Mathematische Modelle zur Diffusion der Kriminalität in der Stadt

Wissenschaftler glauben, ein mechanistisches Modell für die Entstehung und Bekämpfung von Hotspots der Kriminalität gefunden zu haben

Mit Mathematik können, sofern genügend Daten dafür zur Verfügung stehen, alle möglichen Probleme dargestellt werden. Wie die Lösung ausfällt, hängt freilich von den Daten ab, die man einspeist, von der Methode, mit der sie bearbeitet werden, und den Vorannahmen der Modelle. Mathematische Modelle werden inzwischen auch zur Stadt- oder Verkehrsplanung, zur Verbrechensbekämpfung, für die Optimierung des Heiratsmarktes oder zur Lösung von anderen komplexen sozialen Phänomen eingesetzt werden.

Mathematiker, Kriminologen und Anthropologen der University of California, Los Angeles, haben versucht, ein mathematisches Modell auf der Grundlage von Reaktionsdiffusionsgleichungen für die Bildung und Ausbreitung von Hotspots der Kriminalität in Städten zu erstellen. Kriminalität von Diebstählen über Raub oder Vergewaltigung bis hin zum Mord findet nicht gleichmäßig verteilt im Stadtgebiet statt, sondern es zeigen sich Zentren der Kriminalität. Das könnte dazu dienen, ganz mechanische Methoden zu entwickeln, wie sich präventiv eingreifen ließe, um solche Hotspots gar nicht erst entstehen zu lassen, oder auch, um sie zu zerschlagen, sagen die Wissenschaftler.

Es gebe nämlich zwei verschiedene Arten, die sich zwar oberflächlich gleichen, sich aber deutlich unterscheiden. In einem Fall wächst die Kriminalitätsrate langsam an ("super-critical hotspots"), im anderen Fall gibt es einen starken Anstieg, der viele Kriminelle anlockt ("subcritical hotspots"). Der Polizeieinsatz müsste jeweils verschieden ausfallen, um nicht ein Gebiet zu "befrieden", indem sich der Hotspot einfach verlagert, was angeblich dort durch verstärkte Polizeipräsenz der Fall ist, wo die Kriminalitätsrate Schritt für Schritt anwächst. Während im zweiten Fall, ein Beispiel wäre ein Platz, wo Drogen vermehrt gehandelt werden, eine massive Polizeipräsenz die Kriminalität unterdrücken könne.

Der Ansatz ist zumindest eigenwillig. Der Anthropologe Jeffrey Brantingham, einer der Mitautoren der in den Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) erschienenen Studie, arbeitet mit der Polizei in Los Angeles zusammen, forscht über Jäger und Sammler in Nordtibet und erklärt: "Straftäter sind im Wesentlichen wie Jäger und Sammler. Sie suchen nach Gelegenheiten, Verbrechen zu begehen. Das Verhalten, dem ein Jäger und Sammler folgt, um sich für ein Gnu oder eine Gazelle zu entscheiden, folgt denselben Berechnungen, die ein Krimineller anstellt, um sich zwischen einem Honda und einem Lexus zu entscheiden."

Mit Reaktionsdiffusionsgleichungen können durch lokale stochastische Interaktionen nach einem Aktivator-Inhibitor-Modell Verteilungen von Partikeln in Flüssigkeiten, aber auch die Ausbreitung von Tierarten in einem Ökosystem berechnet werden. Das soll auch für Kriminalitätsmuster in Städten möglich sein, was die Wissenschaftler aufgrund von empirischen Kriminalitätsdaten aus dem Raum Los Angeles erschlossen haben.

Das Modell ist sehr simpel: Aktivatoren (Kriminelle) suchen in ihrer jeweiligen Umgebung, die hier als gleichförmig angesetzt wird, nach lohnenden Zielen oder Opfern, die ebenfalls mobil sein können. Wenn ein Krimineller, so die Hypothese, auf ein Ziel in der Abwesenheit einer wirksamen, also abschreckenden Sicherheitsmaßnahme (Inhibitor) trifft, wird er zur Tat schreiten, ansonsten wandert er weiter. Große räumliche Kriminalitätsverteilungen sind schon wegen der Grundannahme, nämlich der Abschreckung durch Polizeipräsenz, durch die lokale Verteilung von Risiken gekennzeichnet. Wo Kriminelle wiederholt erfolgreich Verbrechen begehen können, werden sie ihr Jagdgebiet einrichten. Umgekehrt heißt dies, dass dort, wo Verbrechen begangen werden, auch in der Nachbarschaft das Risiko steigt, dass weitere begangen werde, wodurch sich der Hotspot – in Abwesenheit von Inhibitoren – verbreitet. Überdies setzt das Modell voraus, dass Kriminelle eigentlich bereits in bestimmten Stadtvierteln ansässig sind, die sie dann auf der Jagd nach Beute durchsuchen.

Wirkung von Polizeipräsenz auf die beiden unterschiedlichen Typen von Hotspots. Bei den "super-critical hotspots" (A) streut das Verbrechen wie ein Krebs, bei den "subcritical hotspots" (B) verschwindet das Verbrechen. Bild: PNAS

Das Modell ist freilich nicht nur simpel aufgrund der Annahmen, sondern auch durch die Suggestion, man könne mit ebenso einfachen, der Mechanik entlehnten Mitteln allein durch Inhibitoren Kriminalität verhindern oder reduzieren. Städte sind höchst gegliederte, sehr heterogene Systeme, in denen sich Mobilität, und sei es die der Kriminellen und ihrer Opfer, mit einfachen Reaktionsdiffusionsgleichungen nicht erfassen lassen. Obsolet ist auch der naturwissenschaftliche Ansatz, dass es einfach Kriminalität gibt, die durch Polizeistärke gebannt werden könne, ohne nach den Ursachen zu fragen. Die Wissenschaftler freilich verkaufen ihren Ansatz trotz alledem als Möglichkeit für eine sinnvolle Verbrechenskämpfung durch eine "mechanistische Erklärung der Kriminalitätsmusterbildung aufgrund einfacher Annahmen über die Diffusion des Verbrechensrisikos und der lokalen Suche der Straftäter".

Anzeige