vollzieht sich vielmehr ständig in einer unendlichen Serie von Annäherungen, wobei es in Echtzeit die neu eintreffenden Informationen und Veränderungen der Situationen berücksichtigt.

Aufgrund der Verschiedenheit der menschlichen Welten kann sich das Kalkül des Besten nur an einem eindimensionalen, molaren, groben und transzendenten "Guten" orientieren. Ein einziges Gutes für alle und für alle Umstände (auch wenn es die Natur einer Ware hätte), das das Auftauchen neuer Formen von Möglichkeit verhindert, wäre nicht mehr das Gute. Das Kalkül muß also einer offenen Vielfalt verschiedener Kriterien folgen, und da es verschiedene Welten gibt, gibt es auch verschiedene Kalküle. Objekte, Technik, Kompetenz, Projekt, Geschmack, Idee, Sinnzusammenhang, Handeln - alle diese Faktoren sind in einer bestimmten Gemeinschaft in einem bestimmten Kontext an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit mit einem bestimmten Wert belegt worden. Wir müssen uns also weniger ein definitives Kalkül eines Universums vorstellen, sondern eine Vielfalt von Kalkülen des Besten, die sich in den miteinander verschlungenen Welten ständig wandeln. Darin besteht der größte Unterschied zwischen der Monadologie eines Leibniz und der Ökonomie der menschlichen Fähigkeiten: Sie geht nicht von einem äußeren "Rechner", von einem großen Computer aus, der entscheidet, was für uns das Beste sei. Ihre Form des Kalküls ist alles andere als zentralisiert, sie ist verteilt. Tatsächlich gibt es mindestens soviele elementare Rechner wie Monaden: Die Rechner sind die Menschen selbst.

Man weiß, daß der Wille, die "beste aller Welten" aufzuzwingen, der Vorwand für schlimmste Diktaturen sein kann. Aber im vorliegenden Fall entspringt der Schrecken nicht der Suche nach dem Besten, dem Streben nach Optimierung, sondern dem erzwungenen, endgültigen, äußerlichen Charakter der molaren Lösung, die in ihrer Grobheit allen entsprechen will und damit fatalerweise niemandem entspricht. In dem Maße, in dem der Totalitarismus die Freiheiten einschränkt, zerstört er auch das Potential der Wesen. Eine perfekte Welt aufzwingen will übrigens nur ein theoretischer "Totalitarismus", oder allenfalls eine Technokratie, denn "echte" totalitäre Systeme - Faschismus, Nationalsozialismus, Stalinismus, Maoismus - zeichnen sich weniger durch ihr Streben nach dem Besten für alle aus als durch die Vereinnahmung des sozialen Lebens durch die Machtproblematik. In solchen Systemen kennen Herrschaft und Knechtschaft keine Grenzen; Abhängigkeit, Gehorsam und Unterwerfung wuchern bis in den letzten Winkel des sozialen Feldes hinein.

Was die sogenannten totalitären Gesellschaften tatsächlich charakterisiert, ist das Streben nach und die Aufrechterhaltung von Macht. Um das zu erreichen, wird praktisch alles, was Bindung schafft - Politik, Kunst, Wissenschaft, Sprache, Produktion und Austausch - nach hierarchischen Mustern, in Form von Pyramiden, also von oben nach unten, strukturiert und polarisiert und hartnäckig entlang unendlich verzweigter Netze reproduziert. Das ist der Grund, warum diese Gesellschaften jedes wirtschaftliche, künstlerische und intellektuelle Leben erstickt, warum sie ungezügelt Massaker und Genozide betrieben haben. Das ist auch der Grund, warum sie sich, vom Standpunkt der Ökonomie der menschlichen Fähigkeiten aus gesehen, früher oder später, endgültig ruinieren und zerstören werden. Wenn einmal die mafiosen Praktiken der machthabenden Clique jeden Anstand zerstört haben, dann können sich nach dem Rückzug der herrschenden Partei Banditentum und Unordnung ungehindert ausbreiten. Der einzige Weg zur Demokratie führt über einen langen Lernprozeß, durch den sich die Kollektive Rechtsempfinden, Autonomie und eine auf Gegenseitigkeit und Verantwortlichkeit beruhende Haltung erarbeiten.

Die so sehr verschrieene Aufklärung, jenes Projekt eines moralischen Fortschritts der Menschheit, hat beim Aufbau dieser "totalitären" Regime keine wesentliche Rolle gespielt. Skrupellosen politischen Banden ist es gelungen, die Massen mitzureißen und ihre Repressionen und Ausschreitungen, ihren zerstörerischen Wahnsinn durch nationalistische, rassistische, imperialistische, religiöse, sozialistische, marxistische oder irgendwelche andere Theorien zu rechtfertigen - oft genug auch vor sich selbst. Diese Theorien und Religionen, diese großen identitätsstiftenden Bilder haben freilich ihre Bedeutung; aber da man immer nur darauf geachtet hat, in wessen Namen diese totalitären Verbrechen geschehen sind, scheint man zu vergessen, um welche Verbrechen es sich handelte und wie sie begangen wurden. Das Mindeste, was man behaupten kann, ist, daß die unter solchen Regimen verbreitete tatsächliche Praxis nicht ganz den Idealen vom moralischen Fortschritt der Menschheit entspricht. Es sind einseitige Praktiken der Dominanz, des Aufzwingens und Wegnehmens, die jede Kreativität ersticken und alle Unterschiede ausmerzen; es ist rohe Gewalt, Verachtung und Erniedrigung, eine Verbannung ins Untermenschliche, eine allgemeine Entwertung, Verschwendung und Zerstörung der Potentiale und Qualitäten von Menschen.

Wir sind für den Fortschritt. Wir geben uns der gefährlichen Utopie hin, daß Gegenseitigkeit, Austausch, Zuhören, Respekt, Anerkennung, gemeinschaftliches Lernen, eine Auseinandersetzung zwischen autonomen Subjekten und die Aufwertung aller menschlichen Eigenschaften möglich sind. Und wir glauben außerdem, daß ein solcher Fortschritt, für den übrigens kein Gesetz der Geschichte garantiert, abhängig ist vom kulturellen Equipment - sei es technischer, linguistischer, konzeptueller, juristischer, politischer oder anderer Natur: Der gute Wille des einzelnen genügt nicht. Zum Beispiel ist das universelle Wahlrecht besser als das Zensuswahlrecht; die Freiheit des Handels ist Restriktionen vorzuziehen; gedruckte Bücher, PCs und Telefone eröffnen gewisse Möglichkeiten der Kommunikation, die ohne diese technischen Voraussetzungen nicht realisierbar wären. In diesem Sinne eröffnet heute der Cyberspace ungeahnte Perspektiven, die die Praxis der Demokratie vertiefen können. Wird es uns aber gelingen, diese neuen Möglichkeiten auch zu nutzen?

Hören wir endlich auf, jede Vorstellung von sozialem, moralischem oder intellektuellem Fortschritt der Menschheit mit gefährlichen Utopien zu assoziieren, die auf direktem Wege zum Totalitarismus führen!

Das Gegenstück zum Totalitarismusverdacht ist eine Kritik, die in der Auflösung der Macht das Risiko einer Schwächung jener Gruppierungen sieht, die Echtzeit-Demokratie betreiben. Wir leben in einer instabilen Zeit, in der sich die internationale Konkurrenz, sowohl die wirtschaftliche als auch die militärische, verschärft. Wenn man nun das Soziale für den einzelnen transparenter gestaltet, wenn man Minderheiten die Freiheit läßt, Initiativen zu setzen und mit neuen Formen der Regulatierung zu experimentieren, und Entscheidungen molekular verteilt, so mag es den Anschein haben, all das seien Faktoren, die zu einer gewissen Schwäche führen.

In Wirklichkeit sind die Gewinner heute diejenigen, denen es besser gelingt, Wissen, Intelligenz, Vorstellungskraft und Willen zu mobilisieren und zu koordinieren. Je besser die Information fließt, desto schneller können Entscheidungen bewertet werden, desto eher entwickelt sich die Fähigkeit zu Initiative, Innovation und beschleunigter Reorganisation und desto wettbewerbsfähiger sind Unternehmen, Armeen, Regionen, Länder oder ganze geopolitische Zonen.

Die Macht jedoch hat im allgemeinen keinerlei Affinität zu Abläufen in Echtzeit, zu permanenter Reorganisation oder Transparenz bei der Evaluation. Meist geht es ihr darum, Vorteile fortzuschreiben, Erworbenes abzusichern, Situationen aufrecht zu erhalten oder Abläufe zu verschleiern. In einer Zeit rasanter Entterritorialisierung in großem Maßstab sind dies äußerst gefährliche Haltungen. Da die Echtzeit-Demokratie eine Erziehung zur kollektiven Intelligenz darstellt und die menschlichen Fähigkeiten am besten mobilisieren, aufwerten und nützen kann, ist sie jenes politische Regime, das am besten die für das 21. Jahrhundert charakteristische Effizienz gewähren und schlummernde Potentiale nützen kann.

Potentiale machen möglich, Macht blockiert. Potentiale befreien, Macht unterwirft. Potentiale akkumulieren Energie, Macht verschwendet Energie. Die Informations- und Koordinationstechnologien sind bereits so perfekt, daß die Vorteile, die eine starke autoritäre Struktur einer Gemeinschaft bringen kann, die der Machtausübung innewohnende Verschwendung von menschlichen Ressourcen und Behinderung der kollektiven Intelligenz nicht mehr kompensieren. Um ihre Kraft, ihre Potential nützen zu können, muß eine Gruppierung von Menschen daher die Hierarchien innerhalb und außerhalb der Gruppe abschaffen.

Etymologisch gesehen, bedeutet Demokratie "Macht des Volkes". Diese politische Ordnung ist die am wenigsten schlechte, nicht etwa, weil sie einer als Masse verstandenen Mehrheit Macht verleiht, sondern nur insofern, als sie ein kollektives Denken für die Regierung der Stadt mobilisiert. Wir ziehen die Demokratie nicht deswegen anderen Regierungsformen vor, weil sie die Herrschaft einer Mehrheit über eine Minderheit festschreibt, sondern weil sie die Macht der Regierenden einschränkt und Rechtsmittel gegen Willkür vorsieht. Ist sie deswegen die sympathischste aller Verfassungen, weil sie die Macht den Volksvertretern verleiht? Nein, sondern nur, weil sie partikulare Regeln, Privilegien und Monopole durch generelle Regulierungsmechanismen ersetzt. Wir sind Anhänger der Demokratie, weil diese Regierungsform die Macht auf jenes notwendige Minimum beschränkt, das dem Recht Respekt zu verschaffen vermag.

Wir haben von den Griechen eine politische Typologie geerbt, die uns eine Antwort auf folgende Frage finden läßt: Wer hat die Macht in einer Stadt? Aber es handelt sich nicht mehr darum, die Macht dem Volk, seinen Vertretern oder sonst jemandem zu verleihen. Heutzutage besteht das politische Problem nicht darin, die Macht zu ergreifen, sondern das Potential des Volkes oder beliebiger Gruppen von Menschen zu stärken. Macht läßt verlieren. Es ist Zeit, zum Ideal der Demokratie (von griechisch demos: Volk, und kratein: herrschen) zu finden, zur Demodynamik (vom griechischen dynamis: Kraft, Stärke, Potential). Eine Demodynamik braucht eine molekulare Politik. Sie entspringt dem Zyklus Zuhören, Ausdruck, Evaluation, Organisation, transversale Verbindungen und emergente Vision. Sie führt zu einer Regulierung in Echtzeit, zu einem ständigen kooperativen Lernen, zur optimalen Aufwertung der menschlichen Fähigkeiten und zur Betonung von Singularitäten. Die Demodynamik bezieht sich nicht auf ein souveränes, verdinglichtes, fetischisiertes Volk, das in ein Territorium eingepflanzt ist und seine Identität in Blut und Boden findet, sondern auf ein potentielles Volk, das sich ununterbrochen erkennt und erschafft, ein Volk der Zukunft.

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