Medienberichte: Kim Jong Un will nicht wie Gaddafi enden

Kim Jong Un (Foto: Weißes Haus) und Muammar al-Gaddafi (Foto: US Navy)

US-Delegation soll beim Gipfel in Hanoi die komplette Herausgabe aller Atomwaffen gefordert haben

Am 19. Dezember 2003 erklärte sich der damalige libysche Staatschef Muammar al-Gaddafi nach einem guten Jahrzehnt Sanktionen und kurz vor Beginn des Irakkrieges in Verhandlungen mit den damals noch von George Bush junior angeführten Amerikanern dazu bereit, mehrere Tonnen Uran aus dem Niger, zahlreiche Zentrifugenkomponenten und alle anderen Materialien aus seinen Programmen zur Entwicklung von ABC-Waffen und ballistischen Waffen herauszunehmen und zu vernichten.

Sieben Jahre später trugen Bushs Nachfolger Barack Obama und dessen Außenminister Hillary Clinton durch ihr militärisches Eingreifen in Libyen maßgeblich dazu bei, dass Gaddafi auf noch etwas grausligere Weise als Saddam Hussein endete: Er wurde von seinen grinsenden Feinden vor laufenden Kameras anal gepfählt (vgl. Die Verlindenstraßung der Weltpolitik).

Danach versank Libyen in ein noch größeres Chaos als der Irak, das indirekt auch Europa destabilisierte. Dieses Beispiel soll die nordkoreanische Gipfeldelegation neuen Medienberichten nach angeführt haben, nachdem ihr die amerikanische Delegation am 28. Februar in der Vietnamesischen Hauptstadt Hanoi ein Dokument überreichte, in dem angeblich gefordert wurde, alle Atomwaffen und Atomwaffenteile den Amerikanern auszuhändigen, alle Nuklearanlagen zu schließen, alle am Atomprogramm beteiligten Wissenschaftler anderweitig zu beschäftigen und das alles von amerikanischen Inspektoren überprüfen zu lassen.

Diese eher ambitionierte Definition einer "Denuklearisierung" sei so weit von den Vorstellungen der nordkoreanischen Delegation entfernt gewesen, dass nicht nur das Treffen abgebrochen, sondern auch ein gemeinsames Mittagessen abgesagt wurde.

Weißes Haus schweigt, US-Außenministerium beruft sich auf Vertraulichkeit der Dokumente

Ob die Medienberichte tatsächlich zutreffen, ist allerdings insofern unklar, als das Weiße Haus bislang keine Stellung dazu nehmen will. Ebenso verhält sich das amerikanische Außenministerium, das auf den vertraulichen Charakter der Papiere verweist, über die man beim Gipfel sprach. Träfen die Berichte zu, dann hätte Trumps Gegenkandidatin Hillary Clinton durch ihr Handeln von 2011 mit dafür gesorgt, dass dem US-Präsidenten eine Abrüstung Nordkoreas im Februar 2019 misslang.

Hat Kim Jong Un tatsächlich Bedenken vor einer Entwicklung wie in Libyen (was nicht fern liegen würde), müssten sich die Amerikaner wohl von der Vorstellung einer freiwilligen Herausgabe des bislang angehäuften Kernwaffenpotenzials in Nordkorea verabschieden und eher eine Begrenzung weiterer Aufrüstung ins Auge fassen. Denn selbst dann, wenn Kim Jong Un Donald Trump persönlich vertraut, kann er sich nicht darauf verlassen, dass dessen Nachfolger nicht so agiert wie Hillary Clinton in Libyen.

Großväterliche Erblast Ideologie

Die Alternative zum Risiko, Gaddafis Schicksal zu erleiden, ist für Kim Jong Un insofern die bessere, als sie nicht ihn selbst trifft, sondern andere Nordkoreaner. Die werden immer wieder von Hungersnöten heimgesucht. Auch aktuell fehlen einem UN-Bericht nach 1,4 Millionen Tonnen Lebensmittel, weil die Ernte im letzten Jahr vor allem wegen großer Trockenheit um etwa eine halbe Million Tonnen Lebensmittel karger ausfiel als 2017. Die Staatsführung verringere deshalb den zustehenden Nahrungsanteil pro Tag und Person von 550 auf 300 Gramm. Das führte dazu, dass 41 Prozent der Nordkoreaner als unterernährt gelten.

Dass sich schlechte Ernten in Nordkorea heute noch so katastrophal auswirken wie in Europa im 19. Jahrhundert, hängt einerseits mit den verhängten Sanktionen, andererseits aber auch mit der von Kim Jong Uns Großvater Kim Il Sung erfundenen Chuch'e-Ideologie zusammen: Der Ideologie entsprechend wurde die Entstehung von Fortschritt durch Arbeitsteilung (auf welche sich sowohl die kapitalistische als auch die sozialistische Welt berief) verworfen, weswegen man dem internationalen Warenaustausch weniger Wichtigkeit beimessen konnte. In den 1990er Jahren fiel zudem der früher wichtige Handel mit den ehemaligen RGW-Staaten weitgehend weg. Um die Autarkie, die in der Chuch'e-Ideologie ganz oben stand, zu wahren, wurden gleichzeitig erhebliche Ressourcen in die Verteidigung gesteckt, wodurch in anderen Bereichen Forschung und Modernisierung zunehmend auf der Strecke blieben.

Das nach dem Koreakrieg mit ähnlichen (wenn nicht sogar schlechteren) Voraussetzungen gestartete Südkorea arbeitete sich währenddessen auf das weltweit elftgrößte Bruttoinlandsprodukt hoch und ist heute mit Unternehmen wie Samsung, LG und Hyundai einer der wichtigsten Technologieexporteure. Mit einer Arbeitslosenquote von 3,6 Prozent gibt es fast ausschließlich Fluktuationsarbeitslosigkeit und faktisch Vollbeschäftigung. Bei der Lebenserwartung liegt das Land mit durchschnittlich 82 Jahren auf Platz elf, die Geburtenrate ist mit 1,17 geborenen Kindern pro Frau die niedrigste der Welt. (Peter Mühlbauer)