Medienarbeit zur "Flüchtlingskrise": Überhebliche Pädagogik prägt Information

24. Oktober 2015: Flüchtlinge nachts auf der Innbrücke zwischen Braunau (Österreich) und Simbach (Deutschland). Foto: Christian Michelides / CC BY-SA 4.0

Eine Studie der Otto-Brenner-Stiftung über die Berichterstattung zur Hochphase der Ankunft von Migranten sorgt für Aufregung

Die Studie mit dem Titel Die "Flüchtlingskrise" in den Medien. Tagesaktueller Journalismus und Information hat 184 Seiten. Sie ist, wie die auftraggebende Otto Brenner Stiftung heute mitteilt, die bislang umfassendste und methodisch aufwendigste Untersuchung zum Thema.

Die Studie geht erstmals der Berichterstattung zur sogenannten Flüchtlingskrise im Detail nach: Dazu wurden insgesamt weit über 30.000 Medienberichte erfasst - und insbesondere für einen gut zwanzigwöchigen Zeitraum, in dem sich im Jahr 2015 die Ereignisse überschlugen, rund 1.700 Texte analytisch ausgewertet. Im Fokus der innovativen Untersuchung stehen Printleitmedien wie FAZ, SZ, Welt und Bild, über achtzig verschiedene Lokal- und Regionalzeitungen sowie die reichweitestarken Onlinemedien focus.de, tagesschau.de und Spiegel Online.

Aus dem Vorwort der Studie

Zu erkennen ist daran schon zweierlei: Brisanz und Fülle. Die Brisanz stammt von der zentralen Erkenntnis der Studie, die "erhebliche Defizite" bei der Berichterstattung der Mainstreammedien in der Hochphase der Ankunft zigtausender Flüchtlinge und Migranten ausgemacht hat. Die Journalisten hätten keine neutrale Beobachterrolle eingenommen und mit Schlagseite berichtet, so der Befund, übrigens schon länger bekannt ist (siehe Journalismuskritik: Einseitige Berichterstattung zur Flüchtlingskrise).

Statt als neutrale Beobachter die Politik und deren Vollzugsorgane kritisch zu begleiten und nachzufragen, übernahm der Informationsjournalismus die Sicht, auch die Losungen der politischen Elite.

Michael Haller

Die Aufregung, die der Bericht schon vor der Veröffentlichung verursachte, hat die Otto-Brenner-Stiftung nun dazu bewogen, die Studie schon am heutigen Freitag und nicht erst, wie geplant, am kommenden Montag zu veröffentlichen. Die wenigsten Journalisten, einschließlich der Verfasser dieses Beitrags, dürfte die Studie bereits in Gänze gelesen haben.

Man darf also gespannt sein, was die Studie an detaillierten, konkreten Ergebnissen zu Tage gefördert hat. Umso mehr, als die Fragen, die im Vorfeld an den Studienautor Michael Haller gestellt werden, zeigen, wie versucht wird, die Ergebnisse auf eine Art politisch zu framen, so dass sie einer bestimmte Ecke zugeordnet werden.

So reagiert etwa ein Journalist des Deutschlandfunks bei seinem Interview mit Haller auf die Einseitigkeits-Vorwürfe der Studie damit, dass er seinerseits der Studie Einseitigkeit unterstellt, die von "Rechtspopulisten und Rechtsextremen" ausgenutzt werden könnte.

Dazu greift er zur Polemik, indem er "Mainstreammedien" und "Elite" als Kampfbegriffe etikettiert, was suggeriert, es handle sich um keine Kategorien, die in seriöser Wissenschaft verwendet werden dürften, sondern um ideologisch aufgeladene Begriffe, was darauf hinausläuft, jedem, der in einer Diskussion von Mainstreammedien spricht, bereits in eine Ecke zu rücken:

Eine Kernkritik von Ihnen dabei lautet, Sie bemängeln, Redaktionen hätten sich zu sehr auf die Einordnungen aus der Politik beschränkt und dort einseitig auf die aus Regierungsparteien. Sie sprechen dabei aber auch immer wieder von der politischen Elite und sogenannten Mainstreammedien. Indem Sie solche Kampfbegriffe verwenden, leisten Sie nicht einem Politikverdruss Vorschub, wie er von Rechtspopulisten und Rechtsextremen weltweit verbreitet wird?

Michael Borgers, Deutschlandfunk, Interview mit Michael Haller

Die Antwort von Michael Haller steht demgegenüber auf festerem Boden:

Mainstreammedien ist ein auch wissenschaftlich durchdeklinierter Begriff, und das ist ziemlich genau beschrieben, was darunter zu verstehen ist. Also das sind keine Nischenmedien, das sind keine Gruppenmedien, sondern das sind General-Interest-Medien, die von sich sagen, dass sie das aktuelle, spannende, wichtige, zu wissen wichtige Geschehen vermitteln können. (…)

Der Begriff der Elite ist, sagen wir mal: in Deutschland etwas prekärer als in anderen Ländern, aber auch da ist eigentlich in der Politikforschung ziemlich klar, was mit Elite jetzt - wir reden hier von Politik -, was mit Elite gemeint ist. Das sind in erster Linie die Entscheider, das sind in erster Linie diejenigen, die auch machtvoll sind, die auch selber mitbestimmen oder mitentscheiden können, wie das, was sie beschlossen haben, umgesetzt wird.

Michael Haller Deutschlandfunk, Interview

Es gibt noch einen beachtenswerten Nachsatz: Auf die Bemerkung des Fragestellers, dass Hallers Vorwurf laute, Medien hätten sich "zu sehr gemein gemacht", antwortet Haller, der journalistische Arbeit aus eigener Praxis kennt, mit der Aussage: "Ja. Deutlich. Also das ist nicht ein Vorwurf, sondern es ist ein Befund."

Hier zeigen sich im kleinen Ausschnitt die großen Schwierigkeiten, die die Branche hat. In einem pädagogischen Missionsbewusstsein wird die richtige Leitlinie, die nicht immer ausgesprochen sein muss, bieder befolgt; Ergebnisse aus der Wirklichkeit sind nachrangig.

Selbstkritik gibt es hauptsächlich nur eingeschränkt. Nicht selten aus einer selbstgewissen Haltung heraus, die dem kritischen Gegenüber grundsätzlich unterstellt, dass er auf der falschen Linie ist (rechts, Verschwörungstheoretiker, Putinversteher oder auch Linksextremisten-Verherrlicher). Längst geht es nicht mehr allein um die Glaubwürdigkeit der "Berichterstattung" über Migranten, auch die Berichte über Konflikte in der Ukraine und in Syrien wurden mit Schlagseite versehen.

"Die von den Journalisten beschriebene Wirklichkeit ist sehr weit entfernt von der Lebenswelt eines großen Teils ihres Publikums", so das Fazit der Otto-Brenner-Stiftung. Dort hofft man, dass die Publikation der Studie dazu beiträgt, die große Entfremdung zwischen dem "etablierten Journalismus und Teilen der Bevölkerung" Thema einer öffentlichen Auseinandersetzung wird, "dass die Ursachen des Bruchs im öffentlichen Diskurs weiter untersucht und bewertet werden".

Man darf also gespannt sein, ob die Fülle an konkreten Ergebnissen der Studie zu einer von Fakten gestützten Diskussion führt oder ob es bei Polemik bleibt. Die Entfremdung von Fakten oder auch bestimmten Unsicherheiten, die nicht konkret zum Thema gemacht werden, sondern mit eigenen Gewissheiten aus dem politischen Nähkästchen ("Rebellen in Syrien") überbügelt werden, liefern den Nährboden für Populisten und Hetze. (Thomas Pany)

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