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Markt und Eigeninteresse positiv, Kommunismus und Regierung negativ

Bild: 401kcalculator.org/CC BY-SA-2.0

Gemäß Karl Marx sind bekanntlich die "herrschenden Ideen einer Zeit stets nur die Ideen der herrschenden Klasse". Kritische Zeitgenossen haben schon länger den Verdacht, dass das auch auf die heutigen Wirtschaftswissenschaften zutrifft: Zu viel neoliberale Ideologie, zu wenig kritische Wissenschaft, so der Vorwurf.

Befeuert wird die Debatte nun durch die neue Studie[1] "Beeinflussung und Manipulation in der ökonomischen Bildung", die Silja Graupe[2] für das Forschungsinstitut für gesellschaftliche Weiterentwicklung vorgelegt hat. Die Professorin an der Privathochschule in Bernkastel-Kues hat sich zwei Standardlehrbücher der Wirtschaftswissenschaften vorgenommen, um den "Vorwurf der Indoktrination" zu überprüfen.

Es handelt sich um Economics[3] von Paul A. Samuelson und William D. Nordhaus sowie Economics[4] von N. Gregory Mankiw. Das erste ist erstmals 1948 erschienen, wurde millionenfach und mittlerweile in der 19. Auflage verkauft und gilt als kanonisch. Das zweite ist ein neuer Beststeller der ökonomischen Lehrbuchliteratur.

Silja Graupe unterscheidet dabei zwischen der neoklassischen Theorie[5] selbst und den Lehrbüchern, in denen diese vermittelt wird. "Der Vorwurf, eine Orientierung an der neoklassischen Theorie trage zur Indoktrination bei, lässt sich nicht erhärten", stellt sie klar. Ganz anders sieht es jedoch mit der Vermittlung dieser Theorie in den Lehrbüchern aus. Ihnen weist die Autorin unbewusste Beeinflussung nach, als da zum Beispiel wären: "ideologisches und selektives Framing, metaphorisches Mapping, Förderung peripherer (d. h. oberflächlicher und unkritischer) Routen der Informationsverarbeitung und Appelle an die Autorität der (Wirtschafts-)Wissenschaft".

Die ökonomische Standardbildung versuche, "eine neue Form von Denk- und Wahrnehmungsweisen auf dieser Ebene des kognitiv Unbewussten zu prägen, die mit denen mathematisch-naturwissenschaftlicher Objektivität, wie sie die Neoklassik im 19. Jahrhundert auf die Sozialwissenschaften zu übertragen versuchte, kaum etwas zu tun hat", kritisiert sie. Die Lehrbücher hätten das Ziel, "Art und Weise, wie Studierende Wörter und Sprache (und hier insbesondere abstrakte Konzepte) erfassen, ebenso grundlegend umzustrukturieren wie deren generelles Verständnis von Welt, etwa ihre Annahmen von der Welt (und sich selbst), aufgrund von moralischen und politischen Prinzipien".

So würden "abstrakte Ideen als 'unmittelbar einleuchtende Wahrheiten'" vermittelt und so versucht, "Menschen nicht nur zum Nichtgebrauch ihrer Freiheit, sondern noch grundlegender zum Nichtgebrauch ihres Verstandes und ihrer Vernunft insgesamt anzuleiten". Die heutige ökonomische Standardlehre appelliere "an die Objektivität der Neoklassik als ihre vermeintliche Autorität (..) (ohne dabei zugleich die Neoklassik als solche explizit zu benennen), um gleichsam unter dem Deckmantel fortschrittlicher Wissenschaftlichkeit eine Beeinflussung der Meinungsbildung von Studierenden vorzunehmen".

Als Beispiel zeigt Graupe auf, wie bei Mankiw bestimmte Begriffe negativ bestimmt werden, andere dagegen positiv. Nach dieser Schwarz-Weiß-Einteilung sind nicht nur Worte wie Kommunismus negativ besetzt. In dieselbe, negative Kategorie fallen auch Worte wie Regierung, zentrale Planung, Zusammenbruch und Leitung. Als positiv gelten dagegen Markt, Marktwirtschaft, Preise, Eigeninteresse, dezentralisiert, Erfolg. Die Gegenseite werde bei Mankiw "als Versager dargestellt" und "mit abstoßenden Begriffen assoziiert", kritisiert Graupe.

Auch Samuelson und Nordhaus gingen ähnlich vor. Dort stehen Regierung, Zwang, Regierungsintervention, Hungersnot, zentrale Aufklärung auf der negativen Seite. Positiv gegenüber steht dem unter anderem: Freihandel, Länder mit hohem Einkommen, die eigene ökonomische Lage verbessern, ruhig schlafen, durch den Markt gelenkt. Es falle auf, dass Samuelson und Nordhaus "wirtschaftliche Konzepte unmittelbar sowohl mit politischen als auch mit wertenden Konzepten sprachlich koppeln. Dies nennt man in der Fachsprache ideologisches Framing und meint die Etablierung oder Aktivierung von Frames, die nicht nur eine Sache benennen, sondern auch moralisch bewerten", kritisiert Graupe.

Auch folgender Trick lässt sich bei Samuelson und Nordhaus nachweisen: "Die Kunst der Überredung durch den Appell an (vermeintliche) Autoritäten". In diesem Fall ist das die Tradition der Wirtschaftswissenschaften, namentlich von Adam Smith. So heiße es bei Samuelson und Nordhaus:

Adam Smith erkannte als Erster, wie der Markt die komplexen Kräfte von Angebot und Nachfrage organisiert. In einer der berühmtesten Textpassagen der gesamten Volkswirtschaftslehre, die zu Beginn dieses Kapitels aus seinem Werk ‚Der Reichtum der Nationen’ zitiert ist, erkennt Smith die Harmonie zwischen privaten und öffentlichen Interessen: Blättern Sie zurück und lesen Sie dieses Paradoxon noch einmal. Beachten Sie dabei besonders die scharfsinnige Aussage über die unsichtbare Hand - dass aus eigennützigen wirtschaftlichen Aktivitäten gesamtwirtschaftlicher Nutzen erwachsen kann, wenn diese in einen gut funktionierenden Marktmechanismus eingebettet sind.

Samuelson und Nordhaus

Hier versuchten Samuelson und Nordhaus, die Vorstellung einer unsichtbaren Koordination des Marktgeschehens zu etablieren, kritisiert Graupe, aber nicht mit Argumenten, sondern rein sprachlich mit Begriffen wie "Erster", "berühmteste" und "scharfsinnig". Eine echte Auseinandersetzung mit dem Werk von Smith werde dadurch verhindert. Dass Smith die unsichtbare Hand nur ein einziges Mal erwähnte, wird nicht diskutiert, auch nicht, dass Smith sie "eher metaphorisch denn als 'scharfsinnige Aussage'" erwähnte. Und auch nicht, dass Smith diese gerade nicht mit der Idee eines "gut funktionierenden Marktmechanismus" koppele. Silja Graupe weiter:

Die großen Denker der Ökonomie, so wird hier am Beispiel von Smith deutlich, werden so zu Autoritäten, an die man rhetorisch appelliert, um den eigenen Ansichten implizit Überzeugungskraft zu verleihen, ohne aber je in einen wirklichen Austausch mit ihrem Werk zu treten und eine tatsächliche geistes- und ideengeschichtliche Auseinandersetzung zu suchen.

Silja Graupe

Auch was den Markt betrifft, verwenden die Standardlehrbücher Methoden aus der Trickkiste der Manipulation statt wissenschaftlicher Analyse. So wird der Markt als Superakteur dargestellt, kreativ wie ein Mensch und automatisch wie eine Maschine.

Zunächst skizzieren Samuelson/Nordhaus den Markt als verlässliche Maschine: "Weil sie einen Ausgleich zwischen allen in der Wirtschaft wirkenden Kräften herstellen, bewirken die Märkte ein Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage." Dann heißt es - man beachte die Steigerung -, der Mark sei effizienter als der schnellste Supercomputer. Schließlich wird der Markt von einer Maschine zum aktiv handelnden Subjekt: "Und dabei, mitten in all diesem Trubel, lösen die Märkte selbsttätig die Probleme des Was, Wie und Für wen", schreiben Samuelson/Nordhaus.

All das - und darum geht es Silja Graupe - passiert allein auf der sprachlichen Ebene, Argumente dazu, wie Märkte funktionieren, werden erst gar nicht bemüht. Das aber sei fatal, denn schließlich würden hier angehende Ökonomen ausgebildet: "Es ist also in etwa so, als ob man angehenden Ingenieur_innen in ihren einführenden Lehrveranstaltungen erklärte, es säße ein deus ex machina in jeder Maschine und mehr müssten sie über dessen Funktionsweise nicht wissen", kritisiert Graupe.

Ein beliebter Manipulationstrick ist das Weglassen. Kognitionswissenschaftler wissen: Was nicht gesagt wird, wird auch nicht gedacht. "Denn wo die Worte fehlen, da können auch die Gedanken nicht etabliert werden oder langfristig bestehen. Die Schaltkreise in unseren Gehirnen werden nicht angeworfen, sie verkümmern!", zitiert Graupe Elisabeth Wehling. Lehrbücher wie von Mankiw und Samuelson/Nordhaus verhinderten gezielt die "plurale Aktivierung und Stärkung unterschiedlicher Frames". Sie machten das, was man in der Beeinflussungsforschung "Propaganda of Silence" nenne. Einseitigkeit wird gefördert und Alternativen ausgeblendet.

Die Konsequenzen sind fatal: "Der Großteil der zu erlernenden (vermeintlich wissenschaftlichen) Erkenntnisleistung rutscht gleichsam ins Unbewusste ab:" Studierende würden nicht mehr befähigt, eigenständig reflektierte Entscheidungen zu fällen, sondern sie würden indoktriniert, ihnen würden "unkritisch tiefsitzende Glaubenssätze, Weltanschauungen und Werte" vermittelt.

In der Werbung wüssten die Konsumenten immerhin prinzipiell, dass sie beeinflusst werden sollen - auch wenn nicht alle genau wissen, wie das im Einzelnen funktioniert. In den Lehrbüchern wird die Beeinflussung verschweigen, es handele sich daher klar um Manipulation im Sinne von verdeckter Einflussnahme, "die gezielt Schwächen der Rezipient_innen, insbesondere im Hinblick auf die Fähigkeit zur kritischen Reflexion" ausnützt.

Die Folgen solcher Manipulationen gehen aber über das Studium hinaus. Silja Graupe verweist darauf, dass sich zwei so unterschiedliche Ökonomen wie John Maynard Keynes und sein Gegenspieler Friedrich August Hayek einig gewesen seien, welche große Macht ökonomische Theorien haben. "Die Idee der Ökonomen und politischen Philosophen, gleich ob sie richtig oder falsch sind, sind mächtiger als allgemein angenommen wird", schrieb Keynes 1936. "In Wirklichkeit wird die Welt von kaum etwas anderem regiert." Und Hayek 1980: "Die Macht abstrakter Ideen beruht in hohem Maße auf eben der Tatsache, daß sie nicht bewußt als Theorien aufgefaßt, sondern von den meisten Menschen als unmittelbar einleuchtende Wahrheiten angesehen werden, die als stillschweigend angenommene Voraussetzungen fungieren."

Auch die Autoren der kritisierten Lehrbücher sehen das so. So gibt Mankiw in seinem Blog unter der Rubrik "Timeless Words of Wisdom" auf der Startseite direkt unter seinem eigenen Profil ein Zitat von Samuelson wieder. Es lautet: "I don't care who writes a nation's laws, or crafts its advanced treaties, if I can write its economics textbooks."

Natürlich steckt in so einem Satz auch ein gehöriges Stück Eigenvermarktung. Samuelson steigert hier seine eigene Bedeutung und der jüngere Mankiw verlängert diese Wirkung durch Zitieren auf sich selbst. Beide machen sich so zu mächtigen, bösen Buben, die man besser ernst nimmt. Inwieweit der Satz wirklich zutrifft, wäre also zu diskutieren.

Zur Ehrlichkeit gehört es aber festzuhalten, dass die beschriebenen Tricks und Manipulationen keineswegs nur in gängigen Ökonomie-Lehrbüchern vorkommen. Sie ziehen sich vielmehr durch jede politische Diskussion, durch Medien, Parteien, NGOs und Konzerne. Ein Grund mehr, sie zu kennen. Eine Entschuldigung für die kritisierten ökonomischen Lehrbücher ist das natürlich nicht.


URL dieses Artikels:
http://www.heise.de/-3795004

Links in diesem Artikel:
[1] http://www.fgw-nrw.de/fileadmin/user_upload/NOED-Studie-05-Graupe-A1-komplett-Web.pdf
[2] http://www.silja-graupe.de
[3] https://www.amazon.de/Volkswirtschaftslehre-internationale-Standardwerk-Makro-Mikro%C3%B6konomie/dp/3898793796/ref=pd_cp_14_1?_encoding=UTF8&psc=1&refRID=4W3YW2P992Q5H1WHD4XM
[4] https://www.amazon.de/Grundz%C3%BCge-Volkswirtschaftslehre-N-Gregory-Mankiw/dp/3791035193/ref=pd_cp_14_2?_encoding=UTF8&psc=1&refRID=4W3YW2P992Q5H1WHD4XM
[5] http://de.wikipedia.org/wiki/Neoklassische_Theorie