Maximales Lebensalter von etwa 115 Jahren?

Bild: US Air Force

Statistisch werden die Menschen älter, aber es scheint eine natürliche Grenze zu geben. Aber bis zu 20 Jahre Lebenszeit trennen Reiche und Arme - ein Skandal

Reichere Menschen leben deutlich länger als ärmere. Die zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich ist auch eine zwischen der Lebenserwartung. Mehr als ein Jahrzehnt kann sich die Lebenserwartung unterscheiden, erstaunlich eigentlich, dass es darüber noch keine Revolte derjenigen gab, deren Leben nicht nur härter ist, sondern auch kürzer. Vielleicht funktioniert die neoliberal-kapitalistische Ideologie einfach zu gut, dass jeder angeblich Herr seines Schicksals ist und daher selbst zu verschulden hat, wenn er ärmer ist und früher stirbt.

Der Drang, älter zu werden und gesund zu bleiben, ist vor allem in der Mittel- und Oberschicht immens. Hier stellt man sich asketisch unter das Regime von körperlicher Aktivität und gesunder Ernährung neben anderen Anti-Aging-Hoffnungen, um den körperlichen Verfall möglichst lange hinauszuziehen.

Tatsächlich ist in den letzten Jahrzehnten die Lebenserwartung weiter gestiegen, wenn auch höchst unterschiedlich in armen und reichen Ländern, Regionen und Schichten. Gegenwärtig ist unklar, ob die Lebenserwartung weiter ansteigen wird oder ob ein Höhepunkt bereits überschritten wurde. Sichtbar wurde allerdings, dass es trotz allgemein steigender Lebenserwartung ein Höchstalter zu geben scheint, das mit den jetzt vorhandenen Mitteln und auch nicht mit viel Geld überschritten werden kann. Das haben zumindest die Statistiker Jesson Einmahl und John Einmahl von der Universität Tilburg sowie Laurens de Haan von der Erasmus Universität Rotterdam errechnet.

2016 ist bereits in Nature ein Artikel erschienen, nachdem aufgrund einer Analyse von globalen demografischen Daten Verbesserungen der Lebenserwartung nach Überschreiten der Altersschwelle von 100 Jahren abnehmen und dass seit 1990 das Todesalter der weltweit ältesten Person nicht weiter angestiegen ist. Das lege nahe, dass es eine maximale Lebensspanne von Menschen gibt.

Seit 1980 stagniert nach der Human Mortality Database, in der Daten von 38 Ländern gesammelt werden, der Anstieg den Lebenserwartung bzw. stieg nur noch geringfügig an. Wenn das maximale Lebensalter weiter steigen sollte, so die Hypothese, müssten die größten Zuwächse bei stets älteren Menschen erfolgen. In den 1970er Jahren war der deutlichste jährliche Anstieg bei den Menschen über 90 Jahren zu verzeichnen, 1980 ging es dann mit dem Alter von 99 Jahren nur noch leicht bergauf. Nach der International Database on Longevity ist zwischen 1970er und den frühen 1990er Jahren auch das Alter der ältesten Menschen am schnellsten gestiegen, seit Mitte der 1990er Jahren stagniert es bei knapp 115 Jahren. Wahrscheinlich liegt die natürlich Grenze daher bei 115 Jahren, sagen die Wissenschaftler, was nicht heißt, dass einzelne Menschen auch älter werden können. Die 1997 verstorbene Jeanne Calment, die erst mit 119 Jahren das Rauchen aufgegeben hat, wurde 122 Jahre alt und gilt damit als der Mensch mit der bislang längsten dokumentierten Lebensspanne.

Die niederländischen Wissenschaftler sagen, die von Nature veröffentlichte Studie sei statistisch nicht fehlerfrei. Sie stützten sich auf die statistische Extremwerttheorie, zu der Laurens de Haan wichtige Beträge geliefert hat, die extreme und daher seltene Ereignisse auf der Grundlage von weniger extremen Ereignissen berechnet und beispielsweise von Versicherungen verwendet, um Verluste von schweren Naturkatastrophen abzuschätzen.

Allerdings kommen die Wissenschaftler bei der Auswertung von Daten von 75.000 niederländischen Menschen in der Zeit von 1986 bis 2015, deren genaues Alter am Todeszeitpunkt bekannt ist, auf eine maximale Lebensspanne bei Frauen von 115,7 Jahren und bei Männern von 114,1 Jahren, was also nur geringfügig höher als das in der Nature-Studie berechnete Maximum liegt. Einen Unterschied gibt es darin, dass die niederländischen Wissenschaftler keinen Rückgang erkennen konnten, vielmehr habe sich seit 30 Jahren keine Veränderung der maximalen Lebensspanne ergeben. Die Menschen leben zwar länger, aber die Ältesten werden nicht älter, obgleich die Zahl der Menschen, die ein Alter von 95 Jahren erreichen, sich während der 30 Jahre fast verdreifacht hat. Natürlich kann es auch Ausreißer geben, sagen die Wissenschaftler. Sie gehen aber davon aus, dass auch für Ausnahmen knapp über 120 Jahre eine Grenze erreicht wird.

Eine maximale Lebensspanne mag für die Reichen frustrierend sein, die mit viel Geld und Ehrgeiz hoffen, ihr wahrscheinlich als überaus wertvoll eingeschätztes Leben mit allen Mitteln verlängern zu können, an deren Entwicklung Anti-Ageing-Forschung arbeitet, während Gurus wie Aubrey de Grey die angeblich künftigen biotechnischen Möglichkeiten versprechen und Bücher mit dem Titel wie " Ending Aging" schreiben.

Viel wichtiger für die Mehrheit der Menschen wäre nicht, mit viel Geld die Lebensspanne von Wenigen noch weiter in die Höhe zu treiben, sondern die Kluft zwischen denen zu schließen, die unnötig früh sterben, und denen, die dank der Verwurzelung in der sozialen Schicht der Wohlhabenden und Gebildeten näher an das maximale Lebensalter heranrücken. Wer Pech hat und in die falsche Schicht am falschen Ort geboren wurde, kann auch in den reichen Industriestaaten damit rechnen, mitunter 20 Jahre kürzer zu leben als jemand, der in einem reichen Haushalt aufwächst (Die reichsten Engländer können 19 Jahre länger gesund leben als die ärmsten). In Deutschland kann der Unterschied bis zu 10 Jahren betragen, die jemand kürzer bzw. länger lebt (Selber schuld: Arm, kränker und früher Tod). In den USA gibt es einen Unterschied von 20,1 Jahren für Landkreise mit der niedrigsten und mit der höchsten Lebenserwartung (Landkreise mit einer Lebenserwartung wie im Sudan).

20 Jahre Unterschied, weil man in der falschen Schicht und am falschen Ort geboren wurde. Das darf, das kann nicht sein, das muss sich ändern. Aber das steht nicht auf dem politischen Programm, in keinem Land. Vielleicht weil es zu explosiv ist? Oder ist es nur zu wenig bekannt? (Florian Rötzer)

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