Mediengewalt senkt beim Betrachter Aggressionshemmung

Gehirn-Scans haben gezeigt, dass das Betrachten von Filmen mit Gewaltdarstellungen bestimmte neuronale Wirkungen verursacht

Nach einer neuen Studie mit Gehirnscans wird die Theorie bestätigt, dass das Anschauen von Filmen, die Gewalt darstellen, die Aggressionsschwelle senken könnte. Wissenschaftler vom Zentrum für funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRI) an der Columbia University haben herausgefunden, wie sie in ihrem Artikel schreiben, der in der Open Access-Zeitschrift PLoS ONE veröffentlicht wurde, dass beim Betrachten von Gewaltfilmen die Kommunikation zwischen Gehirnarealen kurzfristig blockiert wird, die an der Hemmung von aggressivem Verhalten beteiligt sind.

Einer der für die Studie verwendeten Filmausschnitte (The Basketball Diaries) mit einer Gewaltszene, bei der ein Jugendlicher eine zersplitternde Flasche auf den Kopf eines anderen schlägt

Bislang habe es nur wenige Hinweise darauf gegeben, wie das Gehirn auf mediale Gewaltdarstellungen reagiert, schreiben die Wissenschaftler. Untersucht wurden von diesen die Reaktionen im lateralen orbitofrontalen Kortex, der Kontextinformationen an die Amygdala senden soll, wenn diese Hinweise für eine Bedrohung erhalten hat. Die Hypothese ist, dass Gewalt indizierende Stimuli die Interaktion zwischen den beiden Arealen herabsetzen, so dass die Kontextinformationen nicht mehr die durch die Bedrohung ausgelöste Kaskade von aggressiven Reaktionen blockieren.

Für ihre Studie wurden von 14 Versuchspersonen fMRI-Scans gemacht, während sie in jeder Sitzung nacheinander 24 sehr kurze Ausschnitte in zufälliger Folge mit Gewaltdarstellungen, mit Angst einflößenden und mit neutralen Szenen aus Kinofilmen anschauten. Bei den Gewaltszenen wurde körperliche Gewalt gezeigt, die ein Mensch einem anderen (ohne ablenkende oder unrealistische Elemente) zufügt.

Im rechten lateralen orbitofrontalen Kortex werden Kontextinformationen verarbeitet und an die Amygdala weitergeschickt. Bild: Columbia University Medical Center

Die Versuchspersonen zeigten eine Abnahme der Aktivität (der Reaktionsamplitude) im rechten lateralen orbitofrontalen Kortex und der Interaktion zwischen diesem Areal und der Amygdala, wenn sie eine Gewaltdarstellung sahen, was aber bei den anderen Szenen nicht auftrat. In den für Aufmerksamkeit zuständigen Arealen konnte jedoch bei den unterschiedlichen Szenen kein Unterschied festgestellt werden, auch nicht bei den Blickbewegungen.

Die Versuchspersonen mussten auch den Buss-Perry Aggressions-Fragebogen (BPAQ) ausfüllen, um ihre individuelle Aggressionsbereitschaft zu erfassen. Dabei zeigte sich, dass bei Personen mit einem höheren Aggressionspotenzial bei den Gewaltszenen die Aktivität im rechten lateralen orbitofrontalen Kortex am niedrigsten war, was die Hypothese bestätigt, dass dieser die aggressiven Reaktionen kontrolliert. Die Menschen mit einem geringeren Aggressivitätspotenzial näherten sich umgekehrt bei wiederholten Betrachten von Gewaltszenen immer mehr den Reaktionen von denjenigen mit einem höheren Aggressionspotenzial an. Festgestellt werden konnte auch, dass mit dem Aktivitätsrückgang im orbitofrontalen Kortex beim Anschauen der Gewaltszenen, nicht aber bei den anderen Filmausschnitten, eine Aktivitätssteigerung der supplementären motorischen Areale einherging, die an der Planung und Initiierung von Handlungen beteiligt sind.

Beim Betrachten von Gewaltszenen nimmt die Aktivität des rechten lateralen orbitofrontalen Kortex kontinuierlich ab, bei den anderen Stimuli ergibt sich eine zufällige Verteilung. Bild: Columbia University Medical Center

Die Wissenschaftler folgern aus ihrer Studie, dass selbst eine kurzzeitige Aussetzung an mediale Gewaltdarstellungen bestimmte neuronale Wirkungen auslöst, die mit der Regulierung der reaktiven Aggression zu tun haben. Der Zusammenhang zwischen einer Erhöhung des Aggressionspotenzials mit der Herabsetzung der Aktivität des orbitofrontalen Kortex sei nicht verwunderlich, weil Verhalten im Hinblick auf den Kontext geplant werde, es also in diesem Fall darum geht, die Gefahr zu beurteilen, um eine angemessene Reaktion hervorzubringen. Jedenfalls könnten die beobachteten Wirkungen "Teil eines größeren Mechanismus sein, der die Aussetzung an mediale Gewaltszenen mit der Entstehung oder der erhöhten Wahrscheinlichkeit aggressiven Verhaltens verbindet".

Allerdings ist, wie oft bei den aufwändigen Studien mit Gehirn-Scans, auch hier die Zahl der Versuchspersonen sehr gering gewesen, um differenzierende Aussagen wirklich machen zu können. Die Wirkung auf die Gehirnareale ist zudem nur kurzfristig festgestellt worden, die Frage ist auch, ob durch die kurzfristige Blockierung der Kommunikation zwischen den beiden Arealen tatsächlich das Aggressionspotenzial steigt – und dies vor allem langfristig geschieht. Ein – obzwar nicht überraschendes – Nebenergebnis der Studie ist, dass Menschen, die zur Aggressivität neigen, weniger auf bestätigende oder korrigierende Zeichen aus der Umwelt achten, sondern schneller bei bestimmten Reizen losschlagen, weil die Bremse nicht funktioniert.

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