Marx macht mobil, bei Arbeit, Sport und Spiel

Grab von Karl Marx in London. Foto: Paasikivi/CC BY-SA 4.0

Die aktuelle Marx-Jubiläum legt vor allem eins offen: den zunehmenden Konservatismus innerhalb einer Linken, die sich verstärkt dem reaktionären Zeitgeist anpasst

Endlich, beim Blick zurück ins 19. Jahrhundert, scheint die Linke zumindest kurzfristig so etwas wie öffentliche Relevanz zu erfahren. Karl Marx würde 200 Jahre alt - und da müssen schon alle relevanten Medien, die ansonsten die üblichen Sachzwänge legitimieren, irgendeine Form von Würdigung veröffentlichen.

Der Hype um Marx, befeuert durch einen krisenhaften Spätkapitalismus, der alle antikapitalistischen Klischees früherer Jahrhunderte zu bestätigen scheint, geht einher mit den üblichen Strategien der Domestizierung eines kritischen Theoretikers, wie sie der Mainstream routinemäßig bei solchen Anlässen einschlägt.

Es wird der Fokus aufs Biographische, auf den "Menschen" Marx gelegt, wie etwa bei der ZDF-Produktion zu Karl Marx, die den Verfasser der Deutschen Ideologie - ganz im rechtspopulistischen Zeitgeist - als einen "deutschen Propheten" bezeichnete.

Man erfahre in dem Dokudrama viel über die Familie, über seine Geldsorgen, die Todesfälle und den "immerwährenden Vorwurf, Marx habe sich mehr um seine Studien und die Politik gekümmert als um die Seinen", hieß es in einer Rezension. Marx' Werk - das gerade diesen Theoretiker berühmt machte - wurde in der ZDF-Produktion hingegen "sehr vernachlässigt".

Dieses kulturindustrielle Bemühen, dem Medienpublikum Marx als Menschen "näherzubringen", geht somit mit einer inhaltlichen Unschärfe bezüglich seiner Theorie einher, so dass ziemlich jeder auf den Marx-Zug aufspringen kann. Zumeist reichen die Verweise auf Irgendwas mit sozialer Ungleichheit, Globalisierung oder den Krisen des Kapitalismus, um dann Teil des Medienhypes zu werden. Sobald diese formelle positive Bezugnahme auf Marx erfolgt, ist Heutzutage - wo kurze Youtube-Videos die mühselige Textarbeit an den Originalen ersetzen - so ziemlich alles möglich.

Selbst die SPD will nun Marx wiederentdeckt haben, der laut Andrea Nahles "die Notwendigkeit einer demokratischen Politik der schrittweisen Verbesserung der Lebensverhältnisse" gesehen haben solle. Der "Kommunismus" in der Ära des Kalten Krieges habe diese angebliche Erkenntnis des Autors des Kommunistischen Manifests nur "verdunkelt", so die Orwellsche SPD-Marxistin, die in einem Tweet auch noch behauptete, dass Marx die Hartz-IV-Partei SPD "wie kein anderer" geprägt habe.

Weitaus weiter links als die SPD (und weite Teile der Linkspartei) steht derzeit die katholische Kirche unter Papst Franziskus, der - im Gegensatz zu Nahles oder Lafontaine - immerhin eine einigermaßen brauchbare Kapitalismuskritik formulieren kann.

Folglich schien es gerade die Namensverwandtschaft mit dem kämpferischen Atheisten ("Religion als Opium des Volkes") zu sein, die Kardinal Reinhard Marx dazu prädestinierte, in Zeitungsinterviews seinen Namensvetter als "scharfsinnigen Analytiker des Kapitalismus" zu preisen - und zugleich Werbung für die katholische Soziallehre zu machen, die "ja die marxistische Analyse des Kapitalismus und der Gefährdungen, die daraus entstehen, nie bestritten" habe.

Auch die FDP weiß Karl Marx als den großen liberalen Denker zu würdigen, der hochaktuell bleibe. In einem Zeitungsinterview erklärte der FDP-Politiker Kubicki, er möge Marx wegen seines Hangs zum Freihandel. Laut der FDP-Größe würde Marx heutzutage "für Freihandelsabkommen wie Ceta" stimmen. Dennoch scheute Kubicki auf Nachfrage davor zurück, Karl Marx posthum die FDP-Mitgliedschaft zu verleihen: "Das wäre wohl etwas übertrieben."

Nur der Springer-Verlag wollte beim großen Marx-Kuscheln nicht mitmachen, das nun - quasi klassenübergreifend - das Marx-Gedenken in der Bundesrepublik prägt. Die Angestellten von Friede Springer (geschätztes, sicherlich sehr hart erarbeitetes Vermögen: 5,4 Milliarden Dollar) schimpften Marx einen Schmarotzer, dessen Texte "Knoten im Gehirn" verursachten - und der für Hunderte von Millionen Toten verantwortlich sei, die seine Thesen verursacht haben sollen.

Dabei wäre eine kritische Auseinandersetzung mit dem widersprüchlichen marxschen Theoriegebäude - gerade angesichts der aktuellen Marx-Welle, die alles in postmoderner Beliebigkeit zu ertränken droht - von zentraler Bedeutung für eine radikal antikapitalistische Theorie und Praxis. Doch kann diese theoretische Arbeit, bei der anachronistische Teile der marxschen Theorie entsorgt würden, nur von der Linken in dem Bemühen geleistet werden, den Marxismus auf die Höhe des 21. Jahrhunderts zu heben.

Wenn ihm der Tag lang wurde, konnte nämlich auch ein Karl Marx viel Unsinn von sich geben. Und das nicht zu knapp: Die Marx'sche Teleologie, wonach der Sozialismus/Kommunismus den Kapitalismus mit der Notwendigkeit eines Naturgesetzes quasi automatisch beerben würde, wirkt angesichts der jüngsten Geschichte - wie auch der aktuellen, ins Barbarische tendierenden Krisenentwicklung - eigentlich nur noch peinlich.

Der Klassenkampf, von Marxisten aller Couleur als zentraler zur Hebel zur Überwindung des Kapitalismus postuliert, erweist sich selbst bei einem flüchtigen Blick auf die Sozialgeschichte der vergangenen 200 Jahre als binnenkapitalistischer Verteilungskampf - und somit als ein Mittel zur Integration der Arbeiterklasse in die kapitalistische Arbeitsgesellschaft in deren historischer Aufstiegsphase.

Und es lässt sich folglich mit Fug und Recht fragen, wann sich das werte Proletariat endlich dazu bequemen wird, seiner historischen Mission als revolutionäres Subjekt nachzukommen, die ihm Marx und Engels zugewiesen haben.

Viel Zeit, besagte "historische Mission" zu vollenden, bleibt der lieben Arbeiterklasse angesichts rasch voranschreitender Automatisierung nicht. Die gegenwärtige krisenhafte Entwicklungstendenz kulminiert ja eher im Aufkommen einer ökonomisch überflüssigen Menschheit - siehe Flüchtlingskrise.

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