Margaret Atwood schaltet sich in #MeToo-Debatte ein

Die kanadische Schriftstellerin warnt vor einer strukturellen Hexenjagd

Nach der französischen Schauspielerin Catherine Deneuve (vgl. Statt #MeToo: Für mehr Unverschämtheit zwischen Frauen und Männern) hat sich auch die kanadische Bestsellerautorin Margaret Atwood in die #MeToo-Debatte eingeschaltet. In einem in Sozialen Medien heute weit verbreiteten Text für die große kanadische Tageszeitung The Globe and Mail geht sie dabei unter anderem auf den Fall des ehemaligen Creative-Writing-Professors Steven Galloway ein.

Galloway wurde von der University of British Columbia (UBC) aufgrund bloßer Belästigungsvorwürfe entlassen. Bevor ihm die Vorwürfe offenbart wurden, musste er eine Verschwiegenheitserklärung unterschreiben, die ihn daran hinderte, sich gegen diese Vorwürfe in den Medien zu verteidigen. Das konnte Galloway nur vor Gericht, wo nach der Anhörung mehrerer Zeugen entschieden wurde, dass er die behaupteten sexuellen Übergriffe nicht beging.

Atwood und andere Schriftsteller forderten die UBC nach diesem Urteil auf, der Öffentlichkeit ihr Vorgehen in diesem und ähnlich gelagerten Fällen zu erklären - was auf Kritik bei so genannten Vierte-Welle-Feministinnen stieß. Die Bestsellerautorin fragt sich deshalb, ob diese Vierte-Welle-Feministinnen so unvoreingenommen sind, wie man das in so einem Fall sein sollte - oder ob sie (ohne es bewusst zu wollen) "lediglich das sehr alte Narrativ füttern, das besagt, Frauen seien unfähig, fair und abwägend zu urteilen".

Die Vorgänge an der UBC ähneln ihrer Ansicht nach strukturell den Hexenprozessen von Salem, bei denen die Schuld aufgrund der rechtsstaatsuntauglichen Regeln der Beweisführung bereits mit der Anklage feststand (vgl. "Missachtung rechtsstaatlicher Grundsätze"). Dieses Phänomen zieht sich ihren Beobachtungen nach durch die Weltgeschichte: Der "Tugendterror" tritt dann auf, wenn es nach dem Versprechen einer besseren Welt nicht so läuft wie geplant - bei der französischen Revolution, in Stalins Sowjetunion, bei der chinesischen Kulturrevolution, während der Herrschaft der Generäle in Argentinien und nach dem Sturz des Schah im Iran.

Werden die Institutionen eines Rechtsstaats durch "kulturell verfestigte Lynchmobgewohnheiten" ersetzt, dann entscheiden ihren Worten nach "Extremisten, aus deren Ideologie eine Religion wird, und die jeden, der ihren Sichtweisen nicht folgt, wie eine Marionette ihren Fäden, als Apostaten, Häretiker oder Verräter" betrachten. Besonders suspekt sind ihnen Atwood zufolge Schriftsteller, weil sie über Menschen schreiben, die von Natur aus "nicht moralisch eindeutig" sind, was Ideologen "eliminieren" möchten.

Auch Frauen sind ihrer Einsicht nach "menschliche Wesen mit der ganzen Bandbreite zwischen heiligem und dämonischem Verhalten, einschließlich des kriminellen." Sie sind weder "Engel, die nichts Falsches tun können", noch "Kinder, die nicht fähig sind, eine moralische Entscheidung zu treffen". Wären sie das, dann müsste man ihre Rechte Atwoods Ausführungen nach auf die zurückfahren, die sie im 19. Jahrhundert hatten. Deshalb hält sie auch nichts von Sonderrechten für Frauen: "Ich glaube", so die Schriftstellerin, "um Bürgerrechte und Menschenrechte für Frauen zu gewährleisten, muss es Bürgerrechte und Menschenrechte geben - Punkt."

Die von Vierte-Welle-Feministinen als Vorwurf vorgebrachte Behauptung, sie sei eine "schlechte Feministin", bucht Atwood nach eigenen Angaben im selben Ordner ab wie die früher in einer "linken Zeitschrift" abgedruckte Anschuldigung, sie baue ihren Ruhm auf einer "Pyramide aus den Häuptern geköpfter Männer" auf, und den in einer "rechten Zeitschrift" mit Lederstiefeln und Peitsche illustrierten Tadel, sie sei eine "Domina mit einem perversen Vergnügen an der Unterwerfung von Männern".

Kennt man Atwood-Bücher wie Cat's Eye, The Robber Bride und The Blind Assassin, kommt der nun zutage getretene Konflikt zwischen ihr und den Vierte Welle-Feministinnen nicht wirklich überraschend. Eigentlich verwundert es anhand der Art und Weise, wie die Kanadierin sich in diesen sehr unterhaltsamen Werken beispielsweise über postmoderne Literatur- und Identitätstheoriegläubige lustig macht, lediglich, dass es so lange gedauert hat, bis die offenbar eher auf kürzere Texthappen konzentrierten "Aktivistinnen" das merkten (vgl. Warum keine Wahl mit freier Namenseingabe?). (Peter Mühlbauer)

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