Marshöhlen - nun auch fotografisch nachgewiesen

Im Jahr 1997 erschien in Telepolis ein Artikel von Herbert W. Franke, in dem er auf der Basis theoretischer Überlegungen die Existenz von Marshöhlen voraussagte

Der studierte Physiker und durch seine realistischen Science-Fiction-Romane bekannte Autor feierte in diesem Jahr seinen 80. Geburtstag, und so war die Meldung von der Entdeckung der Marslöcher eine richtige Geburtstagsüberraschung. In der Zwischenzeit hatte er einen neuen Roman geschrieben, ‚Flucht zum Mars’, und es ist nur konsequent, dass die Handlung zum Teil in Marshöhlen spielt.

Im Mai dieses Jahres berichteten Planetenforscher aus Arizona über eine überraschende Entdeckung: Auf einer der vielen Fotoaufnahmen, die von der um den Planeten Mars kreisenden Sonde THEMIS (Thermal Emission Imaging System) zur Erde gefunkt wurden, zeigte sich inmitten eines Lavafeldes ein nahezu kreisrundes schwarzes Loch mit einem Durchmesser von über 100 Metern. Am Rand sind Abschnitte der angebrochenen Deckenschicht zu sehen, das Innere ist dunkel – der Boden des angeschnittenen Hohlraums muss also sehr tief im Schattenbereich liegen. Daher konnte es sich nicht um einen der bekannten Einschlagkrater handeln. Infrarotaufnahmen bestätigten den Eindruck, denn die Wärmeverteilung unterscheidet sich grundsätzlich von jener im Inneren von Kratern.

Eine Einsturzöffnung von der Größe eines Fußballfeldes, die offenbar durch den Deckenbruch in einer Marshöhle entstanden ist. Diese Interpretation wurde mit Hilfe von Infrarot-Aufnahmen bestätigt. Bild: Nasa

Die Entdeckung der schwarzen Löcher in der Marsoberfläche kam für viele Fachleute völlig überraschend. Sie führte zu einigen recht gewagten Erklärungsversuchen, die von Austrittsöffnungen von Wasser bis zu Karsterscheinungen reichten. Als wahrscheinlichste Deutung bleibt eigentlich nur jene als Einbruchöffnungen in der Deckenpartie von darunter liegenden Hallen. Denn das Vorkommen von Höhlen innerhalb von Lavaschichten ist auch auf der Erde keine Seltenheit. Vielleicht ist der englische Ausdruck lava tubes, die eher eine Größe von Schloten vermuten lassen als die riesigen Räume, daran schuld, dass man nicht gleich auf die einfachste Lösung gekommen ist

Auf die mögliche Existenz von Lavahöhlen auf dem Mars wurde in Telepolis allerdings schon früher hingewiesen. Es war der auch als Höhlenforscher bekannte Autor Herbert W. Franke, der ihre Entstehung beschrieb: Nach einem Vulkanausbruch fließen zunächst Ströme flüssiger Lava in die Umgebung ab. In der kühleren Umgebung verfestigen sie sich von der Oberfläche her, so dass sich über ihnen Decken bilden und immer mehr Lava unterirdisch abfließt. Wenn sich schließlich der Nachschub vermindert, bilden sich unterirdische Flüsse, die zuerst die Räume noch füllen, doch später, wenn nichts mehr nach geliefert wird, hohle Gangsysteme zurücklassen.

Herbert W. Franke hat das erstmalig 1997 bei einer Tagung der deutschen Höhlenforscher vorgetragen, an der zufälliger Weise auch einer des besten Kenner der irdischen Lavahöhlen, Prof. Dr. Stephan Kempe von der Universität Darmstadt, teilnahm und sich der Schlussfolgerung von Franke anschloss. Im Übrigen hatte Kempe als Ergebnis seiner Forschungen mehrere Prozesse beschrieben, die zur Vergrößerung solcher Höhlen führen. Und diese Vorgänge sind auf dem Mars um so eher zu erwarten, als es dort die größten Vulkane des Sonnensystems gibt. Der größte ist der 24 Kilometer hohe 'Olympus Mons', dessen Lavafelder über 100 Kilometer in die Umgebung reichen. Außerdem ist die Gravitation auf dem Mars um zwei Drittel geringer als jene der Erde, so dass nicht nur die Höhlen größer werden können, sondern auch die Decken eine weitaus größere Spannweite erreichen können.

Im Mai 2007 wurden mit Hilfe des Systems THEMIS (Thermal Emission Imaging System) der NASA Aufnahmen, auf denen durch Deckenbrüche entstandene Öffnungen in den Lavafeldern zu sehen sind. Im Nordosten des riesenhaften Vulkans Arsia Mons wurden sieben Formationen dieser Art gefunden. Das Bild zeigt eine Übersicht der Gegend.

Die Existenz von Marshöhlen ist an sich schon spannend genug, doch noch interessanter sind einige Konsequenzen daraus. Schon Herbert W. Franke machte vor zehn Jahren darauf aufmerksam, dass in den unterirdischen Systemen die größte Chance bestünde, fossile Lebensspuren aus der Frühzeit des Mars zu finden. Und dass es nicht einmal ausgeschlossen sei, dass an besonderen Stellen – etwa dort, wo heiße Lösungswässer aus der Tiefe in Höhlen austreten – auch heute noch einfachste Lebensformen existieren können. Es gibt aber noch einen zweiten wichtigen Grund, sich näher mit den Höhlen des Mars zu beschäftigen: Sie wären nämlich willkommene Schutzräume für dort gelandete Astronauten. Kempe entwickelte daraufhin spontan die Idee, dass man in Gangabschnitten der Höhlen sackförmige Folien mit Luft aufblasen könnte. So wäre es ein Leichtes, den Menschen dort einigermaßen geräumige Behausungen mit atembarer Luft und normalem Luftdruck einzurichten.

Bis jetzt haben die Planetenforscher aus Arizona insgesamt sieben Einbruchsöffnungen in der Marsoberfläche gefunden. Sie alle liegen an der Flanke eines Vulkans mit dem Namen Arsia Mons im Nordosten eines Massivs, das aus einer Reihe von Vulkanen gebildet wird. Es ist anzunehmen, dass es auf dem Mars noch viele Höhlen zu entdecken gibt, sobald es gelingt, die Auflösung der Marsaufnahmen noch weiter zu steigern – Einbruchsöffnungen von über 100 Meter Durchmessern dürften selbst auf dem Mars eine Seltenheit sein. Jedenfalls sind die Forscher aus Arizona davon überzeugt, dass nun eine weltweite Suche nach Marshöhlen beginnt. Gute Chancen dafür kann man den deutschen Planetenforschern einräumen, die unter der Führung von Prof. Dr. Gerhard Neukum die hoch auflösende Stereo-Kamera HRSC entwickelt haben. Sie befindet sich an Bord der ersten europäischen Mars-Sonde ’Mars Express’ und hat erstmalig die Vielfalt der Oberfläche des Planeten erkennen lassen. Unter anderem waren in mehreren Lavafeldern linear angeordnete Rillen zu erkennen, die auf Einstürze großer Höhlenräume längs ehemaliger Lavaflüsse zurückgehen könnten. (Robert Schwabe)