Medienwissenschaft statt Philosophie?

Die medienwissenschaftliche Revolution in Deutschland entlässt ihre Meisterschüler

Wissen fällt nicht vom Himmel, es lagert in Gedächtnissen, Archiven, Datenspeichern. Bevor es aufbewahrt, abgerufen und zu neuem Wissen verarbeitet wird, muss es gesammelt, geprüft und aufgezeichnet werden. Dies verrichten im Allgemeinen Medien, „weiche“ wie Steine, Stifte, Bücher, und „harte“ wie Kameras, Festplatten, Datenbanken. Medien speichern und transportieren aber nicht nur Wissen, sie prozessieren und verkörpern es auch. Nach welchen Regeln und Verfahren sie das tun, welche Rolle sie bei der Datenerhebung und Nachrichtenübermittlung spielen und wie nachhaltig sie Wahrnehmung und Kultur prägen und verändern, ist Gegenstand einer medienwissenschaftlichen Disziplin, die Mitte der 1980er beginnt und inzwischen auf eine über zwanzigjährige Forschung zurückblicken kann.

Intelligo, ut credam

Paul Abälard

Martin Heidegger, auf den ihre Geschichte letztlich fußt, hat gezeigt, dass die Dinge, denen wir vermeintlich frei gegenüber treten, erst durch Medientechniken zu Objekten verarbeitet werden. „Die Technik“, schreibt er, „ist nicht bloß ein Mittel. Die Technik ist eine Weise des Entbergens.“ Ihr kommt mithin ein Primat vor den Dingen und Ereignissen zu. Michel Foucault, der sich in dieser Tradition verortet („Mein ganzes philosophisches Werden wurde durch meine Heidegger-Lektüre bestimmt“), hat Ähnliches über ‚den’ Menschen behauptet. Auch er ist nicht frei, wenn er sich die Dinge zuhanden macht, sondern Ejakulat bestimmter Techniken, Konzepte und Programme.

Auf diese Weise sind Institutionen (Gefängnisse, Asyle, Narrenhäuser …) und Diskurse (Disziplinierung, Sexualisierung, Individualisierung …) zu bevorzugten Gebieten seines „bösen“ Blickes geworden. Vor jenen „diskursiven Handgreiflichkeiten“ aber, die dies „entbergen“, vor Technologien und Medien, hat er aber haltgemacht. Und damit auch vor jener „Welt der Diskurse“, die aus Geräuschen, Farben und Zahlenkolonnen bestehen. Diskursanalyse, so wie sie Foucault auf die Geschichte des Wissens und ihrer Produktion anwendet, hört auf, wo das Buch sein Wissensmonopol verliert und die lichtschnelle Verpackung der Wissenskanäle der Gutenberg-Galaxis ihre Monopolstellung raubt.

Dies gilt mitnichten für jene Wissenschaft der Medien, die sich auf ihn beruft. Sie setzt genau dort ein, wovor die Diskursanalyse die Augen verschließt: bei unlesbaren Zahlenreihen, die zwischen vernetzten Computern zirkulieren; bei Schaltplänen, die hinter tief gestaffelten Benutzeroberflächen verborgen bleiben; bei Informationsströmen, die dem Zugriff des untrusted user entzogen bleiben. Gewiss sind der Beobachtung dabei strenge Grenzen gesetzt, zumal sich diese Diskurse weit unter- bzw. oberhalb menschlicher Wahrnehmung vollziehen. Unsagbares, Unsichtbares und Unhörbares können nur Computer „lesen“, nicht aber Menschenaugen und Menschenohren. Während Maschinen Wellen, Flüsse und Ströme des Realen aufzeichnen und zustellen, müssen sie sich mit dem Output der Maschinen vergnügen. Dafür haben Menschen aber etwas, was Maschinen nicht haben, Einbildungskraft. Sie muss seitdem jenes Loch stopfen, das menschliche Beobachtung nicht schließen kann.

So kommt es, dass auch ein wachsender Maschinenpark der ständigen Zuarbeitung des Users bedürfen wird. Ein Formel-Eins Bolide gewinnt beispielsweise nur dann Rennen, wenn der Fahrer vorher optimal auf ihn abgestimmt wird und er auch das Innenleben der Rennmaschine „versteht“. Menschen, heißen erstes Dogma und Fazit der Diskurs- und Medienwissenschaft, sind Anhängsel der Maschinen. Im Feedback ihrer Endlosschleifen werden sie zur Funktion ihrer Technik.

Erbschaft der Moderne

Völlig neu ist das zunächst nicht. Auch Rechenmaschinen schreiben im Prinzip nur fort, was laut Foucault schon für das Zeitalter der Literatur gilt. Wo Sprache nicht mehr „Haus des Seins“ ist, Dinge und Zeichen sich dem menschlichen Erkennen entziehen und das Intelligible sich vom Augenschein abtrennt, fallen auch alle Gewissheiten und Referenzen, auf die sich die Moderne einst verständigt hat: Bewusstsein, Sprache, Geschichte. Das Ende der determinierten Welt, die der allwissende Dämon von Laplace noch beobachtet, wird Einfallstor einer neuen Welt, die kontingente Daten nicht mehr durch stetige Funktionen und kontinuierlich verlaufende Kurven anschreiben kann. Ihr Schicksal obliegt nicht mehr pflichtbewussten Beamten, die penibel alles notieren und protokollieren, sondern komplexen, lichtschnellen Schaltungen, die nur noch Nullen oder Einsen kennen und Ja oder Nein sagen. Mediale Operatoren leiten den fundamentalen Wandel der Moderne ein und vollziehen den epistemologischen Bruch in der Wissensproduktion. Erst dieser „Riss einer im Denken der Repräsentation verwurzelten Ordnung der Schrift“, schreibt etwa Bernhard Siegert, setzt „die Passage des Digitalen frei und eröffnet den Raum der technischen Medien“, in dem Menschen „Funktion signalverarbeitender Instrumente“ werden.

Damit scheinen auch erstmals und vorerst Erbschaft und Nachfolge geklärt, die seit Ausbruch der „Krise der Repräsentation“ vakant geblieben sind. Auf den „leeren Platz“ des Königs drängen Rechenmaschinen, die dem Menschen nach und nach die Weltherrschaft aus der Hand nehmen. Bis es allerdings so weit ist, die Operatoren sich von ihren Erfindern gelöst haben und Maschinen sich die Welt untertan machen, bleibt dem vormaligen Weltenherrscher aber die Möglichkeit, sein Abdanken wortreich zu bezeugen.

Orakelnde Wissenschaft

Die Postmoderne legt davon ein beredtes Zeugnis ab. Sie fantasiert das Ende ‚des’ Menschen, ‚der’ Vernunft, ‚der’ Geschichte und revitalisiert ganz nebenbei die Welt der Orakel. Diesen Pfad, den Nietzsches Zarathustras einst beschritten hat und den postmoderne Epigonen seither anpreisen, hat Foucault jedoch stets dementiert und für sich abgelehnt. Aufklärung in Mythologie umschlagen zu lassen, und die Welt zur Fabel zu machen, war weder sein Metier noch nach seinem Geschmack. Und die Medienwissenschaft scheint ihm da in gewisser Weise zu folgen.

Zwar greift auch sie mitunter auf Mythen zurück und liefert „Erzählungen, wie es dazu kam, was in keinem Buch mehr steht“. Nicht selten starten Studien über das Tanztheater, Europa oder Navigationssysteme darum mit Ausflügen in die Welt Sagen umwobener Figuren und Gestalten. Friedrich Kittler (Rock Me, Aphrodite) wandelt, vergrätzt über die stupide Arbeit mancher Schüler und Enkel, gar auf den Spuren Homers. Er flüchtet in jene Zeit, wo Götter sich noch mit Menschen paaren, Titanen geboren werden und die abendländische Kultur aus dem Mix von Erotik, Musik und Zahlen hervorgeht. Sein Weg führt mittlerweile zurück in jene griechische Offenheit, die erst von der römischen Rechts- und Wahrheitsmetaphysik, später vom „Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation“ und schließlich von der anglo-amerikanischen Freiheitsmystik verschlossen wurde.

Kittlers Meisterschüler begegnen dem eher mit Skepsis, Verwunderung und zuweilen auch mit Widerstand. Statt Mimesis bevorzugen sie technische Simulationen, und statt die Geschichte der Medien als Seinsgeschichte zu präsentieren, reihen sie sich bewusst in die Tradition neuzeitlicher „Seinsvergessenheit“ ein, die Derrida später zeichentheoretisch in ein gespenstisch oszillierendes On/Off-Spiel von Textsinn umgedeutet hat. Ziel von Kittlers Meisterschüler ist es, das diskursiv-historische Apriori Foucaults mit dem historisch-technischen Apriori Kittlers zu vermitteln und es schließlich zu überbieten.

Geschicke der Schrift

Das Feld, auf dem das erprobt wird, ist die Wissenschaftsgeschichte. In Passage des Digitalen rollt Bernhard Siegert, zum Beispiel die Geschichte der Mathematik neu auf. Er liest Foucault gegen den Strich und stellt ihn, ganz nebenbei, vom Kopf auf die Füße. Denn um die Moderne aus einem Meer von Graphen, Kurven und Diagrammen neu entstehen zu lassen, erhebt der Weimarer Medienwissenschaftler den mathematischen Diskurs zum Paradigma der Diskurs- bzw. Medienarchäologie. Für ihn ist er folglich nicht irgendein Diskurs, sondern ein begründender, der andere Diskurse und Gestelle erst hervorbringt. Was die Mathematik zum Machtdiskurs prädestiniert, ist ihr hoher Formalisierungsgrad.

Damit stellt sich Siegert explizit gegen Foucault. Dieser hat zwar ihren „Modellcharakter“ sowie die „formale Strenge und Beweisführung“ als beispielhaft für die meisten wissenschaftlichen Diskurse gelobt, im Formalisierungsgrad aber geradezu „ein schlechtes Beispiel“ für das „wirkliche Werden der Wissenschaften“ erkannt, das der Historiker beschreibt. Nähme man, so Foucault in Archäologie des Wissens, die Mathematik „als Prototyp für das Entstehen und Werden aller anderen Wissenschaften“, würde man damit „alle besonderen Formen der Geschichtlichkeit homogenisieren“, alle historischen „Schwellen, die diskursive Praxen überschreiten“, auf einen „einzigen Schnitt reduzieren“ und dadurch „die Problematik des Ursprungs“ erneut evozieren.

Wie immer man Status und Rolle der Mathematik im Diskurs der Moderne beurteilen wird, deutlich wird, dass für Siegert das „Take-Off der Operatoren“ durch Diskursformationen initiiert wird, von denen der universelle Formalismus der Mathematik augenscheinlich der die Neuzeit begründende und sie überschreitende ist. Ihre Geschichte von anderen historischen Verhältnissen zu lösen, geht aber nur, wenn man die Moderne als Epoche der Signale und der Post liest, als endlose Verkettung von Plus und Minus, Null und Eins, Negativ und Positiv, und sie damit nur noch vordergründig, aber nicht mehr explizit, an die Materialität technischer Dispositive als das historische Apriori epistemologischer Brüche rückbindet.

Fehlen aber Vererdung und materielles Substrat, in das sich Wörter und Zeichen abbilden, einschreiben und verkörpern, werden sie ins Belieben und freie Erfinden des menschlichen Geistes gestellt. Im unendlichen Spiel von On und Off, von Fort und Da, von Elektrizität und Magnetismus lugt Platon feixend und lachend sich auf die Schenkel klopfend hinter Kaskaden von Simulakren und ihren Simulationen hervor.

Real-maschinelle Medialität

Bernhard Dotzler hat Ähnliches im Sinn. Auch er erzählt eine Geschichte, die Vorgeschichte der Kybernetik, schlägt aber eine andere Richtung als Siegert ein. Vom reinen Spiel oppositioneller Operatoren, das der Dekonstruktivismus vorgibt, hält er nicht viel. Und von „grammatologischen“ Aussagen à la ‚Siegert: „Die technischen Medien sind gegründet im Entzug des Grundes“, ebenso wenig. Im Grunde bleibt er dem „klassischen Denken“ treu, er argumentiert erkenntnistheoretisch und damit philosophisch.

In Diskurs und Medium wendet der Regensburger Medienwissenschaftler sich strikt gegen alle Versuche, „Zeichenregime […] diagrammatisch zur ‚abstrakten Maschine’ gerinnen“ zu lassen. In kybernetischen Maschinen verkörpert sich handfestes Wissen, sie sind laut Warren McCulloch „Embodiments of Mind“. Gerade die heutigen Life Sciences, aber auch die schönen neuen Welten des Cyberspace sind deutliche Beweise, wie anonym oder versteckt das kybernetische Wissen inzwischen die Welt regiert.

Will man die von Computern prägende und die von ihnen geprägte Kultur studieren, wird man auf einen harten Begriff von „Verkörperung“ kaum verzichten können. Nur wenn man den Materiebegriff nicht eskamotiert, die Wechselseitigkeit von Wissen und Technik, Diskurs und Medium bedenkt, lässt sich zeigen, wie Zeichen, Symbolsprachen und Maschinen „real-maschinelle Medialität“ erlangen und mittels einer allgemeinen Schaltungstechnik befähigt werden, nach und nach „mit ihren eigenen Flügeln zu fliegen.“

Um das zu demonstrieren, führt Dotzler den Leser durch die diskursiven Praktiken Kants, Babbages und Turings, konfrontiert Rand- oder Einzelereignisse mit einschneidenden Wegmarken und Entdeckungen, bis aus der einen Praktik die andere erwächst oder aus Jacquards Webstühlen und Holleriths Lochkarten die Anfänge des Fernsehens und des Starkults hervorgehen.

Auf dem Thron

Das Programm, das die zufällige und scheinbar blinde Abfolge unterschiedlichster Diskurse und Wissenskonfigurationen eint, liefert der „Transzendentalismus“. Indem er den Substanz- vom Funktionsbegriff trennt, menschliches Erkennen als bloße Datenverarbeitung begreift, bereitet er nach und nach das Feld und den Boden für eine neue „Ordnung der Dinge“. Erst die „Revolution dieser Denkart“ macht die Papiermaschinen von Babbage, den Menschen als neues Objekt des Wissens und die Turingmaschine möglich. Während sich die Kybernetik eng an Modellen der Mathematik orientiert, klammert sich die Kritik der reinen Vernunft an Strukturen der Mathematik und des physikalischen Wissens.

Deren Unterschiede, Grenzen und Brüche erschließen sich jedoch erst, wenn man sie mit archäologischen Verfahren traktiert und Diskursanalyse als eine Art kollektives Gedächtnis für Nachrichtentechnik und Maschinenlogik versteht. Wer sich ihrer bedient, nach Herkunft und Ursprung jener Wissensformationen fragt, die sich in Apparaturen und Medien abbilden, wird Beziehungen und Strukturverwandtschaften aufdecken, die „Transzendentalismus“ und „Kybernetik“ verwischen. Beispielsweise die „Verselbstständigung der Operatoren“, die es ohne Papier, Buch und Literatur so gar nicht geben würde. Oder auch die Erfahrung, dass auch Programme und Codes ein Stück weit Literatur sind. Sie haben häufig einen eigenen Stil, sind eleganter, ästhetisch gelungener als andere und kulturell geprägt. Wer Software nutzt, erwirbt wohlweislich auch eine bestimmte Kultur. Darum schotten Staaten wie der Iran, Myanmar oder China sich auch von den Segnungen und Glücksversprechen des Netzes ab und kontrollieren die Zugänge.

Andererseits: Konfrontiert man die Diskursanalyse mit der kybernetisch-algorithmischen Wissensform, stößt man sehr rasch an ihre Grenzen. Zwischen ihr und dem Zeitalter der Nachrichtentechnik liegen Welten. „Die elektrische Welt verhält sich zur alphabetischen, wie die alphabetische zur analphabetischen Welt“, schreibt Dotzler. Die Turingmaschine setzt nicht nur klassische Dispositionen außer Kraft, Autorschaft, Heldenmotiv, Narzissmus und löst Denk- und Rechenoperationen in Elementaroperationen auf, das Ende der Schriftepoche markiert auch den Tod der Literatur.

Damit besetzt Turings Maschine, die fortan alle Denkvorgänge begleitet, jene Leer- und/oder Systemstelle, die der Mensch einst in der Ordnung der Dinge innehatte. An die Stelle der alten Dichotomie von Geist und Materie tritt die Kybernetik. Sie wird zur Leitwissenschaft einer neuen Epoche wird und stößt damit die Philosophie vom Thron.

Grenzmarkierungen

Das ist nicht neu und spätestens seit Kittlers „Grammophonbuch“ Allgemeingut wie zweites Dogma der deutschen Medienwissenschaft. Bis aber das Wissen der Maschine in der Endlosschleife läuft und sich in der Opazität der Medien verschließt, figurieren Künstliche Intelligenz und philosophische Kritik weiter im selben Feld des Wissens.

Das ist nach Meinung Dotzlers aber nicht weiter schlimm. Die Grenzen der einen müssen nicht zum Nachteil der anderen gereichen. Auch aus dem, was Maschinen und/oder Künstliche Intelligenzen nicht vermögen, lässt sich Positives ziehen. Wie in Foucaults Wahnsinn und Gesellschaft ist die Limitierung des einen, Ermöglichungsgrund der anderen. Beschreibt Technikanalyse, was unter medientechnischen Bedingungen nicht mehr geht, kommt der Diskursanalyse die Funktion der Kritik zu, nicht im Sinne der Aufdeckung von Betrug und Verschwörung, sondern als eine Weise, wie sie Foucault sie in seiner Minischrift: Was ist Kritik verstanden hat, nämlich als eine Art von Haltung, ein bestimmtes Verhältnis zu den Grenzen technischer Medien einzunehmen und zu entwickeln.

Nicht zufällig erinnert das an Verfahrensweisen, wie sie Adornos Negative Dialektik oder Ulrich Sonnemanns Negative Anthropologie angedacht haben. Noch am Vorabend der 68er-Revolte haben sie gezeigt, wie das, was der emanzipatorische Diskurs erstrebt, sich ihm aber nicht erschließt, das Humanum, aus seiner Dementierung und Abwesenheit erst hervorgeht. Nun ist Selbstreflexion nicht unbedingt das Metier der Medienwissenschaft. Weswegen auch, um durch die Diskursanalyse über die Diskursanalyse hinauszukommen, weder eine Extension des Symbolischen noch eine dialektische Bewegung reiner Begriffe in Frage kommen. Auch eine „Passage“ (Siegert) und/oder ein „Positivismus des Digitalen“ (Dotzler) werden Aussagen streng nach Foucault weiter als bloße „Ereignisse und Dinge“ behandeln, die innerhalb eines sehr weit gespannten Resonanzfeldes auf andere Aussagen stoßen, auf Handlungen, Experimente und Verfahren, die sich gegenseitig verknappen und überschneiden, übertrumpfen und aussondern.

Schlaf des Medienwissenschaftlers

Mit dieser Entscheidung katapultiert sich der Medienwissenschaftler jedoch in ein selbst erzeugtes Dilemma. Trotz aller Dementis verfängt er sich in jenen Fallstricken, die der Diskurs der Moderne aus- und die Dialektik der Aufklärung freigelegt haben.

Einerseits will er beweisen, dass Zeichen, Symbole und Kalküle autonome Träger des Wissens sind, die sich weder an Anschaulichkeit (Dotzler) orientieren, noch sich gar auf ein materielles Substrat (Siegert) rückbeziehen. Ist es für Siegert der „strenge Formalismus“ der Mathematik, die sie zur Leitwissenschaft prädestiniert, ist es für Dotzler der „Transzendentalismus“, den die Kybernetik maschinell-technisch fortschreibt und sie zur Nachfolgewissenschaft der Moderne und der Philosophie prädestiniert.

Andererseits mogelt er sich aber über die Evidenz und Macht der Anschauung hinweg, die ständig danach trachtet, neue ontologische Orte auszuweisen, die Halt, Orientierung und Sinn geben. Religion und Politik, Dschihad und Kultur, Ethnie und Rasse binden, was die Autokratie der Kanäle und die Autologie frei flottierender Zeichen ausgestoßen haben. Wer sie zu bloßen Schimären der Schrift erklärt, zu „Gespenstererscheinungen“ der Medien herabwürdigt, übersieht, dass sie geradezu Ausdruck und Effekt derselben sind. Die scheinbar „ideologiefreien“ Kanäle, Zeichen und Symbole produzieren genau jene Gespenster, die ein "Positivismus des Digitalen" austreiben will.

Heideggers „Sein“ ist, wenn man so will, in einem gespenstischen Sinn stets präsent, auch wenn es nicht immer oder jederzeit als solches erkannt wird. Es erzeugt „Rückstoßeffekte“, die weder medial noch maschinell aufzulösen sind. Der Schlaf des Kanals, den Medienwissenschaftler schlafen, gebiert, so könnte man in Anspielung an Goyas malerische Inszenierung der Moderne sagen, jene Ungeheuer, die er historisch und semiotisch für „kanalisiert“ hält.

Credo, ut intelligam.

Anselm von Canterbury

Brüchigkeit des Wissens

Gerade Foucault hatte für derlei „Untergründiges“ noch ein waches Auge. Das „Denken des Außen“, das seinen „ethnographischen Blick“ begleitet, ist immer auch ein Denken des „Anderen“ und „ganz Anderen“. Sein angeblicher „fröhlicher Positivismus“ war stets begleitet von einer „Subversion des Wissens“. Erst recht, wenn dieser sich als Machtstruktur erweist und Macht stützt. Sein Interesse richtete sich immer auch auf jene Orte des Wissens, wo das „absolute Wissen“ in „Nicht-Wissen“ umschlägt. „Das zirkuläre absolute Wissen ist definitives Nichtwissen“, schreibt Georges Bataille in Die innere Erfahrung. „Es gibt den Augenblick“, ergänzt Foucault, „wo die Sprache an ihre Grenze gelangt, aus sich herausstürzt, explodiert und sich radikal aufgibt: im Lachen, im Weinen, in der Ekstase, im immerwährenden Schauer des Opfers“. Mögen Roboter auch Fußball simulieren und Wellen und Regenbogen im ZKM oder im AEC lagern, mit einem über die Mauer gezirkelten Freistoß Ronaldinhos oder jenen Wellen und Sonnenuntergängen, die ein Surfer vor den Küsten Malibus erlebt, haben sie wenig gemein. Den Abgrund, der Erleben vom Rechnen trennt, können weder Einbildungskraft noch Maschinenlogik schließen.

Die Lust an reiner Gegenwart oder jener „Ungezwungenheit […], die sich im Augenblick entfaltet“, haben Bataille für die Philosophie und Blanchot für die Literatur aufgeschrieben. Vor jener „inneren Erfahrung“, die sich aus starken Gemütsbewegungen nährt und beim Erblicken eines Bildes, beim Lesen einer Zeile oder dem Vernehmen eines Groove urplötzlich und jederzeit in überbordenden Taumel und grenzenlose Verzückung geraten kann, stehen Rechenmaschinen stumm, dumm und ahnungslos.

Gewiss unterhalten Computer und Medienmaschinen auch eine besondere Beziehung zum Unbewussten. Wer wüsste das nicht besser als der Medienwissenschaftler, der Psychophysik, Seelenkunde und diverse Denk- und Merkwürdigkeiten des Doktor Schreber zu bevorzugten Gebieten seiner Forschertätigkeit macht. Den Einbruch des Realen dokumentiert Siegert auch für die Mathematik. Über einem Kupferstich gebeugt wird der Physiker Georg Wilhelm Richmann 1753 von einem Blitz erschlagen, der die Gestalt eines Eulerschen Impulsdiagramms annimmt. Und gewiss ist philosophische Kritik an Formeln, die rechnen, und Maschinen, die laufen, zweck- und machtlos. Vor allem dann, wenn sie sich daran messen lassen will. Geht es allein ums Rechnen, sind Maschinen unschlagbar. Die Frage ist nur, ob sich Philosophie darin erschöpft und ob sie das wollen soll. Philosophie ist mehr als das, was der Fall ist.

Informationen mögen in Rechenzentren gesammelt, gespeichert und übertragen werden, doch erst in Menschenhirnen, die sich ihrer annehmen, wird es zu Wissen. Selbst Henri Poincarés Vermutung mathematisch zu beweisen, gelingt schrulligen Menschengeistern eher als getakteten Maschinenhirnen. Und was das Schalten und Walten der Medienmaschinen im kybernetisch-algorithmischen Raum angeht, so ist diese Souveränität von vollkommen anderer Art, wie jener Mensch sie besitzt, der sich im rüden Lachen, in schwermütiger Trauer oder im Selbstmordbombing selbst verausgabt und ruiniert.

Bernhard Dotzler, Diskurs und Medium. Zur Archäologie der Computerkultur, Fink Verlag 2006, 232 Seiten, 26.90 €.
Bernhard Siegert, Passage des Digitalen. Zeichenpraktiken der neuzeitlichen Wissenschaften, Brinkmann & Bose 2003, 622 Seiten, 48 €.
Friedrich Kittler, Mathematik und Musik I. Hellas 1: Aphrodite, Fink Verlag 2006, 409 Seiten, 36.90 €.

(Rudolf Maresch)

Anzeige