Mehr Angst vor dem System "Pflege und Krankenhaus" als vor dem Virus

Eine Studie bestätigt die Kritik von sozialen Initiativen am Gesundheitssystem

Beim ersten Lockdown erhielten die Beschäftigten in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen viel Applaus. Doch wenn sie für bessere Arbeitsbedingungen auf die Straße gehen, ist es mit der Sympathie für die Care-Arbeiterinnen und -arbeiter schnell vorbei. Seitdem drucken die Medien Stimmungsberichte aus dem Berufsstand zwischen Wut und Routine. In der taz berichten einige der Beschäftigten, dass sie ernsthaft an einen Berufswechsel denken.

Die Motivation bei den Kollegen lässt auch sehr nach, das kann ich beobachten. Ich verstehe das gut, so vieles lief besonders zu Beginn des Jahres chaotisch, und eben weil wir nicht genug Personal haben, waren viele von uns überfordert und sind dauerhaft überlastet. Es gibt jetzt nicht wenige, die sagen: Das mache ich nicht mehr mit.

taz

Die Leute schauen sich nach anderen Jobs um oder denken darüber nach zu kündigen. Wir haben da einen riesigen Systemfehler, aber die Politiker sind zu feige für eine echte Systemänderung. Da geht es gar nicht ausschließlich um Gehalt, sondern vor allem auch um die Arbeitsbedingungen.

Ich verabschiede mich innerlich ehrlich gesagt schon von der Idee, dass sich am System noch etwas Wesentliches ändert, bevor ich in ein paar Jahren den Ruhestand gehe. Ich will gar nicht sagen, dass die Politik nichts unternommen hätte, um dem Personalmangel zu begegnen, aber es war einfach nicht ausreichend.

OP-Schwester, taz

Jetzt haben der Gesundheitswissenschaftler Wolf Hien und der Arbeitsmediziner Hubertus von Schwarzkopf in einer Studie erkundet, wie Pflegekräfte die Corona-Pandemie wahrnehmen.

Zu ihrer Untersuchungsmethode schreibt das Duo:

Ausgangspunkt der vorliegenden Untersuchung war die Fragestellung, wie Pflegekräfte in ihrem professionellen Alltag die Corona-Krise erleben und welche Einflüsse sie belasten und ihre Gesundheit gefährden. Da auch neue Konstellationen erkundet werden sollten, empfahl sich der qualitative Ansatz der grounded theory. Im Zuge eines theoretischen Samplings ergaben sich 26 Interviews mit Pflegekräften aus Krankenhäusern und stationären Pflegeeinrichtungen, die zwischen Mai und Juli 2020 durchgeführt wurden.

Wolfgang Hien und Hubertus von Schwarzkopf

Als hoch belastend zeigte sich nach der Studie für die Care-Beschäftigten weniger die Angst vor dem Virus selbst als die unzureichende betriebliche und überbetriebliche Organisation in den Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern. "Die Corona-Krise deckte schnell die Versäumnisse und die seit Jahren sich kumulierenden Belastungsstrukturen auf", so ein Fazit. Der Befund bestätig sozialpolitische Initiativen, die bereits vor Monaten eine bessere Gesundheitsversorgung einforderten.

In einem Kapitel wird in der Studie auf die Krankheits- und Todesfälle mit Covid-19 in Alten- und Pflegeheimen eingegangen. Obwohl es bereits seit Jahren Warnungen des RKI und auch Empfehlungen für Hygienemaßnahmen gab, wurden die Einrichtungen von der Pandemie überrascht, weil die Empfehlungen aus Kostengründen nicht umgesetzt wurden. Hier werden in der Studie Versäumnisse bei den Behörden und den Heimleitungen als Ursache benannt. Doch letztlich traf ein nach wirtschaftlichen Kriterien zurechtgestutztes Gesundheitssystem auf eine Pandemie.

Die schon in den 1990er Jahren einsetzenden Rationalisierungsmaßnahmen … waren darauf ausgerichtet, Raum und Personal zu sparen. Die Zusammenlegung kleiner und mittelgroßer Abteilungen zu großen Abteilungen war hierbei von besonderer Bedeutung…. Es entstanden große Intensiv- und OP-Abteilungen, Funktionsbereiche wurden zentralisiert, kleine Stationen zu großen Stationen zusammengefasst und Ausweichmöglichkeiten abgebaut. Die Materiallogistik wurde zentralisiert, teilweise in oder an externe Stellen ausgelagert. Die Bevorratung mit Schutzkleidung und Schutzmasken war - entgegen den behördlichen Vorgaben zur Pandemievorsorge, die freilich nie kontrolliert wurden - auf ein Minimum heruntergefahren.

Studie, Corona-Gefährdung im Erleben von Pflegekräften

In der Studie werden zwei längere O-Töne von Beschäftigten veröffentlicht, die den Zusammenhang zur wirtschaftsliberalen Politik gut darlegen:

Corona - das führt uns die sowieso existierenden Probleme nur starker vor Augen. Wenn wir rationalisieren und alles kaputtsparen, und es ist ja vor allem am Personal gespart worden, statt hier sehr viel mehr Geld reinzutun, dann dürfen wir uns nicht wundern, dass alle aus der Pflege weglaufen. Das ist der Teufelskreis: Personal fehlt, die Arbeitsbedingungen sind mega- schlecht, dann fehlt noch mehr Personal."

Frau X.

Ich arbeite jetzt mehr als 30 Jahre hier, in der Intensiv, und da wurde immer mehr zusammengelegt, und wieder zusammengelegt. Jetzt haben wir eine Riesen-Station, und der Personalbestand ist nicht mit der Arbeit mitgewachsen, und das führt dazu, dass du letztlich mehr und mehr lustlose Fließbandarbeit machst. In solchen Riesenabteilungen bist du kein Team mehr, da bist du Einzelkämpfer. So empfinde ich das, ja, das war mal ein Teamberuf, und wenn du’s mal genau nimmst, wenn du da in deiner Einheit einen Patienten ordentlich versorgst, da kommst du da nicht raus. Und jetzt mit Covid-Patienten, das ist unheimlich anstrengend. Das ist im Prinzip gar nicht möglich, du musst da mal raus, einfach zum Luft holen, und dann arbeitest du die Sachen halt mechanisch ab.

Frau V.

Einen ähnlichen Befund gibt es in der Altenpflege, wo durch "Vermarktlichung seit den 1990er Jahren" ein deutlicher Personalmangel zu verzeichnen ist.

Kampf für ein solidarisches Caresystem

Aus der Untersuchung geht hervor, dass es eine "beeindruckende Bereitschaft der Pflegekräfte" gibt, sich in der Corona- Krise weit über das normale Maß hinaus zu engagieren. "Ausschlaggebend für diese Bereitschaft ist das Gefühl, dass 'alle an einem Strang' ziehen. Dieses Engagement wird ausgebremst durch massive Belastungen, die aus überbetrieblichen und betrieblichen Einflussfaktoren resultieren", schreiben die Autoren der Studie.

Aber dieses Engagement bedeutet auch, dass die Care-Arbeiter- und -arbeiterinnen besondere Belastungen ertragen müssen. Ein weiteres Fazit der Studie sollte daher lauten, dass es gesellschaftlichen Druck von Gewerkschaften und sozialen Initiativen braucht, um ein solidarisches Gesundheits- und Caresystem aufzubauen, das nicht nur für eine Pandemie vorbereitet ist. (Peter Nowak)