Mehr Hitze, Krankheiten und Pollenflug

In Hamburg kamen Wissenschaftler unterschiedlichster Disziplinen zusammen, um über die Gefahren des Klimawandels zu diskutieren

Die Warnsignale nehmen zu. In diesem Winter kann es in Mittel- und Nordeuropa jeder spüren, der sich noch an die Winter in den 1980ern und -90ern oder gar an die Schneemassen der Wirtschaftswunderzeit erinnert: Mit dem Klima ist etwas Außergewöhnliches im Gange, wir befinden uns mitten im Klimawandel. Der Anstieg der globalen Mitteltemperatur ist dafür nur ein abstrakter Ausdruck, der sich lokal und regional mit vielfältigen Problemen bemerkbar macht.

Diese waren in Hamburg Gegenstand eines hochkarätig besetzten wissenschaftlichen Symposiums. Forstwirte, Mediziner, Meteorologen, Insektenkundler, Ökologen und Meeresbiologen, berichteten über die bereits eingetroffenen und in Zukunft zu erwartenden Veränderungen.

Da sind zum Beispiel die Gefahren, die von den Zecken ausgehen, jenen unangenehmen Spinnentierchen, die in Wald und Flur sich ihre Opfer unter den großen Säugetieren suchen. Normalerweise sind das Rehe und Hirsche, aber Menschen werden auch gerne genommen. Die Achtbeiner warten am Wegesrand auf Gräsern auf ihre Beute, in die sie sich dann für Tage verbeißen, wenn man sie nicht rechtzeitig entdeckt. Das Tückische: Anders als bei einem Mückenstich verspürt die betroffene Person zunächst keinen Schmerz. Die Zecke hat also reichlich Zeit, nicht nur Blut zu saugen, sondern aus Blut und Gewebe mit Hilfe ihres Speichels ein verdicktes Extrakt zuzubereiten und Krankheitskeime zu übertragen.

Und was hat das alles mit dem Klima zu tun? Die Bedingungen für Zecken verbessern sich, denn die Tierchen haben es gerne warm und feucht. Sie werden in einem wärmeren Klima zunehmen und wandern in Skandinavien weiter nach Norden. Zum ernsthaften Problem für den Menschen werden sie dadurch, dass sie gefährliche Krankheiten übertragen. Da ist zum einen die bakterielle Krankheit Lyme Borreliose. Rechtzeitig erkannt, kann sie durch Antibiotika behandelt werden, andernfalls ist der Krankheitsverlauf chronisch. Die Lyme Borreliose tritt heute schon im gesamten Verbreitungsgebiet der mitteleuropäischen Zecken auf, also auch in Norddeutschland und Südskandinavien, berichtete in Hamburg Olaf Kahle von der Freien Universität in Berlin.

Die bekanntere Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) trat hingegen bis vor kurzem nur in Süddeutschland auf, breitet sich aber langsam nach Norden aus. Inzwischen ist sie bereits in Berlin angekommen. FSME kann tödlich verlaufen oder auch bleibende Nervenschäden verursachen, aber zum Glück gibt es eine wirkungsvolle Schutzimpfung. Andererseits gibt es für Infizierte bisher keine wirksamen Medikamente. Das heißt, ist man einmal erkrankt, kann man nur hoffen, dass der Krankheitsverlauf nicht allzu schlimm ausfällt. Umso wichtiger ist der Impfschutz. In Österreich, berichtete Jochen Süss vom Friedrich-Löffler-Institut in Jena, haben ihn über 88 Prozent der Bevölkerung, wodurch dort die Zahl der Erkrankungen deutlich rückläufig sei. Hierzulande gibt es immer noch einen Mangel am Problembewusstsein und folglich an Impfungen, wodurch die Zahl der Erkrankungen zunimmt..

Süss und Kahl empfehlen daher dringend, sich beim Berliner Robert-Koch-Institut zu informieren, ob man in einem Gefährdungsgebiet lebt. Das Institut, das im Auftrag der Bundesregierung zentrale Aufgaben der Krankheitskontrolle und -überwachung wahrnimmt, veröffentlicht regelmäßig Karten, in denen das Auftreten der FSME verzeichnet wird. Gegebenenfalls sollte man sich gegen die gefährliche Viruskrankheit impfen lassen, und zwar auch, wenn man eine Reise in eine betroffene Region plant.

Durch die beiden zurückliegenden ungewöhnlich milden Winter haben die Zecken inzwischen ihre Aktivitäten auf das ganze Jahr ausgedehnt. Auch im Januar kann man sich inzwischen schon in einigen städtischen Parks oder in Wäldern Zeckenbisse zuziehen, so Kahl. Zur befürchteten sommerlichen Zeckeninvasion ist es allerdings bisher nicht gekommen. Das könnte daran liegen, meint der Biologe, dass die erwachsenen Zecken, bevor sie ihr erstes Opfer gefunden haben, äußerst sparsam mit ihrer Energie umgehen müssen. Zecken sind nämlich mehrjährige Lebewesen, die mehrere Metamorphosen durchlaufen. Den größten Teil ihres Lebens verbringen sie in Schichten alten Laubes auf dem Boden zwischen Bäumen und Sträuchern. Das milde Wetter könnte sie dazu verleitet haben, frühzeitig ihre Verstecke zu verlassen, wobei sie mit geringer Aussicht auf Erfolg zu viel Energie verbrauchten. Ob man sich darauf allerdings auch in den folgenden Sommern verlassen kann, ist unbekannt, wie so manches andere in der komplexen Schädlingsökologie.

Eindeutig schlechte Nachrichten gibt es hingegen für die Allergiker, die immerhin rund 15 Prozent – Tendenz zunehmend – der hiesigen Bevölkerung ausmachen. Die Pollensaison verlängert sich, berichtete Peter Zabel vom Leibniz-Forschungszentrum Borstel. In diesem Jahr seien Haselnusspollen bereits im Januar in der Luft gewesen. Direkt neben dem Hörsaal des Hamburger Uni-Instituts für Chemie, in dem das Symposium abgehalten wurde, konnte man Haselnusssträucher bereits mit ersten zarten Blättern beobachten, was für die für ihr eher ungemütliches Wetter berüchtigte Hansestadt, rekordverdächtig früh sein dürfte. Bundesweit, so geht aus einer Zusammenfassung des Deutschen Wetterdienstes (DWD) von Ende Februar hervor, ist in diesem Jahr die Vegetation um drei bis vier Wochen früher als sonst mit ihrer Entwicklung dran. Für Allergiker verlängert sich dadurch die Leidenszeit.

Die größten potenziellen Gefahren gehen allerdings von der Hitze aus. Gerd Jendritzky von der Universität Freiburg bezeichnete sie in Hamburg als „silent killer“. Im Hitzesommer 2003 seien in Westeuropa rund 55.000 Menschen gestorben, 35.000 davon im besonders extremen August. Das größte Problem ist vor allem, dass nicht genug getrunken wurde und dass sich die Menschen in zu heißen Räumen aufhielten. Die Tode seien meist unspektakulär gewesen und fielen erst beim nachträglichen Betrachten der Sterbestatistiken auf. Nur in Frankreich seien die Zustände seinerzeit unmittelbar der Öffentlichkeit bewusst geworden, weil in den Krankenhäusern der Platz in den Kühlräumen nicht mehr ausreichte und zum Unterbringen der vielen Leichen zusätzlich Kühl-LKWs angemietet werden mussten.

Der Sommer 2003, so berichtete der Medizin-Meteorologe, der sich mehrere Jahrzehnte beim DWD mit der Auswirkung von Wetter und Klima auf den Menschen beschäftigt hat, sei ein unter derzeitigen Verhältnissen außergewöhnlich seltenes Ereignis gewesen, das nur alle 450 Jahre zu erwarten ist. Wenn aber die Erwärmung weiter wie bisher voranschreitet, dann könnte die große sommerliche Hitze im letzten Drittel des Jahrhunderts fast zum Normalfall werden. Und das ist durchaus bedrohlich. Zwar ließen sich die allermeisten Tode bei verbesserter medizinischer Versorgung, angepasster Architektur und besserer Betreuung von vor allem älteren Menschen und Kindern verhindern. Allerdings würde das eine ganz andere Gesellschaft voraussetzen, in der die Schwachen nicht einfach sich selbst überlassen bleiben.

Hartmut Graßl vom Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie machte darauf aufmerksam, dass vor allem in südlichen Gefilden mancherorts die Klimabedingungen regelrecht lebensfeindlich werden können, so dass auch angepasstes Verhalten wie Passivität und ausreichende Zunahme von Flüssigkeit und Kochsalz, nicht mehr helfen. Gefährlich sei vor allem die Verbindung von Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit, weil bei ihr der Körper irgendwann nicht mehr durch Schwitzen gekühlt werden könne. An einigen Stellen am Roten Meer sei das heute schon zu bestimmten Tageszeiten der Fall, an denen sich die dortigen Küstenbewohner nur noch weit ins Innere ihrer Häuser verziehen können.

Ganz so schlimm wird es in Mitteleuropa sicherlich nicht kommen, aber der Sommer 2003 hat gezeigt, dass bereits lang anhaltende Temperaturen von über 30 Grad reichen, um die Lebensqualität für die meisten Menschen deutlich zu senken. Die Opfer solcher Hitzewellen, das weiß man auch aus ähnlichen Ereignissen in den USA, sind vor allem Personen, die durch Arbeitslosigkeit oder Alter in die Isolation geraten sind und die sich nur schlechte Wohnungen leisten können, die im Sommer besonders heiß werden. Wie im globalen Maßstab trifft der Klimawandel also auch in den Industriegesellschaften die Ärmsten und Schwächsten zu erst.

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