Medienwirksam unsichtbar werden

Die US-Armee bestückt ihre Soldaten mit neuen "Digital Camouflage"-Kampfanzügen

Was macht die neue ACU (Army Combat Uniform) tauglicher als ihre Vorgängermodelle? Das neue Camouflage-Pattern, das bis Ende des Monats alle Soldaten der US-Armee tarnen soll, wirkt immerhin als Strategie psychologischer Kriegsführung im (Dis-) Informationskrieg: Es suggeriert Modernität und versucht sich in subtiler Sympathielenkung.

Im ersten Golfkrieg sah man nicht viel mehr als Leuchtspurprojektile, die glühende Bahnen durch die irakische Dunkelheit schossen. Der restriktive Umgang mit der Öffentlichkeit wurde damals zu Recht kritisiert. Im Zeitalter des "Embedded Journalism" hat der Zuschauer beinahe den Eindruck, mit den Soldaten durch den von Kettenfahrzeugen aufgewirbelten Staub zu stürmen. Doch zahllose Beispiele belegen, wie Zensurmaßnahmen auch hier greifen. Bilder, die der Öffentlichkeit scheinbar freimütig präsentiert werden, laufen tatsächlich durch einen engmaschigen Filter.

"Army in Action!" US-Soldaten der 1st Cavalry Division im Juni 2007 auf Patrouille. Bild: Army

Über die Öffentlichkeitswirksamkeit des Soldatenoutfits hat der Führungsstab der US-Armee offensichtlich auch nachgedacht. Die Uniformen werden das verpixelte Tarnmuster zeigen, das bereits jetzt die Kluft der Marineinfanterie-Einheiten ziert. Bereits 2004 präsentierte die Armee offiziell die neue ACU (Army Combat Uniform). Die Tarnanzüge waren seit Oktober 2003 von Stryker-Brigaden im Irak getestet worden. Das MARPAT (Marine Pattern Camouflage) ist eine Adaption des CADPAT (Canadian Disruptive Pattern) der kanadischen Armee. Dessen Entwicklung wurde bereits 1988 begonnen, das Muster ist bei den Kanadiern seit 1997 offizieller Standard.

Kanada war allerdings nicht Erstentwickler eines verpixelten Tarnmusters, sondern zweiter. So jedenfalls stellt es Guy Cramer dar, der sich selbst als Drittplatzierten erwähnt. Er erwarb im Jahre 1999 ein Copyright für sein Pixelpat-Muster. Die ersten Soldaten, die sich digital aufgerastert tarnten, rekrutierten sich aus dem US-amerikanischen 2nd. Armored Cavalry Regiment, das zwischen 1978 und den frühen 80er Jahren in Europa stationiert war. Heute sind bereits neben den US-Marines auch die finnische Armee, die chinesische Marineinfanterie und die Soldaten des Königreichs Jordanien in verpixelte Kampfanzüge gehüllt. Doch, was macht digitale Pattern so interessant für die Armee?

Laut Cramer ist die Verpixelung ein Schlüsselelement für die Effektivität der Tarnung. Das Redesign der Uniform war also keineswegs eine rein kosmetische Operation. Lieutnant Colonel Timothy O’Neill zufolge weisen Studien nach, dass ein digitalisiertes Muster das Aufspüren von Soldaten im Vergleich zu nicht gerasterten um bis zu 50 % erschwert.

Ausschlaggebend für die Entscheidung, nun ganze Kompanien zu verpixeln, mag aber darüber hinaus die Tatsache gewesen sein, dass die Soldaten im Fokus des internationalen Interesses stehen. In einem modernen, nicht zuletzt durch mediale Maßnahmen geführten Informationskrieg will folglich nicht allein das Unsichtbarwerden der Soldaten bedacht werden, sondern zugleich auch die Medienwirksamkeit der Kämpfer.

Die Soldaten werden auch bald das feuerfeste, antimikrobielle Army Combat Shirt im Camouflage-Stil der ACU erhalten. Bild: Army

Tarnuniformen und Computerspiele

Es sei daran erinnert, dass die US-Armee seit Juli 2002 das Online-Game America’s Army als kostengünstiges Rekrutierungstool einsetzt. Aufgrund der Performance der von der US-Regierung bereitgestellten Server und des technischen Unterbaus, der Unreal Engine, die auch in dem Online-Taktik-Shooter Counterstrike Verwendung findet, ist es zu einem der beliebtesten Online-Spektakel avanciert. America’s Army, eine Mischung aus teambasiertem Taktik- und Ego-Shooter, versetzt die Spieler an detailgetreu nachgebildete Kriegsschauplätze, auf denen die US-Armee auch tatsächlich operiert.

Bei dem Spiel fiel auf, dass der Spieler gezwungen wurde, stets die amerikanischen Streitkräfte, niemals aber deren Gegner, zu spielen. Die Uniformen, M-16-Sturmgewehre und Ausrüstungsgegenstände der Army werden hoch auflösend bis in alle Einzelheiten dargestellt. Die „OpFor“ („Opposing Forces“), die gegnerischen Streitkräfte, die auch als „Terroristen“ oder „Aufständische“ bezeichnet wurden, halten dementsprechend etwa russische Kalashnikov-Automatikwaffen in Händen.

Nach dem Ende der Spielsession scheint immerzu die Adresse auf, an die sich der Spieler zu wenden hat, will er sich für den Dienst an der Waffe verpflichten. Tatsächlich läutete das Spiel eine Trendwende ein, behaupteten doch 19 Prozent der Neulinge des Jahrgangs 2003 in der Militärakademie in West Point, America’s Army gespielt zu haben (Erfolg beim Rekrutieren). Selbst wenn das Erschießen virtueller Gegner letztlich nicht in eine Karriere bei der Armee mündete, so erreicht das Spiel sicherlich, dem Soldatsein positive Attribute beizuordnen und tatsächliche Kriegsschauplätze in eine relativ harmlose Gestalt einzukleiden – schließlich entfährt dem Gegner nur eine kleine rote Wolke, wenn er tödlich verwundet zu Boden fällt. Vor dem Hintergrund, dass hier reale Kriegsschauplätze verzerrend illustriert werden, lassen sich derartige Effekte als Strategien psychologischer Kriegsführung ansehen.

Digitales Muster. Bild: Army

Die Einführung eines digitalen Tarnmusters auf den Uniformen fügt nun seinen Beitrag hinzu: Es vermengt die Sphäre handfester kriegerischer Auseinandersetzung mit der Ästhetik der Shooter, die Freizeitbeschäftigung zahlloser Jugendlicher sind. Attribute von Spiel, Abenteuer und Spannung sollen sich offenbar an den Soldaten anlagern. Überdeckt wird nicht zuletzt die Verletzlichkeit und Sterblichkeit der Person in Tarnuniform. Die Identifikationsfiguren von Shootergames sind schließlich unzerstörbar, verfügen sie doch über immer neue Leben, auch wenn sie zum x-ten Mal niedergestreckt wurden. Der Protagonismus und die Unverwundbarkeit von verpixelten Kämpfergestalten sollen sich anscheinend auf die US-Armee übertragen. Die digitale Ästhetik soll gegenüber konventionell gekleideten Soldaten eine überlegene Modernität zur Schau stellen.

Letztere erscheint allerdings fraglich: Die immer höher auflösende grafische Oberfläche der Shooterspiele wird das Tarnmuster künftiger Spielfiguren wohl fotorealistisch abbilden können, bis hin zur Darstellung der Textilgewebestruktur. Solch ein täuschender Illusionismus lässt verpixelte Uniformen alt aussehen. Von dieser Warte aus betrachtet wäre konventionelles Flecktarn sichtlich fortschrittlicher als die digitale Pixelästhetik.

- 1 - (Bernd Schon)

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