Markt und Eigeninteresse positiv, Kommunismus und Regierung negativ

Bild: 401kcalculator.org/CC BY-SA-2.0

Gängige Ökonomiebücher versuchen Studierende zu manipulieren, kritisiert eine Studie

Gemäß Karl Marx sind bekanntlich die "herrschenden Ideen einer Zeit stets nur die Ideen der herrschenden Klasse". Kritische Zeitgenossen haben schon länger den Verdacht, dass das auch auf die heutigen Wirtschaftswissenschaften zutrifft: Zu viel neoliberale Ideologie, zu wenig kritische Wissenschaft, so der Vorwurf.

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Befeuert wird die Debatte nun durch die neue Studie "Beeinflussung und Manipulation in der ökonomischen Bildung", die Silja Graupe für das Forschungsinstitut für gesellschaftliche Weiterentwicklung vorgelegt hat. Die Professorin an der Privathochschule in Bernkastel-Kues hat sich zwei Standardlehrbücher der Wirtschaftswissenschaften vorgenommen, um den "Vorwurf der Indoktrination" zu überprüfen.

Es handelt sich um Economics von Paul A. Samuelson und William D. Nordhaus sowie Economics von N. Gregory Mankiw. Das erste ist erstmals 1948 erschienen, wurde millionenfach und mittlerweile in der 19. Auflage verkauft und gilt als kanonisch. Das zweite ist ein neuer Beststeller der ökonomischen Lehrbuchliteratur.

Silja Graupe unterscheidet dabei zwischen der neoklassischen Theorie selbst und den Lehrbüchern, in denen diese vermittelt wird. "Der Vorwurf, eine Orientierung an der neoklassischen Theorie trage zur Indoktrination bei, lässt sich nicht erhärten", stellt sie klar. Ganz anders sieht es jedoch mit der Vermittlung dieser Theorie in den Lehrbüchern aus. Ihnen weist die Autorin unbewusste Beeinflussung nach, als da zum Beispiel wären: "ideologisches und selektives Framing, metaphorisches Mapping, Förderung peripherer (d. h. oberflächlicher und unkritischer) Routen der Informationsverarbeitung und Appelle an die Autorität der (Wirtschafts-)Wissenschaft".

Die ökonomische Standardbildung versuche, "eine neue Form von Denk- und Wahrnehmungsweisen auf dieser Ebene des kognitiv Unbewussten zu prägen, die mit denen mathematisch-naturwissenschaftlicher Objektivität, wie sie die Neoklassik im 19. Jahrhundert auf die Sozialwissenschaften zu übertragen versuchte, kaum etwas zu tun hat", kritisiert sie. Die Lehrbücher hätten das Ziel, "Art und Weise, wie Studierende Wörter und Sprache (und hier insbesondere abstrakte Konzepte) erfassen, ebenso grundlegend umzustrukturieren wie deren generelles Verständnis von Welt, etwa ihre Annahmen von der Welt (und sich selbst), aufgrund von moralischen und politischen Prinzipien".

So würden "abstrakte Ideen als 'unmittelbar einleuchtende Wahrheiten'" vermittelt und so versucht, "Menschen nicht nur zum Nichtgebrauch ihrer Freiheit, sondern noch grundlegender zum Nichtgebrauch ihres Verstandes und ihrer Vernunft insgesamt anzuleiten". Die heutige ökonomische Standardlehre appelliere "an die Objektivität der Neoklassik als ihre vermeintliche Autorität (..) (ohne dabei zugleich die Neoklassik als solche explizit zu benennen), um gleichsam unter dem Deckmantel fortschrittlicher Wissenschaftlichkeit eine Beeinflussung der Meinungsbildung von Studierenden vorzunehmen".

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