Mehr Licht am Morgen verhindert Übergewicht

US-Wissenschaftler wollen herausgefunden haben, dass der regelmäßige Aufenthalt in einer Lichtstärke über 55 Lux am Vormittag den BMI senkt

Die Sorge um den Körper, um dessen Gesundheit, Fitness und Erscheinen, folgt gewöhnlich von einer zunächst als Avantgarde entwickelten Moden und gesellschaftlichen Normen, denen sich die Menschen unterwerfen. Nach der Fitnesswelle, die schon länger anhält, ist für große Teile der Mittelschicht Übergewicht zum Tabu geworden, die Ernährung mutierte, verstärkt durch den Öko-Schick, mehr denn je zur ideologischen Frage.

In einem Interview mit dem Deutschlandradio sagte die US-Schriftstellerin Lionel Shriver, viele Amerikaner seien vom Thema Essen mittlerweile besessen. Sex als "ultimatives Tabu" sei in gewisser Hinsicht nicht nur in den USA durch Essen ersetzt worden: "Sex ist so normal geworden, dass wir es schon fast satt haben. Also wenden wir uns dem Essen zu. … Essen ist zu etwas Verbotenem geworden. Es gilt heutzutage als gewagter, ein großes Stück Schokoladentorte zu essen als zu dritt Sex zu haben."

Das ist wahrscheinlich doch ein wenig übertrieben, aber klar ist, dass die normgerechte Körperzurichtung eine Menge an Geld, Zeit und Disziplin erfordert. Für die Faulenzer haben nun Wissenschaftler der Northwestern University Feinberg School of Medicine einen überraschenden Zusammenhang entdeckt, der einen relativ anstrengungslosen Weg zu eröffnen scheint, sein Körpergewicht zu kontrollieren oder gar abzunehmen. Man müsste einzig zeitig aufstehen.

Das Gewicht, so die Wissenschaftler in ihrer Studie, die im Open Access Wissenschaftsmagazin PLoS One erschienen ist, sei während des Tages an die Zeit, die Intensität und die Dauer der Einwirkung von natürlichem Licht gebunden. Aus früheren Studien sei bereits hervorgegangen, dass die Lichtaussetzung am Morgen das Körperfett und die den Appetit steuernden Hormone ebenso beeinflusst wie Schlafzeiten und Schlafstörungen. Kurze Schlafzeiten und Schlaf zu später Stunde sind auch mit dem BMI verbunden. Damit scheint zusammenzuhängen, was die Wissenschaftler nun herausgefunden haben wollen, dass Menschen, die vor allem am Morgen selbst nur mäßig hellem Licht, dies aber regelmäßig täglich ausgesetzt sind, haben seltsamerweise einen signifikant geringeren BMI als die Menschen, die sich später am Tag im Licht befinden. Je früher ein Mensch sich regelmäßig im hellen Licht (über 500 Lux) aufhält, desto geringer ist sein BMI, je später, desto höher ist er. Langschläfer hätten also schlechte Karten, ebenso Schichtarbeiter und solche Menschen, die sich am Morgen in einer dunkleren Umgebung aufhalten.

Für ihre Studie haben die Wissenschaftler allerdings nur 56 Versuchsteilnehmer mit einem Durchschnittsalter von 30 Jahren untersucht. Schlafzeit und Schlafmittelpunkt, Lichtstärke und –dauer sowie Bewegung wurden mit einem am Handgelenk getragenen Aktigraph sieben Tage lang gemessen. Der BMI wurde aus den Angaben der Versuchspersonen zu ihrem Gewicht und ihrer Körpergröße errechnet. Die Kalorienaufnahme wurde sieben Tage lang aus den vorgeschriebenen Aufzeichnungen über eingenommene Getränke und Speisen bestimmt. 58 Prozent der Versuchspersonen hatten einen BMI unter 24, durchschnittlich begann der Schlaf um 1:26 Uhr, der Schlafmittelpunkt war um 5:12 Uhr, die Schlafdauer betrug 6,2 Stunden. Durchschnittlich hielten sich die Versuchspersonen 1,4 Stunden bei einer Beleuchtungsstärke über 500 Lux auf.

Nach den Ergebnissen gab es einen positiven Zusammenhang zwischen dem BMI und der Beleuchtungsstärke von mehr als 500 Lux. Ein späterer Schlafmittelpunkt war zwar mit späterer Lichtaussetzung verknüpft, aber nicht mit dem BMI oder der Kalorienaufnahme. Letztere wiederum war auch nicht mit dem BMI verbunden, was man eigentlich erwarten könnte, auch mit der Schlafzeit und der Schlafdauer und dem Licht. Aber das kann, wie die Wissenschaftler einräumen, auch der geringen Zahl der Versuchspersonen geschuldet sein. Wenn man Faktoren wie Alter, Geschlecht, Jahreszeit, Aktivität, Schlafdauer und –mittelpunkt berücksichtigt, dann bleibt die Aussetzung an eine Beleuchtungsstärke von über 500 Lux ein signifikanter Prädikator für das BMI und kann 20 Prozent von dessen Varianz erklären.

Es spielt aber offensichtlich eine wichtige Rolle, wann am Tag man sich in heller Beleuchtung aufhält. Jede Stunde, die man später am Tag einer Beleuchtungsstärke von über 500 Lux ausgesetzt ist, trägt 1,28 Einheiten zum BMI bei. Einen Zusammenhang zwischen Beleuchtungsstärke und BMI wurde nur zwischen 170 und 850 Lux festgestellt. Die normale Raumbeleuchtung liegt zwischen 150 und 500 Lux. Nur vier Stunden am Tag waren die Versuchspersonen einer Lichtstärke von mehr als 100 Lux und nur eine Stunde von 1000 Lux und mehr ausgesetzt. Am Morgen könnte es einen höheren Anteil an blauem Licht geben, das am stärksten den Schlaf-Wach-Rhythmus und die Ausschüttung von Hormonen wie Melatonin beeinflusst. Allerdings könnte es einen Unterschied zwischen frühen Stunden nach der Uhrzeit und nach der biologischen Uhr geben.

Die Wissenschaftler sind sich sicher, gezeigt zu haben, dass die zeitlich unterschiedliche Lichtaussetzung das Körpergewicht unabhängig von der Schlafzeit und –dauer beeinflusst. Licht sei ein starkes biologisches Signal, wobei Tageszeit, Intensität und Dauer wichtige Risikofaktoren "für die Prävention und die Kontrolle von Übergewicht in modernen Gesellschaften" seien.

Zwischen 8 Uhr und mittags soll man sich mehr im hellen Tageslicht aufhalten

In einer Mitteilung der Universität werden die Wissenschaftler deutlicher, was sie an praktischen Konsequenzen aus ihrer Studie ziehen. Licht sei das stärkste Mittel, um die Körperuhr zu synchronisieren, was auch mit der Regulierung der Energiebalance zu tun haben. Nach der Neurobiologin Phyllis Zee, Mitautorin der Studie, bestünde die Botschaft darin, "dass man sich möglichst zwischen 8 Uhr und mittags mehr im hellen Licht aufhalten soll". Schon 20-30 Minuten würden reichen, um sich auf den BMI auszuwirken. Also zu Fuß oder mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren, einmal joggen oder mit dem Hund um die Kurve gehen. Ohne ausreichendes Licht zur richtigen Zeit könnte sich die biologische Uhr aus dem Takt geraten, was den Metabolismus verändert und zur Gewichtszunahme führen kann.

Das Problem sei, dass die meisten Menschen am Morgen nicht genügend natürliches Licht kriegen, weil sie sich meist im Inneren von Gebäuden aufhalten, die aber nicht ausreichend beleuchtet sind, in der Regel zwischen 200 und 300 Lux. Das Minimum für einen niedrigeren BMI liege aber bei 500 Lux. Im Freien betrage die Lichtstärke auch bei einem bewölkten Himmel mehr als 1000 Lux. Die Menschen sollten sich mehr draußen aufhalten, so der Ratschlag, Arbeitsplätze und Schulen sollten zumindest Fenster haben. Angestellte sollten darin bestärkt werden, in den Pausen ins Freie zu gehen. Und natürlich sollte die Beleuchtung in Räumen verbessert werden, damit Übergewicht und Fettleibigkeit reduziert werden.

Das Essen wäre also gar nicht so entscheidend, die körperliche Aktivität vielleicht auch nicht, sondern einfach mehr helles oder am besten gleich Tageslicht am Morgen. Am besten ließe sich die Hypothese an den Menschen überprüfen, die am Morgen im Freien arbeiten. Die Kontrollgruppe müsste aus Langschläfern und Menschen bestehen, die sich am Morgen kaum draußen, dafür aber in schlecht erleuchteten Räumen aufhalten. (Florian Rötzer)