Mediale Langeweile

Nach einer Umfrage unter jungen Amerikanern sind diese mehrheitlich gelangweilt von den Medienangeboten und üben sich daher im medialen Multitasking

Junge Menschen behaupten, sie könnten ihren Alltag nicht mehr ohne Handy und SMS bewältigen. Fernseher, Radio, Computer, iPod, Internet, Spielekonsole gehören zur Grundausstattung des Jugendlichen, um pausenlos kommunizieren und sich unterhalten zu können. Nie haben wohl Jugendliche mehr Medien zu ihrer Verfügung gehabt, aber offenbar hilft dies nichts dabei, die Langeweile zu bekämpfen.

Möglicherweise ist den Jugendlichen sogar langweiliger als früheren Generationen, die mit weniger Medien auskommen mussten. Allerdings ist es ihnen, gerade zur Zeit der Pubertät, wohl grundsätzlich langweilig. Mit viel Energie und Abenteuerlust, eingeengtem Spielraum, noch nicht ausgeprägten Interessen, drückenden Ansprüchen, Begierden und Vorbildern und angesichts eines Lebens, das noch alles bieten kann, gehört Langeweile vielleicht auch zur allgemeinen Grundbefindlichkeit dieser Zeit.

Auch wenn es keine Vergleichszahlen zu früher gibt, so ist doch zumindest in einer von Los Angeles Times und Bloomberg beauftragten repräsentativen Umfrage unter 12-24-Jähringen in den USA erstaunlich, wie viele trotz oder wegen des erstaunlichen Medienangebots von Fernsehen über Filme oder Musik bis hin zu Spielen sich gelangweilt fühlen. Allerdings wurden sie nicht gefragt, ob sie allgemein oft Langeweile haben, sondern – für die Content-Anbieter eigentlich viel beunruhigender -, wie sehr sie von den angebotenen Medienoptionen gelangweilt sind. Fast zwei Drittel der 12-17-jährigen Jungen sagen, sie seien oft oder manchmal gelangweilt, bei den Mädchen sind es sogar 75 Prozent, woraus man schließen könnte, dass es für diese zu wenige bzw. nicht auf sie ausgerichtete Medienangebote gibt oder sie lieber anderes machen. In der Gruppe der 18-20-Jährigen fühlen sich Jungen und Mädchen gleichermaßen mit 73 Prozent ziemlich gelangweilt (oder haben andere Interessen?), bei den Älteren stellt sich wieder dieselbe Verteilung wie bei den Jüngeren her.

Ein klein wenig Aufschluss mag ein weiteres Ergebnis geben. Wären die Menschen gebannt von den Inhalten, so würden sie sich wohl auf ein Medium konzentrieren. Es scheint aber eine Eigenschaft zumindest dieser Altergruppe zu sein, dass ein Medium nicht ausreicht und Multitasking gepflegt wird, also mehrere Medien gleichzeitig genutzt werden. Dabei können nicht alle Inhalte gleichzeitig mit derselben Aufmerksamkeit rezipiert werden, normalerweise zappt diese zwischen den unterschiedlichen Medien, oder man konzentriert sich auf ein Medium und beobachtet am Rande die anderen, um nichts zu versäumen. Die Los Angeles Times zitiert einen 17-Jährigen Teilnehmer der Umfrage, der Multitasking schätzt:

You can open five or six programs simultaneously: work on a project, type a report, watch YouTube, check e-mail and watch a movie.

Offenbar schätzen die Jugendlichen mit zunehmenden Alter Multitasking – früher hätte man gesagt: zerstreute Rezeption - immer mehr. Und die Vorliebe der Mädchen für Multitasking ist noch ausgeprägter als das der Jungen. Im Alter zwischen 20 und 22 Jahren unterscheiden sich Frauen und Männer am stärksten. Während nur 48 Prozent der Männer angeben, dass sie Multitasking der Konzentration auf einen Inhalt zur selben Zeit vorziehen, finden das 72 Prozent der Frauen attraktiv. Die 22-24-Jährigen nähern sich hier wieder etwas mehr an: Frauen 63, Männer 54 Prozent. Da Computerspiele noch immer eher eine männliche Domäne ist, könnte auch dies die Antwort der männlichen Befragten teilweise erklären. Während alle anderen Medien für Multitasking herangezogen werden, scheinen Computerspiele doch soviel Konzentration zu erfordern, dass hier die meisten nur spielen bzw. in die selbst multimediale und interaktive Spielewelt eintauchen.

Immerhin wurden hier wenigstens nachgefragt, warum die Multitasker, die offensichtlich mit einem Medium unterfordert oder gelangweilt sind und eine „konstante partielle Aufmerksamkeit, sich gerne mit vielen Medien gleichzeitig umgeben. Die Befragten konnten mehrere Optionen angeben. Dabei stellt sich auch heraus, dass die herkömmlichen Massenmedien Fernsehen und Radio doch noch stark konsumiert werden, wenn auch nicht ausschließlich, sondern im Mulitasking-Modus. In allen Altersschichten gibt mehr als ein Drittel an, dass mehrere Medien gleichzeitig konsumiert werden, um der Werbung auszuweichen. Die Hälfte der Befragten sagt, dass sie jeden Tag zwei Stunden online seien, 29 Prozent wollen vier Stunden und 15 Prozent mehr als vier Stunden online sein. Hingegen läuft bei 75 Prozent der Fernseher mehr als vier Stunden täglich. Allerdings ist der oft Hintergrund bzw. wird das Internet gleichzeitig mit dem Fernseher benutzt.

Manche sagen auch, sie hätten so viel zu tun, dass sie nicht die Zeit hätten, eines alleine zu machen. Das ist allerdings eine Minderheit, wobei die Mädchen und Frauen hier angeblich am meisten gestresst zu sein scheinen, besonders schlimm bei den 21-24-Jährigen. Angegeben wird auch, dass man halt ständig in Kontakt mit den Freundinnen und Freunden stehen will. Aber die Mehrheit der Jüngeren beiderlei Geschlechts erklärt sich ihr Multitasking dadurch, dass es einfach zu langweilig sei, nur ein Medium zu benutzen. Das spricht entweder gegen die gebotenen Inhalte oder für die flüchtige Aufmerksamkeit. Es scheint sich um eine Art medialer Falle ohne Alternativen zu handeln: Je langweiliger die Medien werden, desto mehr muss man konsumieren – bis möglicherweise einmal der Punkt kommt, sich von ihnen abzuwenden, weil Medienbesitz und –konsum nicht mehr chic sind. Allerdings sagen die Älteren über 18 Jahre das bereits seltener, bei den über 21-Jährigen sind es nur noch 35 Prozent der Männer und 22 Prozent der Frauen.

Vielleicht schlägt hier bereits das Alter zu und ist Multitasking schon mit abbauenden kognitiven Kapazitäten beschwerlicher. Vielleicht können die Älteren sich auch eher entscheiden, was sie rezipieren mögen und haben weniger Angst, ihnen könnte etwas entgehen. Vermutlich aber haben sie vor allem auch weniger Zeit als die Jugendlichen, gelangweilt zu sein, da Arbeit oder Studium mehr als Schule abverlangen. (Florian Rötzer)

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