Marktbereinigung

Lily Allen wettert gegen "Raubkopierer", kann aber ihre eigenen Maßstäbe nicht einhalten

Die Maßstäbe des Urheberrechts sind teilweise lebensfern. Diese Erfahrung musste auch die englische Sängerin Lily Allen machen. Nachdem sie sich erst auf ihrer MySpace-Seite über die private Weitergabe von Musikdateien entrüstete, begann sie das (mittlerweile wieder geschlossene) Blog It's Not Alright, das offenbar vorwiegend der Klage über nichtgewerbliche Urheberrechtsverletzungen dienen sollte. Unter anderem griff sie darin den Rapper 50 Cent scharf an, weil dieser zugab, dass Filesharing mittlerweile längst Teil des Musikmarketings ist.

Allerdings stellten von ihr Gescholtene bald fest, dass Allen nicht nur fremde Musikstücke verbreitete, sondern auch einen kompletten fremden Text ohne Herkunftsangabe oder Link in ihr Blog übernommen hatte - und der stammte pikanterweise ausgerechnet vom Techdirt-Autor und Streisand-Effekt-Entdecker Mike Masnick, der in Sachen Kopien eine durchaus lebensnähere Position vertritt. Masnick reagierte gegenüber TorrentFreak mit dem Kommentar:

I think it's wonderful that Lilly Allen found so much value in our Techdirt post that she decided to copy - or should I say 'pirate'? - the entire post. [...] The fact that she is trying to claim that such copying is bad, while doing it herself suggests something of a double standard, unfortunately. Also, for someone so concerned about the impact of 'piracy' I'm quite surprised that she neither credited nor linked to our post. Apparently, what she says and how she acts are somewhat different. Still, Lilly, glad we could help you make a point... even if it wasn't the one you thought you were making".

Tatsächlich hatte Allen ungewollt darauf hingewiesen, dass Urheberrechte täglich millionenfach und häufig unbewusst und ungewollt gebrochen werden - was vor ein paar Jahren der FFII sehr beeindruckend an den Websites von Politikern aufzeigte, die besonders scharf eine verstärkte Strafbarkeit solcher Handlungen forderten.

Lily Allen reagierte erst mit einer Entschuldigung und verkündete dann beleidigt, dass sie ihren Plattenvertrag mit dem Musikkonzern EMI nicht verlängern und kein weiteres Album mehr veröffentlichen wolle. Der New Musical Express (NME), immer schon ein bisschen weniger PR-lastig und ehrlicher als eine vergleichbare Zeitung in Deutschland1 , sprach angesichts des kreativen Trends der Sängerin von einer "richtigen Entscheidung" - wahrscheinlich nicht das, was sie sich als Reaktion auf ihre "Rücktrittsdrohung" erhoffte.

Bereits das sehr viel teurere und ebenso schwächere Zweitvideo zu ihrer anfangs nur in einer Auflage von 500 Stück veröffentlichten Erstlingssingle LDN hatte darauf hingedeutet, dass sich Geld möglicherweise nicht unbedingt positiv auf die Schaffenskraft der Sängerin auswirken würde. Trotzdem enthielt ihr 2006 veröffentlichtes Album Alright, Still einige ganz bezaubernde Songs, darunter das wunderbare Rachestück Smile.

Was einen großen Reiz dieses ersten Albums ausmachte, war allerdings keineswegs eine Alleinschöpfung Allens, sondern - ganz im Gegenteil - ein ganzer Sprachstil, an dem Millionen von Menschen über Jahrzehnte hinweg mitgearbeitet hatten: das Estuary English mit seinen auch klangästhetisch reizvollen Glottalstops, das sie neben Jamie T. und Dizzee Rascal mit einer vorher in der britischen Popmusik selten gehörten Selbstverständlichkeit einsetzte.

Lily Allen. Foto: Chris Sanderson Das Foto "Lily_Allen_by_SillyPuttyEnemies.jpg" steht unter der Lizenz Creative Commons Attribution ShareAlike 3.0. Der Urheber des Bildes ist Chris Sanderson.

Ihr zweites Album It's Not Me, It's You erschien erst im Februar dieses Jahres. Angeblich aufgrund von "creative issues" war es immer wieder verschoben worden - eine Begründung, die beim Hören durchaus nicht unglaubwürdig wirkte. Die Singleauskoppelung Not Fair erinnerte mit ihrem Perückenparodie-Video an deutsches Humorfernsehen und der eher zotige Text erwies sich auch inhaltlich dieser Gattung würdig. Andere neue Stücke wie Fuck You, Everyone's At It und The Fear brachten eher Sozialkritik auf Udo-Lindenberg-Niveau, waren dadurch aber nicht wirklich besser.

Weil die Qualität der Musik ihr keine Aufmerksamkeit mehr sicherte, versuchte sich die Sängerin diese anderswo zu holen. Unter anderem versuchte sie das Interesse der Boulevardpresse damit zu erregen, dass sie ihre Brüste herzeigte, über andere Sängerinnen herzog und ständig am Haus von Amy Winehouse vorbeifuhr, um (so der Spiegel) "Paparazzo abzustauben".

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