Medien prägen die Einstellung ihrer Nutzer zu Covid-19

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Vertraut man eher CNN oder Fox News? Das macht den Unterschied aus, ob Amerikaner eher vorsichtig oder eher riskant sind

Der Soziologe Niklas Luhman diktierte in seinem 1995 erschienenem Buch "Die Realität der Massenmedien" die Behauptung: "Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien." Nun könnte man sagen, Luhmann hat die Ankunft der digitalen Medien und des Internet nicht mehr realisiert. Gleichwohl bleibt die Behauptung weitgehend gültig, wenn man allgemeiner von Medien bzw. von Medienblasen spricht. Es geht dabei nicht nur um passives Wissen, sondern um eine durch die Art der Berichterstattung immer wieder bestätigte Verhaltenskonditionierung, wie gerade eine in BMJ Global Health erschienene Studie der University of Southern California über die Einstellung zu Covid-19 deutlich macht.

Die Wissenschaftler werteten Umfragen unter 4800 Amerikanern aus, die zwischen dem 10. März und 9. Juni mehrmals beantwortet haben, welche der fünf präventiven Verhaltensweisen sie übernommen haben, um sich vor einer Covid-19-Ansteckung zu schützen: Gesichtsmaske tragen, die Hände mehrmals am Tag waschen, soziale Aktivitäten vermeiden, nicht in Restaurants essen und öffentliche Plätze, Versammlungen oder Menschenmengen meiden. Gefragt wurde aber auch nach riskanten Verhaltensweisen wie dem Besuchs von Bars, dem Besuch der Wohnungen von Bekannten oder der Einladung von Nachbarn, Freunden und Verwandten, dem Besuch von Versammlungen mit mehr als 10 Menschen oder große Nähe zu einer Person, mit der man nicht zusammenlebt.

Die Antworten wurden abgeglichen mit dem Medienkonsum von CNN und Fox News und dem Vertrauen in die Sender mit gegensätzlicher politischer Ausrichtung. 29 Prozent trauten CNN mehr als Fox News, 20 Prozent Fox News mehr als CNN und 52 Prozent gaben keine Vorliebe für einen der beiden Sender an.

Was schon länger bekannt ist, zeichnete sich auch hier ab, die Amerikaner sind gespalten und halten sich in verfeindeten weltanschaulichen Lagern auf. Wer dem rechtslastigen, republikanisch orientierten und Trump zugeneigten Fox News-Sender mehr Vertrauen entgegenbringt, neigt auch eher dazu, riskanten Verhaltensweisen nachzugehen, auch wenn die Unterschiede nicht so riesieg sind. Fox News-Konsumenten gaben an, während einer Woche durchschnittlich 1,25 riskanten und 3,41 präventiven Verhaltensweisen nachgegangen zu sein. Bei den Neutralen war das Ergebnis ähnlich, die CNN-Konsumenten berichteten 0,94 riskante Verhaltensweisen und 3,85 präventive.

Das spricht nun nicht dafür, dass das Verhalten, wie es in einer Pressemitteilung der Universität heißt, sich "scharf" nach Medienorientierung unterscheidet, aber die Mediennutzung verstärkt das Verhalten, wenn Covid-19 eher heruntergespielt oder eher als gefährlich beschrieben wird. Bei den Fox News-Konsumenten wuchs über die Zeit die Neigung, riskanten Verhaltensweisen nachzugehen.

Die Wissenschaftler, es sind Gerontologen, verfolgen selbst eine bestimmte Richtung: "In einem solchen hoch parteiischen Kontext kann falsche Information leicht verbreitet werden. Gesundheitsinformationen als eine der wenigen wirksamen Möglichkeiten, die Verbreitung des Virus bei Abwesenheit eines Impfstoffs zu bremsen, werden durch politisch geprägte und ökonomisch fokussierte Narrative unterminiert." Im März habe sich die Berichterstattung der Sender angenähert, im Mai, als die Trump-Regierung auf Lockerung setzte, habe sich der Unterschied wieder ausgeprägt. Alle Amerikaner haben wieder mehr riskiert, stärker aber die Fox News-Konsumenten, da der Sender die Präventivmaßnahmen kritisierte und die Bedeutung der Wirtschaft höher als das Gesundheitsrisiko bewertete.

Offen bleibe, so die Wissenschaftler, ob die Mediennutzung das Verhalten prägt oder ob Menschen sich einfach die Medien suchen, die ihrer politischen Einstellung entsprechen. Die republikanische Ideologie setze stärker auf den Individualismus und die Nichteinmischung des Staates, weswegen die Anhänger auch eher gegen gesundheitspolitische Maßnahmen sind. Nicht ganz passt in das Schema das Verhalten derjenigen, die weder zu CNN oder den Demokraten noch zu Fox News oder den Republikanern/Trump zuneigen.

Die Wissenschaftler vermuten, dass die Menschen ohne Medienpräferenz leichter von falschen Informationen beeinflusst werden können, wobei unterstellt wird, dass CNN eher faktenbasierte Informationen weitergibt. Das kann als Hinweis darauf verstanden werden, dass die Studie selbst einer politischen Ideologie folgt, die sich auf die Wissenschaft beruft.

Eine im September veröffentlichte Gallup-Umfrage bietet einen Hinweis darauf, warum die Menschen in die Falle der Einseitigkeit in ihrem Medienkonsum geraten (was auch die Wissenschaftler der Studie betrifft). 69 Prozent der mehr als 20.000 befragten Amerikaner hegen eher die Sorge, dass die Medien, die die anderen Menschen rezipieren, einseitig sein können. Bei den Medien, die sie selbst rezipieren, befürchten nur 29 Prozent Einseitigkeit. Andererseits sagen 20 Prozent, dass in den Medien, die sie rezipieren, eine Menge und 36 Prozent einiges an Einseitigkeiten enthalten ist. (Florian Rötzer)