Massaker an US-Schule: Fatalistischer Trump

Marjory Stoneman Douglas High School, 2008. Bild: Formulanone / gemeinfrei

Parkland, Florida: 17 Tote durch einen "gestörten Jungen" mit einem Gewehr. Der Präsident reagiert schablonenhaft. Nur keine Diskussion über Gewaltkultur und Waffen in den USA

Die US-Webseite Gun Violence Archive (GVA) weist für das laufende, noch ziemlich junge Jahr 2018 am 15. Februar kaum glaubliche 1.826 Tote durch Feuerwaffen in den USA aus.

30 "mass shootings" 2018

Gezählt werden in den ersten sechseinhalb Wochen dieses Jahres bislang 3.142 Verletzte und 6.572 Vorfälle mit Schusswaffen. Beim Begriff "Mass Shooting" steht die Zahl 30. Auf der dazu verlinkten Liste ist das Massaker an der Douglas High School in Parkland/Florida mit bislang 17 Toten das aktuellste und bislang schlimmste Mass Shooting-Ereignis 2018.

Das erste ist eine Schießerei in einem Restaurant mit Bar in Hattiesburg/Mississippi am 5. Januar. 6 Personen wurden bei einer Schießerei verletzt, keiner tödlich, der Verdächtige konnte fliehen (und offensichtlich vierzehn Tage später festgenommen). Auch das ist ein Mass Shooting.

Rechnet man die Zahlen zusammen, so kommt man auf 58 Tote und 124 Verletzte. Eine Schießerei an einer Schule in Kentucky am 23. Januar fällt mit 14 Verletzten und zwei Toten ins Auge. (Allerdings variiert die Zahl der Verletzten in den Berichten über das "Marshall County High School shooting". Manche schreiben von 17 Toten. ) Auch in deutschen Medien wurde über den Schusswaffenangriff eines15-jährigen Schülers an der High School berichtet, bei dem er zwei Gleichaltrige erschoss.

Die meisten Schusswaffenangriffe, so legt die Liste des Gun Violence Archive nahe, nimmt die Öffentlichkeit, wahrscheinlich selbst auch innerhalb der USA, gar nicht oder nur kaum wahr, weil sie nicht spektakulär genug sind, um größere Aufmerksamkeit auch außerhalb der Region, wo sich die Gewalttaten ereignten, zu finden.

Apathie und Monotonie

Neben der erstaunlichen Dimension der Waffengewalt in den USA, die hier anhand einiger Zahlen in Teilen sichtbar wird, verblüfft die Apathie und die Monotonie, die sich in Reaktionen zeigen. Auch wenn man weiß, dass US-Präsident Trump in Treue mit der National Rifle Organisation verbunden ist (siehe "Der Angriff auf die Rechte zum Waffenbesitz ist vorbei"), so fällt seine Antwort auf das Massaker in Florida, begangen von einem 19-Jährigen mit einem AR-15-Gewehr, mechanisch-lethargisch aus.

In seinem ersten Tweet zum Schusswaffenangriff teilte Trump mit, dass er in "Gebeten und Gedanken" bei den Angehörigen des fürchterlichen Florida Shooting sei. "Kein Kind, kein Lehrer oder jemand anders sollte sich in amerikanischen Schulen unsicher fühlen."

Später demonstrierte er in einem weiteren Tweet ein bisschen mehr als nur formelhaftes Mitgefühl, um sich mit einer anderen Schablone weiterzuhelfen:

So viele Anzeichen sprechen dafür, dass die Person, die in Florida geschossen hat, geistesgestört war und sogar von der Schule wegen seines bösen und unberechenbaren Verhaltens ausgeschlossen worden war. Die Nachbarn und die Klassenkameraden wussten, dass er ein großes Problem war. Man muss solche Fälle an die Behörden melden. Ich sage das wieder und wieder.

Donald Trump, Twitter

Laut Berichten wird der Täter tatsächlich als unberechenbar, gestört und als Sicherheitsrisiko geschildert. Nach Aussagen von Lehrern und Mitschülern war sein Verhalten sehr problematisch, was Waffen angeht. Daran lassen Aussagen früherer Mitschüler, Lehrer und Bekannter wenig Zweifel.

Nur ein Problem einzelner Gestörter?

Aber das große Problem ist nicht auf einzelne "Geistesgestörte" (mentally disturbed) herunterzudimmen. Dagegen sprechen Zusammenhänge - wie können mentally disturbed an Waffen gelangen wie ein AR-15-Gewehr, das berüchtigt ist für Einsätze in Massakern? Warum sträubt sich die Waffenlobby gegen Hintergrundchecks von Kunden? Wie kann es sein, dass "Geistesgestörten" der Erwerb von Waffen derart erleichtert wird?

Und gegen diese Engführung auf die Disposition einzelner Individuen als hauptsächliche Erklärung sprechen die Dimensionen: Seit dem Massaker an der Sandy Hook Elementary School im Dezember 2012, bei dem 28 Menschen ums Leben kamen, woran sich Diskussionen über eine gewalttätige Kultur in den USA anschließen (siehe Selbstmord durch Massaker), gab es laut New York Times 273 Schussangriffe auf Schulen, mit 439 Opfern, 121 wurden getötet.

Allerdings: 67 Prozent der Amerikaner, so eine Umfrage von Pew im Sommer letzten Jahres, geben als Hauptmotiv für ihren Waffenbesitz "Schutz" an. Sie fühlen sich mit Waffen sicherer. Das bekannte Gegenargument zu schärferen Waffengesetzen lautet, dass derart große Opferzahlen wie gestern in Florida erst gar nicht geschehen, wenn der Mörder früh genug mit Waffengewalt gestoppt wird.

Bislang ist das Standardargument von der NRA gegen eine Beschränkung der Waffenverkäufe durch genauere Kontrollen noch nicht auf ihren offiziellen Seiten aufgetaucht. Das erledigen dann schon die Fans.

Während 59 Prozent der Befragten, die keine Waffen besitzen, Waffengewalt als sehr großes aktuelles Problem im Land sehen, sind nur ein Drittel der Waffenbesitzer dieser Ansicht.

Pew: Americans’ views of guns and gun ownership

(Thomas Pany)