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Medienhype um die Klinikstudie der Bertelsmann-Stiftung

Bild: INTERRAILS/CC BY-SA-4.0

Ein Beleg für versteckten Lobbyismus und die Blindheit der Medien

Es ist schon sehr interessant. Da macht eine der bekanntesten Stiftungen Deutschlands eine Studie zu der Krankenhausversorgung in Deutschland [1] und kommt zu dem Schluss, dass viele Kliniken geschlossen werden sollten. Der Gründer und Finanzier dieser "Stiftung" ist der Bertelsmann Konzern, der durch diese Stiftung viele Steuern sparen und gleichzeitig riesigen Einfluss auf die Politik nehmen kann. Eine Win-Win-Situation also für den Konzern.

Auffällig an der Krankenhausgeschichte, die gestern und heute auf allen Medienkanälen läuft, ist aber vor allem - wie so oft -, was nicht berichtet wird: Dass nämlich Dr. Brigitte Mohn nicht nur im Vorstand der Bertelsmann Stiftung sitzt, sondern zugleich Mitglied des Aufsichtsrats der Rhön-Privatkliniken AG ist, eine Aktiengesellschaft also, die ein direktes finanzielles Interesse an der Schließung öffentlicher Krankenhäuser haben könnte. Schon jetzt gehört die Rhön Kliniken AG zu den großen Playern in Deutschland und erwirtschaftete 2018 einen Gewinn von rund 51,2 Millionen Euro, fast 40 Prozent mehr als im Jahr zuvor.

Wenn es womöglich bald zu wenige öffentliche Krankenhäuser gibt, dann können sicherlich ein paar großherzige private Helfer wie die Rhön Kliniken in der Not einspringen …

Offensichtlich unterschlägt die Bertelsmann Stiftung in ihrer Studie, dass es bei Krankenhäusern nicht in erster Linie ums Geschäft geht, sondern um die kranken Menschen samt ihrer Angehörigen. Und die bevorzugen wohnortnahe Kliniken, die ausreichend finanziert und personell gut ausgestattet sind.

Früher haben, wenn beispielsweise der Philipp-Morris-Konzern eine neue "wissenschaftliche" Studie zur Ungefährlichkeit des Rauchens veröffentlichte, alle ernstzunehmenden Medien eben diese "Wissenschaftlichkeit" angezweifelt und auf den Urheber der Studie verwiesen. Somit war allen Rezipienten klar: Die Ergebnisse der Studie könnten parteiisch sein und man sollte sie dementsprechend einordnen: Lobbyismus und Propaganda.

Nun fragt man sich, wo im Zusammenhang mit der Studie der Bertelsmann-Stiftung ein solch angemessener Umgang in den Medien herrscht? Fehlanzeige. Alle beten die Inhalte nach und jeder kennt die defizitären Krankenhäuser. Warum diese defizitär sind und dass die neoliberale Umstellung auf Fallpauschalen vor 15 Jahren der Kardinalfehler war, das interessiert Niemanden.

Die wohnortnahe öffentliche Gesundheitsversorgung gehört zur öffentlichen Daseinsvorsorge. Und daher ist es falsch, ca. 1000 Krankenhäuser zu schließen. Bei Krankenhäusern darf nicht die reine Wirtschaftlichkeit der Maßstab sein, sondern der Mensch und seine Gesundheit muss im Vordergrund stehen.




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http://www.heise.de/-4471732

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/themen/aktuelle-meldungen/2019/juli/eine-bessere-versorgung-ist-nur-mit-halb-so-vielen-kliniken-moeglich/