Massenvernichtungswaffe Uranmunition?

Uranmunition. Foto: US Navy

Frieder Wagner über ein seiner Meinung nach ungeahndetes Kriegsverbrechen

Urangeschosse sind hochgiftig und radioaktiv strahlend - und werden bei Kriegszügen der NATO mit unabsehbaren Folgen für Mensch und Umwelt als Standardwaffen verwendet. Ein Gespräch mit Frieder Wagner, Filmemacher und Autor des Buches Todesstaub - made in USA.

Herr Wagner, was ist Uranmunition und warum wird sie eingesetzt?
Frieder Wagner: Uranwaffen und -munition werden aus abgereichertem Uran hergestellt. Abgereichertes Uran, englisch Depleted Uranium, kurz DU, ist ein Abfallprodukt der Atomindustrie. Wenn man aus Natururan Brennstäbe im Gewicht von einer Tonne herstellt, fallen etwa acht Tonnen abgereichertes Uran an. Dieses ist zwar als Alphastrahler nur schwach radioaktiv, muss aber entsprechend entsorgt und bewacht werden - und das kostet Geld, viel Geld.
Dieses abgereicherte Uran, das als Schwermetall wie Blei auch noch hochgiftig ist, hat eine Halbwertszeit von 4,5 Milliarden Jahren. Das heißt, diese radioaktive Zeitbombe bleibt uns ewig und inzwischen gibt es davon weltweit etwa 1,3 Millionen Tonnen und es werden täglich mehr.

"Zwischen 3000 bis 5000 Grad Reibungshitze"

Wie wird man dieses radioaktive und hochgiftige Zeug wieder los?
Frieder Wagner: Die Waffenentwickler der Militärs entdeckten, dass dieses Metall als Abfallprodukt sehr billig zu haben ist und für militärische Zwecke zwei ausgezeichnete Eigenschaften besitzt: Formt man dieses Metall zu einem spitzen Stab und beschleunigt ihn entsprechend, dann durchdringt er aufgrund seines enormen Gewichtes - fast doppelt so schwer wie Blei - Stahl und Stahlbeton, wie ein heißes Messer ein Stück Butter. Dabei entsteht an diesem abgereichertem Uranmetallstab ein Abrieb, der sich bei der enormen Reibungshitze von Temperaturen zwischen 3000 bis 5000 Grad Celsius selbst entzündet.
Das heißt, wenn sich ein solches Geschoss in Sekundenbruchteilen durch einen Panzer schweißt, entzündet sich das abgereicherte Uran explosionsartig und die Soldaten in dem Panzer verglühen. Wegen dieser beiden Eigenschaften: Stahl wie Butter zu durchdringen und die Fähigkeit, sich selbst zu entzünden und so wie ein Sprengstoff zu wirken, ist das Abfallprodukt "abgereichertes Uran" heute bei den Militärs so beliebt und wird deshalb entsprechend eingesetzt.

"Kinder waren an Leukämie erkrankt und gestorben"

Seit wann ist bekannt, dass es diese Munition überhaupt gibt?
Das haben wir dem deutschen Arzt und Epidemiologen Professor Doktor Siegwart-Horst Günther zu verdanken. Er hatte 1991 ein solches Urangeschoss nach dem Golfkrieg von den Schlachtfeldern des Irak, nach Berlin mitgebracht, um es untersuchen zu lassen, weil er befürchtete, dass es womöglich radioaktiv sei. Diese Geschosse hatten seine Aufmerksamkeit im Irak erregt, weil Kinder nach dem Spielen mit dieser Munition an Leukämie erkrankt und gestorben waren.
Als sich in Berlin herausstellte, dass das Geschoss radioaktiv und hochgiftig ist, wurde es von der Polizei beschlagnahmt und durch eine gerichtliche Anordnung von einem Gutachter im Hahn-Meitner-Institut in Berlin wissenschaftlich untersucht. Es stellte sich heraus: "Das Geschoss ist aus abgereichertem Uran. Uran ist ein Schwermetall. Die Aufnahme in den Körper, die Wirkung im Körper, ist in jedem Falle schädlich."
Ein deutsches Gericht hat also im Januar 1993 eindeutig festgestellt, dass ein solches Urangeschoss für die Gesundheit eines Menschen schädlich sein kann, weil es radioaktiv und als Schwermetall dazu hoch giftig ist, wohlgemerkt im Januar 1993, zu einer Zeit, als die Alliierten, die diese Munition erstmals im Irakkrieg 1991 eingesetzt hatten, noch behaupteten, dass diese Munition gar kein Uran enthält. Das gaben sie erst im Bosnienkrieg 1995 zu, sagten nun aber, diese Munition und Bomben aus Depleted Uranium seien vollkommen ungefährlich!
Wie wird diese Munition hergestellt?
Frieder Wagner: Daraus machen die Länder, in denen diese Munition hergestellt wird, ein großes Geheimnis. Mir ist das auch nicht bekannt. Sie ist nur relativ preiswert herzustellen, weil das Ausgangsmaterial billig von den Atomkraftwerken zu haben ist
In welchen Mengen wurde die Munition bislang verwendet?
Frieder Wagner: Im Irakkrieg 1991 wurden etwa 320 Tonnen eingesetzt. Nach dem Kosovokrieg 1999 gaben die Alliierten zu, 10 Tonnen eingesetzt zu haben. Die Serben behaupten allerdings, dass es mindestens 40 Tonnen waren. Im Irakkrieg 2003 befürchten Experten, dass mindestens 2000 Tonnen eingesetzt wurden. Das britische Verteidigungsministerium hat nach dem Krieg 2003 zugegeben, dass beim Einsatz von 40 Tonnen abgereichertem Uran in bewohntem Gebiet mit etwa 500.000 Nachfolgetoten zu rechnen ist.

"30.000 Soldaten an Leukämie, aggressivem Krebs- und Herzerkrankungen gestorben" "

Was sind die Folgen für die in diesen Ländern lebende Zivilbevölkerung, die Umwelt und die Soldaten?
Frieder Wagner: Von den fast 700.000 alliierten Soldaten, die im Golfkrieg 1991 Dienst taten und scheinbar gesund nach Hause kamen, sind inzwischen fast 30.000 an Leukämie, aggressivem Krebs- und Herzerkrankungen gestorben und mehr als 325.000 Soldaten sind dauerhaft arbeitsunfähig beziehungsweise invalid und leiden am sogenannten Golfkriegssyndrom. Diese unglaubliche Zahl bedeutet, dass annähernd die Hälfte der Veteranen heute medizinische Probleme haben.
Zur Situation der Zivilbevölkerung in den betroffenen Ländern, besonders Afghanistan und Irak, gibt es keine Zahlen. Das interessiert niemanden. Neutrale Wissenschaftler befürchten allerdings, dass allein im Irak in den nächsten 10-15 Jahren etwa 5-7 Millionen Menschen an den Folgen des Einsatzes der Uranmunition und -bomben sterben werden - da muss man dann fast von einem geplanten Genozid reden.
2007 gab das irakische Umweltministerium bekannt, dass allein im Irak durch die Kriege 1991 und 2003 mindestens 18 Regionen durch den Einsatz von Uranmunition so verseucht sind, dass man eigentlich die dort lebende Bevölkerung umsiedeln müsste. Inzwischen spricht man sogar von 30 solchen Regionen. Es ist unfassbar.

"Veto von USA, Großbritannien, Frankreich"

Wenn Uranmunition so gefährlich und schädlich ist, warum ist sie dann nicht als Massenvernichtungswaffe eingestuft und ihr Gebrauch als Kriegsverbrechen juristisch sanktioniert?
Eine gute Frage. Viele Menschen und Organisationen fordern ja deshalb auch genau das. Denn die Gefahren der Uranmunition sind seit dem Golfkrieg von 1991 und dem Kosovo-Krieg 1999 öffentlich. Wer darum 2003 für den dritten Golfkrieg war, wie unsere heutige Bundeskanzlerin Frau Merkel - und die ist auch noch Physikerin -, stimmte nicht nur für einen völkerrechtswidrigen Krieg, sondern wissentlich und willentlich für einen kriegsverbrecherischen Einsatz von Uranmunition.
In Berlin schloss deshalb im Juni 2004 eine Stellungnahme der damaligen stellvertretenden Vorsitzenden der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW), Dr. med. Angelika Claußen, über "die Folgen des Einsatzes von Uranmunition" mit folgender Zusammenfassung: "Es ist aus ärztlicher Sicht zu kritisieren, dass wissenschaftliche Untersuchungsmethoden zu Uranwaffen nicht in den regierungsamtlichen Forschungen angewandt werden. So entsteht der Eindruck, dass die von der US-amerikanischen und der britischen Regierung durchgeführten Studien nicht der Aufklärung, sondern der Verschleierung der Ursachen dienen.
Auch die Verweigerung des Sicherheitsrates auf Druck der US-Regierung, im Jahre 2001 systematische und breit angelegte Studien der WHO zur Ursachenaufklärung der Kinderkrebserkrankungen, insbesondere Leukämien, im Irak durchführen zu lassen, erhärtet den schweren und nicht von der Hand zu weisenden Verdacht, dass hier Ursachenverschleierung statt Ursachenaufklärung betrieben wird.
Abstimmungen in den Vereinten Nationen, die Uranmunition und -bomben zu ächten, sind immer wieder von bis zu 155 Nationen unterstützt worden, aber immer am Veto von vier Staaten gescheitert und die waren: die USA, Großbritannien, Frankreich und Israel, wobei Israel allerdings kein Vetorecht hat..
Setzt die Bundeswehr diese Waffe ein?
Frieder Wagner: Nein, die Bundeswehr hat zwar auch Uranmunition getestet, hat sie aber nicht in ihrem Arsenal. Die Bundeswehr setzt Wolframgeschosse ein. Diese Munition ist zwar auch hoch giftig, aber nicht radioaktiv.

"Mein letzter Film für einen deutschen Sender"

Sie haben zu diesem Thema einen Dokumentarfilm gemacht. Was ist aus diesem Projekt geworden und wie ist Ihre berufliche Laufbahn seitdem verlaufen?
Frieder Wagner: Ich habe zu diesem Thema zwei Filme gemacht. Der erste war für den WDR für die renommierte Sendereihe "Die Story" und hieß Der Arzt und die verstrahlten Kinder von Basra. Er wurde 2004 vom WDR gesendet und erhielt im Herbst den Europäischen Fernsehpreis. Allerdings war das auch mein letzter Film für einen deutschen Sender. Alle von mir eingereichten Themen wurden abgelehnt.
Als ich dazu im WDR einen mir befreundeten Redakteur um eine mögliche Erklärung bat, sagte der mir nach einigem Zögern: "Also Frieder, einer muss es Dir ja mal sagen, Du hast inzwischen im Haus den Ruf schwierig zu sein, aber was besonders gravierend ist, dass die Themen, die Du vorschlägst, besonders schwierig sind. Mehr wage ich dazu nicht zu sagen."
Mein frei, mit privaten Geldern produzierter Kino-Dokumentarfilm "Todesstaub" war 2007 bei der Berlinale Veranstaltung Cinema for Peace als bester Dokumentarfilm nominiert - hat aber leider nicht gewonnen, was ich verstehen kann, denn 2007 konnte kein Film gewinnen, der in seiner Aussage die USA als Kriegsverbrecher bezeichnet. Aber ich habe mit diesem Film in Deutschland, Österreich und der Schweiz 340 Vorführungen gemacht und danach mit dem Publikum diskutiert, so dass circa 30.000 Zuschauer den Film gesehen haben und im Internet weit über 120.000 Menschen. 2010 habe ich für das Filmwerk der katholischen Kirche eine 30-Minuten-Fassung für die Schulen gemacht, auch unter dem Titel "Todesstaub - die verstrahlten Kinder von Basra". So gesehen kann ich ganz zufrieden sein.
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