Medienstadt München

Arbeiten und Leben in der New-Media-Branche - Vorstellung eines Forschungsprojekts

Die Forschungsgruppe vom Seminar für Sozialgeographie an der Ludwig-Maximilians-Universität München beschäftigt sich im Rahmen einer Studienarbeit zum Thema Medienstandort München mit Selbständigen und Freien Mitarbeitern in der New-Media-Branche in der Region München sowie mit den wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen, die diese relativ neuen Beschäftigungsformen für die Betroffenen mit sich bringen. Unterstützt werden wir dabei von der Landeshauptstadt München, Referat für Arbeit und Wirtschaft, und dem Förderkreis IT- und Medien-Wirtschaft München e.V. (FIWM).

Wir verfolgen mit unserer Forschung zwei Ziele: Einerseits eine gezielte Untersuchung der Veränderungen der räumlichen und zeitlichen Alltagsorganisation der Medienschaffenden, andererseits eine Analyse des Prozesses der Entstehung und Pflege von Netzwerken und der Bedeutung von Beziehungen auf dem New-Media-Arbeitsmarkt. Aus diesem Grund haben wir uns in zwei Untergruppen geteilt, die die beiden Themen bearbeiten.

Veränderungen der räumlichen und zeitlichen Alltagsorganisation

Die Firmen der Multimedia-Branche werden immer wieder als die Avantgarde von Unternehmen mit neuen Arbeitsformen und flexiblen Organisationsformen dargestellt.

Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung mit dem Titel "Chancen und Risiken in neuen Arbeitsfeldern der Informationsgesellschaft: Das Beispiel der Multimedia-Branche", die seit Dezember 2001 an der Technischen Universität Hamburg-Harburg unter Leitung von Prof. Dr. Dieter Läpple durchgeführt wird. Ausgehend von Theorien und Untersuchungsergebnissen, die zu dieser Aussage führten, wollen wir untersuchen, inwieweit diese Flexibilisierung bei Selbständigen in der New-Media-Branche in der Region München zu Veränderungen ihrer Alltagsorganisation führt.

Die angesprochene Flexibilisierung in der Arbeitsweise wird durch neue Entwicklungen in der Informations- und Kommunikations-Technologien technisch erst ermöglicht. Fraglich ist, inwieweit diese Möglichkeiten in den bisherigen Arbeitsalltag einzubinden sind und wie hoch die Akzeptanz hierfür bei den Betroffenen ist. Mit der Trennung von räumlichen Bindungen geht auch eine Lockerung der Arbeitszeiten einher. Auf diese Weise kommt es zu Überschneidungen und zur Verschmelzung von Arbeiten und Leben.

Der Umstand, der Selbständige für unsere Untersuchung als geeigneter erscheinen lässt als Festangestellte, ergibt sich aus der Beschäftigung auf Auftragsbasis. Eine genauere Differenzierung in Arbeitskraftunternehmer, die als Ein-Personen-Dienstleister auftreten und ihre Projekte alleine oder in Zusammenarbeit mit anderen Ein-Personen-Dienstleistern bearbeiten (meist organisiert in freelancer-Netzwerken), Freie Mitarbeiter, die auf selbständiger Basis für wechselnde Auftraggeber arbeiten, und sogenannte "Feste Freie", die zwar als selbständige Unternehmer auftreten, aber bei einem festen Arbeitgeber beschäftigt sind, erscheint sinnvoll, um Unterschiede hinsichtlich der gewählten Beschäftigungsform in den gewonnenen Ergebnissen herauszuarbeiten.

Konkrete Zielsetzung unserer Forschungsarbeit ist die Beantwortung der Fragen, wie, wann und wo in der New-Media-Branche tätige Selbständige arbeiten bzw. ihren privaten Interessen nachgehen, ob sie die Möglichkeit haben, Arbeit und "Nicht-Arbeit" zu trennen, sowohl zeitlich als auch räumlich, ob sie dies tun, und welche Auswirkungen dies auf ihre Alltagsorganisation hat. Zudem soll untersucht werden, welche Chancen und Risiken sich aus den o.g. Prozessen auf die alltägliche Lebensführung ergeben, in beruflicher wie auch in privater Hinsicht.

Entstehung und Pflege von Netzwerken und der Bedeutung von Beziehungen

Nach Aussagen eines DIW-Wochenberichtes vom September 2002 mit dem Titel "Arbeitsvermittlung durch das Arbeitsamt: Reform des Berichtssystems dringend erforderlich", haben nur etwa ein Viertel ehemals Arbeitsloser über das Arbeitsamt von ihrem neuen Arbeitsplatz gehört. Der Wechsel des Arbeitgebers erfolgt demzufolge entweder auf formellen Wegen, wie z.B. öffentlichen und privaten Arbeitsvermittlungen, dem Stellenmarkt in Zeitungen oder Fachzeitschriften und Jobbörsen im Internet, oder auf informellen Wegen durch Kontakte, also Kundenbeziehungen, Geschäfts- oder Mitarbeiterkontakte, und über Netzwerke im sozialen Umfeld.

Bezogen auf die Medienbranche stellen wir uns die Frage, wie hier der Arbeitsmarkt funktioniert. In dieser Branche sind viele Freie Mitarbeiter tätig, die laufend an neue Aufträge kommen müssen, was sich durch die derzeitige Krise der Medienbranche mit Sicherheit schwieriger gestaltet als früher. Daher wollen wir untersuchen, wie diese Personen an ihre Aufträge kommen. Das heißt, welche Möglichkeiten es dazu gibt, welche Rolle Agenturen, Online-Jobbörsen und die sog. "connections" spielen. Dabei interessiert uns insbesondere die Bedeutung von Face-to-face-Kontakten.

In Netzwerktheorien aus der Wirtschaftsgeographie und Soziologie stellt sich die Frage, inwieweit soziale Beziehungen, sei es privater oder geschäftlicher Natur, auf dem Arbeitsmarkt der Freien Mitarbeiter im Medienbereich eine Rolle spielen. Daran ist für uns insbesondere interessant, wie diese Beziehungen zustande kommen und gestaltet werden, sowie die Art und Weise des Informationsflusses zwischen den beteiligten Personen. Unsere Grundannahme ist, dass gerade bei den "Freien" der New-Media-Branche Beziehungen sehr wichtig sind, um regelmäßig an neue Aufträge zu kommen. Zudem gehen wir davon aus, dass in Krisenzeiten solche Beziehungen auf dem Arbeitsmarkt noch an Bedeutung zunehmen.

Drei-phasiger Forschungsprozess

Als ersten Schritt haben wir einen Online-Fragebogen entwickelt, der, in Themenkomplexe gegliedert, bestimmte thematisch relevante Variablen abfragt.

Zunächst soll eine Bestätigung der Hypothese, dass es in der New-Media-Branche zu einer Vermischung von Arbeiten und Leben kommt, eingeholt werden. So fragen wir z.B. nach Arbeitszeiten (v.a. Tageszeiten) und Arbeitsorten. Dabei differenzieren wir Arbeit in bezahlte Auftragsarbeit, unternehmensbezogene Arbeit (darunter verstehen wir die Zeit, die für Steuererklärung, Weiterbildung u.ä. aufgewendet wird) und Zeit für die Auftragsakquise. Des weiteren fragen wir nach Art und Umfang von Freizeit, nach der Dauer der Selbständigkeit, sowie nach dem Hauptgrund, der zum Schritt in die Selbständigkeit geführt hat. Ebenso interessieren uns eventuelle weitere Beschäftigungsverhältnisse und der Anteil der selbständigen Arbeit am Gesamteinkommen als Indikatoren für die finanzielle Situation der Selbständigen und daraus u.U. entstehender Mehrbelastung. Zudem soll mithilfe von verschiedenen Statements ein erster Überblick über Art und Umfang der Verschmelzung von Arbeiten und Leben gewonnen werden.

Zudem wollen wir abfragen, welche Möglichkeiten es für Selbständige gibt, an Aufträge zu kommen, welche davon am häufigsten verwendet werden und wann und wo dies geschieht. Speziell wollen wir herausfinden, welche Bedeutung auf dem Arbeitsmarkt der New-Media-Branche die sog. "connections" spielen. Außerdem untersuchen wir die Art und Weise, wie Auftraggeber und Auftragnehmer in Kontakt stehen, um daraus auf die Bedeutung von Face-to-face-Kontakten zu schließen. Ein weiterer Punkt, den wir behandeln, ist, welche Auswirkungen die Krise der Medienbranche der letzten Zeit auf den Arbeitsmarkt der Freien Mitarbeiter hatte.

Der Fragebogen kann prinzipiell anonym bearbeitet werden, es besteht aber die Möglichkeit, sich im Anschluss an die Befragung zu einer weitergehenden Befragung bereit zu erklären.

In der zweiten Phase findet dann eine Reihe von persönlichen Einzelgesprächen mit Teilnehmern des Fragebogens statt, die sich mit einer Befragung einverstanden erklärt haben. Hier soll anhand von Einzelfällen konkreter untersucht werden, ob und in welcher Art die angesprochene Vermischung stattfindet und in welchem Ausmaß dies geschieht.

Außerdem soll so eine vertiefende Analyse von Einzelfällen einiger Freier Mitarbeiter hinsichtlich des Ablaufs der Auftragsbeschaffung stattfinden. Hierbei gehen wir speziell noch einmal auf die sog. "connections" ein, d.h. wie solche Beziehungen zustande kommen, welcher Art sie sind und wie sie gepflegt werden. Zusätzlich wollen wir den Stellenwert des symbolischen Kapitals bestimmter Personen und dessen Auswirkung auf die Auftragsakquise erforschen.

Schließlich sollen in diesen Interviews auch Strategien erfragt werden, wie nach Meinung der Selbständigen mit der Vermischung im Alltag und der Veränderung in der Art der Auftragsakquise umzugehen sei. Dieser Ausblick stellt die dritte Phase des Forschungsprozesses dar.

Kontakt:

Pressekontakt Gesamtprojekt "Medienstadt München - Leben und Arbeiten in der New-Media-Branche" und technische Betreuung Online-Fragebogen: Konstantin Greger (0170 / 816 76 66)

Themengruppe "Veränderungen der räumlichen und zeitlichen Alltagsorganisation": Utta Dengler, Joanna Pena.

Themengruppe "Entstehung und Pflege von Netzwerken und der Bedeutung von Beziehungen": Anna Canins, johannes.hoch@medien-fragebogen.de, Christian Steidl. (Konstantin Greger)

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