Medien-Revolution und Medien-Macht

Ort und Information II

Das "Lever House" aus den 1950er Jahren in New York war das erste Hochhaus, bei dem eine Glaswand die Tätigkeit innerhalb eines Gebäudes vom Leben auf der Straße abschnitt. Heute ist diese Bauweise allgegenwärtig, um ein Stahlgerüst herum wird eine Glasfassade hochgezogen, hinter der wir die Mitarbeiter an ihren Schreibtischen wie im Zoo beobachten können.

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Teil I: Wie neue Medien den Informationsfluss und damit die Gesellschaft verändern

In diesem Planungskonzept verschränke sich eine Ästhetik der Sichtbarkeit und die gesellschaftliche Isolation, schrieb dazu der amerikanische Sozialwissenschaftler Richard Sennet. Wir haben es mit dem Paradoxon der Isolation inmitten von Sichtbarkeit zu tun.

Und dieses Planungskonzept der Glasfassaden gaukelt uns Transparenz vor und dient doch nur unserer Blendung. Es steht für ein Trugbild, durch das uns Kontrolle und Durchlässigkeit suggeriert werden soll. Doch wir wissen alle, dass die wirklich relevanten Entscheidungen in Banken und Behörden nicht vor unseren Augen geschehen. Die Pleiten von Lehmann, Bayern LB und Co. haben uns das unmissverständlich klargemacht.

Das Internet ist dabei, sich einen ähnlichen Mythos zu schaffen. Aufgrund seines revolutionären Wesens im Zusammenspiel mit der Digitalisierung ist es längst kein bloßes Medium mehr, sondern eine umfassende gesellschaftliche Dimension. Vergleiche mit dem Aufkommen des Fernsehens machen das deutlich.

Das Aufkommen dieses Mediums in den 1950er Jahre hat zwar sehr deutlich den Alltag der Menschen verändert, vor allem in der Freizeit. Aber es gab nie eine "Fernsehgeneration" oder gar eine politische Partei, die sich über das Medium definierte. Wir wissen, dass es heute anders ist. Der "Nerd" oder "Computerfreak" steht für eine Generation, die sich McLuhans zentralen Satz - Das Medium ist die Botschaft - auf die Fahnen geschrieben hat. Die politische Substanz der "Piratenpartei" gründet nicht zuletzt auf den Kommunikationsmöglichkeiten des Internets. Es scheint, als sei ein neuer Kontinent aufgetaucht und diese Generation macht(e) sich daran, das fremde Terrain zu erobern. Mit teilweise milliardenschweren Erfolgen, wie uns die Biografien von Steve Jobs ("Apple"), Mark Zuckerberg ("Facebook") oder Larry Page ("Google") zeigen.

Das Bild eines neuen Kontinents ist hier deshalb sehr passend, weil es uns ähnlich wie das Paradoxon der Isolation inmitten von Sichtbarkeit auf das Paradoxon der Sichtbarkeit inmitten von Unsichtbarkeit hinweist. Der Begriff des Kontinents ist ein Begriff der Geographie und verweist auf die "Natur" als unsere existenzielle Grundlage. Das Internet scheint uns mittlerweile zwar zu einer zweiten Natur zu werden, doch dieser Prozess der "Verselbständigung" täuscht uns darüber hinweg, dass das Internet eine Sphäre ist, die aus der "realen" Welt stammt und deren Phänomene in dieser realen Welt wurzeln. Das heißt mit anderen Worten, dass wir auch im Internet das Echo der Macht- und Herrschaftsstrukturen aus der "realen" Gesellschaft wiederfinden.

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Ein Beispiel dafür sind die "Kriege der Editoren". "Basisdemokratische" Konstrukte wie Wikipedia, aber auch Beiträge in Diskussionsforen oder Bewertungen von Produkten können uns das demokratiestärkende Potenzial des mittlerweile nicht mehr ganz so neuen Mediums Internet glauben machen. Eine gewisse Ernüchterung stellt sich freilich ein, wenn man weiß, dass ganze Heerscharen von Pressesprechern und Mitarbeitern von Agenturen und Marketingabteilungen täglich acht Stunden daran arbeiten, das Netz nach ihren Vorgaben beziehungsweise den Vorgaben ihrer Kunden zu frisieren. Wer steckt hinter dem regimekritischen Blogger aus dem Iran? Vielleicht doch der CIA-Mitarbeiter in Idaho? Und wer postet eine positive Besprechung des jüngsten Romans von Herrn X? Vielleicht doch die Praktikantin Y aus dem Verlag? Wir wissen es nicht.

Da es den Dingen im Internet an authentischer Aura fehlt, mangelt es ihnen an der Selbstgewissheit des Seins und sie treten uns mit der ständigen Bedrohung des Scheins entgegen. Greifbar sind allerdings die damit verdienten Euros und Dollars. Doch sind diese Dinge auch in ihrer Scheinhaftigkeit sichtbar, so lassen sie vergessen, dass sie noch immer in einem Meer des Unsichtbaren dahertreiben. Die sichtbaren Dinge des Internets sind quasi dabei, das Unsichtbare noch unsichtbarer zu machen.

Wo uns Facebook ein weltweit umspannendes Beziehungsnetz vorgaukelt, fehlt uns der Blick auf die realen Netzwerke, die ihre Vorteile organisieren. Wir blicken quasi auf die hell erleuchteten Glasfassaden und die darin Agierenden und werden dabei blind für die Geschäfte und Prozesse in den Dunkelzonen.

Während Millionen sich und ihre Biografien all den Personalmanagern, Kundenstrategen und sonstigen gewerblichen Voyeuren andienen, machen das Kapital und die Macht auch im Internet, was sie immer tun: Sie sind scheu wie ein Reh und versuchen, die eigenen Daten zu kontrollieren.

Ein Beispiel für den diskreten (Internet-)Charme nicht der Bourgeoisie, sondern des Adels: der Wittelsbacher Ausgleichsfonds. Das ist eine Art monarchistisches Relikt im doch eigentlich republikanischen Bayern. Kurz zusammengefasst garantiert es den Nachkommen aus dem ehemals königlich bayerischen Hause der Wittelsbacher auf ewig ein gesichertes Einkommen, derzeit vielleicht um die 50 Millionen Euro jährlich. Davon lässt es sich, zusammen mit dem Wohnrecht etwa auf Schloss Nymphenburg, standesgemäß leben.

Das finden nun nicht nur eingefleischte Republikaner, sonder sogar bayerische Königstreue wie der Schriftsteller Georg Lohmeier ("Königlich Bayerisches Amtsgericht") kritikwürdig. Deshalb befolgen die Wittelsbacher auch die nicht dumme Strategie, so zu tun, als gäbe es den Fonds gar nicht. Die Fonds-Verwaltung selbst etwa ist in einem Wohnblock aus den zwanziger Jahren in München-Bogenhausen untergebracht und gibt sich so unauffällig und bescheiden, dass es fast rührend ist: "Generaldirektion" steht klein auf einem von zwölf Klingelschildchen des Hauseingangs, als wohne hier der Hausmeister.

Die wenigen vorliegenden juristischen Abhandlungen über den Fonds wurden in Zusammenarbeit mit dem Fonds erstellt. Der ist zwar eine Stiftung des öffentlichen Rechts, muss aber der Öffentlichkeit gegenüber gar nichts sagen, weder über Einkünfte noch Ausgaben. Fragt man einen von Steuergeldern bezahlten Geschichtsprofessor über seine niedergeschriebene Geschichte des Fonds, so verweist der auf den Fonds. Und fragt man den, so sagt der, das ist nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Wen wundert es, dass der Internetauftritt des Fonds sehr bescheiden ausfällt. Das Kapital ist scheu wie ein Reh und die Kontrolle der eigenen Daten gehört zum Geschäft.

Sicher, es gibt Wikileaks und andere globale Möglichkeiten der Informationsverbreitung im Internet - die revolutionäre Macht der neuen Medien. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass daneben nach wie vor die Medien-Macht existiert und das Interesse der Mächtigen, neben vielen anderen Dingen auch die Verbreitung ihrer Daten zu kontrollieren. Joshua Meyrowitz, unser Medientheoretiker aus dem ersten Teil hat dies dahingehend thematisiert, dass - obwohl neue Medien zunächst einen fundamentalen gesellschaftlichen Wandel einleiten -, das gesellschaftliche System durch gegenseitig sich aufhebende oder beeinflussende Tendenzen schließlich zu einem neuen Gleichgewicht des Informationsaustausches kommt und so auch wieder ein strukturelles Gleichgewicht erreicht wird. Mit anderen Worten: revolutionäre Medien bleiben nicht immer revolutionär.

Teil III: Entgrenzung - Die Büchse der Pandora

(Rudolf Stumberger)

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