Massenstipendien statt Hartz IV

In den USA wird Richard Buckminster Fuller wiederentdeckt

Vor gut 25 Jahren, im Juli 1983, verstarb Richard Buckminster Fuller. Und nicht nur dieses Erinnerungsdatum oder die derzeit laufende große Ausstellung im Whitney Museum of American Art, sondern auch eine Eigenschaft seines Werks sorgt dafür, dass die amerikanischen Zeitungen voll mit Geschichten über ihn sind. Buckminster Fullers Ideen scheinen etwas mit teuren Weinen gemeinsam zu haben, die mit den Jahrzehnten nicht schlechter, sondern besser werden.

Was sein Lebenswerk betrifft, wird zunehmend erkennbar, dass andere Leistungen Buckminster Fullers durchaus bedeutsamer sein könnten als die geodätischen Kuppeln, mit denen er berühmt wurde. Unter anderem konstruierte er bereits in den 1930er Jahren Automobile, die ganz auf sparsamen Verbrauch hin ausgerichtet waren. Auch seine Idee, Städte (beziehungsweise Stadtkerne) zu überdachen, wirkt in Zeiten von Klimawandel und stetig steigenden Energiepreisen zunehmend weniger exzentrisch als sinnvoll: Durch klimatisierte Hüllen ließen sich nicht nur ausgesprochen hohe Energieausnutzungsgrade erreichen, sondern auch Emissionen besser für eine eventuelle spätere Nutzung speichern.

Dieser Fokus auf die optimale Nutzung von Ressourcen unterscheidet Buckminster Fuller grundlegend von den meisten anderen Architekten der zweiten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts: Bei ihm war die Neuheit der Form kein eitler Manierismus, sondern entsprang einer strengen Zweckmäßigkeit. Trotzdem war er weit entfernt von der Verzichtsideologie der 18-Grad-Geißler: Die freiwillige Abkehr von Technologie, Komfort und Mobilität hielt er für ebenso unmöglich wie unsinnig. Stattdessen sah er ungeahnte Möglichkeiten in einer weiteren und planvolleren Entwicklung der Welt. Unter anderem postulierte er, dass eine Voraussetzung des vernünftigen, effizienten Ressourceneinsatzes in der Vernetzung liegt: Nicht nur in der von Information, sondern auch in der von Energie, was erhebliche Einsparungen ermöglichen würde.

Buckminster Fuller erkannte jedoch auch, dass Planung ohne Einbeziehung nichtlinearer Wechselwirkungen nicht der Weisheit letzter Schluss war. 1965 erdachte er ein "World Game". In diesem Computerspiel bestand die Aufgabenstellung darin, die gesamte Weltbevölkerung ohne Krieg am wirtschaftlichen Wohlstand teilhaben zu lassen. An dem Spiel sollten sich unter anderem Wissenschaftler und Politiker beteiligen. Die Ergebnisse ihrer von Großrechnern kybernetisch geprüften Ideen sollten der Weltbevölkerung regelmäßig in Nachrichtensendungen präsentiert werden.

Der Architekt als Wirtschaftsplaner

Für den ökonomischen Umbau der 1930er Jahre sah Buckminster Fuller noch starke Regierungen als Notwendigkeit an.1 In den 1940ern plädierte er schon dafür, über Tagesfragen via Telefon abstimmen zu lassen. Und in den 1960er Jahren war er ganz zu dem Schluss gekommen, dass Politiker für notwendige Umbauten eine irrelevante bis schädliche Rolle einnehmen. Berühmt wurde seine Äußerung, dass, wenn auf einen Schlag alle Maschinen im Meer versänken, innerhalb von sechs Wochen zwei Milliarden Menschen elend verhungern würden. Ließe man dagegen alle Politiker auf einen Schlag verschwinden, dann hätten alle weiter zu essen. Allerdings, so Buckminster Fuller 1969, sei es das erste Mal in der Geschichte, dass man solch ein Postulat auf "wissenschaftlicher" Grundlage machen könne, da vorher die Entwicklung noch nicht weit genug vorangeschritten gewesen sei.2

Aufgrund dieser Sicht auf die Politik galt Buckminster Fuller in den 1990er Jahren teilweise als einer der geistigen Väter der Kalifornischen Ideologie. Die Teilpatenschaft verzerrte jedoch die Tatsache, dass er sich mit seinen ökonomischen Ideen weit jenseits der Grundlagen dieser Ideologie befand. Fuller zeigte nicht nur Einsichten in Kettenreaktionen, Spekulantenhandeln und Aktiencrashs, die den New-Economy-Glaubenssätzen diametral entgegenliefen, sondern forderte auch eine Abkehr vom "old public laissez-faire".3

Seinen Optimismus bezog er weniger aus dem Glauben an eine unsichtbare Hand, als aus einem an den Fortschritt4: Wohlstand bestand nach Buckminster Fuller aus Energie und Wissen. Da Energie (trotz begrenzter Ressourcen auf der Erde) universell gesehen nicht weniger und Wissen seiner Ansicht nach nur mehr werden konnte, sah er langfristig auch für die Entwicklung des Wohlstandes nur eine mögliche Richtung: nach oben.5

Auch die Entstehung und Verteilung des Genug-für-Alle stellte er sich durchaus anders vor als George Gilder oder Newt Gingrich: Eine seiner zentralen aber trotzdem bis heute relativ unbekannten Ideen war dabei ein Stipendiensystem für die durch Automation unvermeidlichen Arbeitslosen6:

"[...] for every 100.000 we send back to school free, one in that 100.000 will make a technological breakthrough that will produce the forwardly organized capability wealth for the other 99.999".

(Peter Mühlbauer)