Mehr Muslime in gesellschaftliche Schlüsselpositionen!

Das neue Selbstbewusstsein der Muslime, der schwache Geist der neu aufgelegten Islamkonferenz und die deutsche Gesellschaft, die sensibler für ihre heterogene Wirklichkeit werden muss. Ein Gespräch mit der Politologin Naika Foroutan

Eine „rückständige, realitätsferne, griesgrämige und von Ur-Ängsten dominierte Empirie der öffentlichen Meinung“ in Deutschland beobachtete die Sozialwissenschaftlerin und Islamexpertin Naika Foroutan in einer bemerkenswerten Analyse, die Ende letzen Jahres erschien und mit einem stolzen Bekenntnis endet: „Als 'Paradigma-Neudeutsche' bezeichnet uns Michael Wolffsohn: als orientalische Deutsche, Muslimisch-Deutsche, Türkisch-Deutsche, Iranisch-Deutsche, Arabisch-Deutsche - ja, das sind wir. Und stolz darauf!“. Foroutan leitet das Forschungsprojekt HEYMAT an der Humboldt-Universität zu Berlin und beschäftigt sich mit Integrationsfragen und europäisch-muslimischen Identitätsmodellen. Telepolis sprach mit ihr.

Dr. Naika Foroutan. Foto: Silvio Duwe
Frau Foroutan, warum kritisieren Sie die Fortsetzung der Islamkonferenz?
Naika Foroutan: Weil Sie zu viel von ihrem ursprünglichen Charakter eingebüßt hat. Die Islamkonferenz ist aus einem starken Konfliktmoment heraus entstanden. In der Zeit nach dem 11. September waren die Muslime in Deutschland als Gruppe erstmal negativ markiert. Das Bild war geprägt von Begriffen wie Verräter, Terroristen, Schläfer, Ehrenmörder und dem Schlagwort der Parallelgesellschaft. Auf dieses Misstrauensvotum, das gegenüber einer in Deutschland lebenden Minderheit ausgesprochen wurde, musste man politisch reagieren.
Wolfgang Schäuble rief dann die Konferenz unter dem Motto ins Leben: „Auch wir können von den Muslimen lernen!“ Und: „Wir reden jetzt nicht mehr über die Muslime, sondern mit den Muslimen.“ Dies hat etwas symbolisch angestoßen und das herrschende Stigma über die Muslime in Deutschland erstmals entschärft. Von diesem Geist ist die Konferenz aber leider längst abgekommen.
Aber nicht nur dem Innenminister scheint der Dialog schwer zu fallen. Auch die Muslime tun sich untereinander schwer miteinander ein fruchtbares Gespräch zu führen.
Naika Foroutan: Dies stimmt sicherlich. Das ist aber angesichts der heterogenen Gruppenstruktur der Muslime in Deutschland auch nur normal. Der Streit bringt zum Ausdruck, wie unterschiedlich die muslimischen Gemeinschaften in Deutschland sind, auf die ursprünglich die Maske des „Muslim als Problemfaktor“ aufgezogen werden sollte.
Auf der DIK 2010 wurde wieder das Thema Islamismus und Extremismus zu einem Schwerpunktthema gemacht. Macht eine solche Schwerpunktsetzung Sinn, wenn es um die Frage der Verbesserung der Teilhabe von Muslimen in Deutschland gehen soll?
Naika Foroutan: Natürlich nicht. Wenn das Bundesministerium des Innern eine Islamkonferenz einberuft, muss es zwar niemanden wundern, dass das Thema Islamismus und Sicherheit auf der Tagesordnung steht. Nur handelt es sich bei der DIK nicht um eine Sicherheitskonferenz des Innenministeriums zu der man unter anderen Teilnehmern auch Vertreter der muslimischen community einlädt, sondern um eine Islamkonferenz, bei der die Themensetzung Islamismus zwangsläufig dazu führt, dass hier das Thema Muslime in Deutschland gleich wieder mit dem Stigma des Sicherheitsproblems belastet wird.
Sollte die Konferenz also das Ministerium wechseln?
Naika Foroutan: Das würde ich für einen konsequenten Schritt halten. Wenn auf der Konferenz vor allen Dingen Fortschritte im Bereich der Ausbildung von Imamen und des Islamunterrichts in deutschen Schulen erreicht werden soll, dann ist das Innenministerium als Ratgeber hier nicht kompetent. Hier würde unsere Bildungsministerin Frau Schavan wohl die bessere Gastgeberin abgeben.
Auf der Pressekonferenz der Islamkonferenz gab es kaum ein lobendes Wort über die bereits erzielten Fortschritte und die längst bestehende Teilhabe der Muslime in der deutschen Gesellschaft. Wundert sie das?
Naika Foroutan: Das wundert mich nicht. Das stört mich! Denn leider ist dies die logische Folge des unsachlichen und polemischen Diskurses, wie er in Deutschland in den letzten Jahren geführt wurde. Seit Jahren gibt es eine Fülle von Studien, selbst viele, die von der Bundesregierung in Auftrag gegeben wurden, die alle positiv die bestehende Teilhabe von Muslimen in der deutschen Gesellschaft unterstreichen.
Zum Beispiel die Studie "Muslimisches Leben in Deutschland" vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. In dieser Studie werden im Detail die strukturellen, kulturellen und politischen Integrationserfolge von Muslimen in Deutschland beschrieben. All diese Studien sind öffentlich zugänglich. Man konnte zum Beispiel die Bildungsaspiration messen und feststellen, dass ursprünglich 3% der türkischen Zuwanderer ein Abiturabschluss hatten.
Jetzt stellt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge fest, dass unter den Menschen mit muslimischem Migrationshintergrund 30% ein Abitur oder Fachabitur haben. Es würde sich lohnen, dass diese empirischen Fakten mal stärker hervorgehoben werden und nicht nur nach den Negativentwicklungen geschaut wird.
Die Ressentiments gegenüber der deutschen Gesellschaft und ihrer Werteordnung unter Migranten hängt vor allen Dingen von ihrem Bildungsgrad ab. Die Islamophobie ist hingegen auch im deutschen Bildungsbürgertum präsent. Woran liegt das?
Naika Foroutan: Der Islam ist insbesondere seit dem 11. September als anti-modernes Konzept begriffen worden. Das Islambild ist davon geprägt, dass es etwas archaisches, etwas Rückwärtsgewandtes, Anti-Demokratisches, Zersetzendes und Terroristisches in seinen Werten transportiert. Und das ist auch die Angst, die selbst das Bildungsbürgertum gegenüber dieser Religion und ihren Trägern in Deutschland hegt. Diese unbegründete Angst wird durch pure Unkenntnis genährt. Man weiß zu wenig über den Islam und die Muslime in Deutschland. Das gilt auch für die intellektuelle Elite dieses Landes.
Kann es sein, dass bei vielen Deutschen das politische Ideal einer pluralistischen Gesellschaftsordnung noch immer nicht angekommen ist?
Vielen deutschen Bürgern scheint es immer noch schwer zu fallen einzusehen, dass es keine homogene gesellschaftliche Struktur in diesem Land gibt und auch auch noch nie gegeben hat. Im Nachkriegsdeutschland waren die Menschen ja leider an einen Zustand gewöhnt, den die Nationalsozialisten durch ethnische Säuberung erst geschaffen hatten. Ein Normalzustand für eine moderne Gesellschaft war dies natürlich nicht. Deutschland ist historisch gesehen schon immer durch Wanderungsströme und Vielfalt geprägt gewesen. Genauso wie die anderen Länder Europas auch.
Die deutsche Gesellschaft muss wieder sensibler für ihre heterogene Wirklichkeit werden und der Tatsache ins Auge sehen, dass bereits jedes dritte Kind unter 10 Jahren in Deutschland einen Migrationshintergrund hat. An den Muslimen die zentrale Herausforderung für unser heutiges gesellschaftliches Zusammenleben festzumachen, ist daher absolut unangemessen, da sie eben nur einen Teil der sehr bunten und pluralen Gesellschaftsstruktur Deutschlands ausmachen.
Wenn der Staat also eine Konferenz einberuft, um mit einer gesellschaftlichen Teilgruppe wie den Muslimen den Zusammenhalt der Gesellschaft zu verhandeln, kann man dies doch als Angriff auf den pluralistischen Geist unserer demokratischen Gesellschaft begreifen.
Naika Foroutan: Vielleicht ja. Ursprünglich war dies aber wie gesagt anders. Als Schäuble die Konferenz einberief, hat er sie als ein Wir-Programm kommuniziert. Jetzt ist es so, wie Sie es meinen. Eine Konferenz mit einer vermeintlichen Problemgruppe, die man an den Tisch bittet und hier das Motiv der Maßregelung eine dominante Stellung einnimmt. Unter dem Motto: „Reißt euch doch mal am Riemen!“
Das Scheitern der Konferenz ist damit vorprogrammiert. Denn die Muslime haben ein neues Selbstbewusstsein als Gruppe entwickelt, fordern Gleichheit und Gleichwertigkeit ein und machen klar, dass sie sich nicht länger paternalistisch behandeln lassen und keine verordneten Erziehungsmaßnahmen vom deutschen Staat akzeptieren wollen.
Sollte man dann auf den Dialog mit dem Staat am besten ganz verzichten?
Ich halte es für grundsätzlich richtig, dass auf staatlicher oder semi-staatlicher Ebene Gruppen zusammen kommen, um das Thema von gesellschaftlicher Teilhabe und gemeinsamen Werten zu diskutieren. Aber ich glaube fast, dass es dann keine Islamkonferenz mehr sein sollte, sondern eine Integrationskonferenz oder ein Integrationsgipfel, wie es ihn schon gegeben hat. Schäuble prägte den Satz: „Der Islam ist Teil Deutschlands. Und Teil unserer Gesellschaft.“ Die ist die Tatsache, die wir annehmen müssen. Die Integration und Partizipation von Muslimen macht täglich neue Fortschritte - ihre Wahrnehmung in der Mehrheitsgesellschaft hat leider kaum Fortschritte gemacht.
Was kann man tun, um das Image von Muslimen in der Öffentlichkeit zu verbessern?
Naika Foroutan: Um das zu ändern, glaube ich, ist es nötig, dass man Menschen mit muslimischem oder auch einem anderen Migrationshintergrund verstärkt in gesellschaftlichen Schlüsselpositionen sehen sollte, damit man sie so handeln und wirken sieht wie alle anderen auch. Ihre Teilhabe am kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Leben in Deutschland braucht eine stärkere Repräsentation.
Auf der Islamkonferenz wurde kontrovers über die Relevanz des Themas der Geschlechtergerechtigkeit diskutiert und beschlossen, eine Studie in Auftrag zu gegeben, die klären soll, ob es einen Zusammenhang zwischen muslimischem Glauben und patriarchalischen Geschlechterrollen in Deutschland gibt. Was halten sie davon?
Naika Foroutan: Ich finde es schwierig, diese Frage als erkenntnisleitendes Interesse überhaupt zu formulieren. Patriarchalische Strukturen wird man ganz stark in Abhängigkeit von sozialen Schichten vorfinden. Die Frage ist, ob man mit so einer Untersuchungsperspektive nicht einen unnötigen Essentialismus betreibt. Um dies zu vermeiden, wird man Vergleichsgruppen heranziehen müssen: Aber welche sollen das sein? Familien mit italienischem Migrationshintergrund oder aus anderen südeuropäischen Ländern? Mir ist die Sache insgesamt suspekt.
Dies ist doch so, als würde man jetzt in Auftrag geben wollen, wie das Verhältnis von Griechen zum Phänomen der Schuldenanhäufung ist, weil diese Gruppe nun gerade für das Problem der Finanzkrise stehen. "Steckt das Verschwendertum jetzt im Griechen?" Nach dieser Logik operiert eine essentialistische Denke, die ich in diesem Zusammenhang für sehr problematisch halte.
Was können Muslime und die gesamte Zivilgesellschaft für ein besseres gegenseitiges Verständnis und einen offen Dialog über Teilhabe und Zusammenhalt tun?
Naika Foroutan: Die Zivilgesellschaft sollte sich vielleicht für einen überkonfessionellen Religionsunterricht in den Schulen einsetzen, damit jeder etwas über die Religion des anderen lernen kann und nicht die Muslime im muslimischen Religionsunterricht, die Katholiken im katholischen Unterricht und die Atheisten im Ethikunterricht sitzen - sondern dass man allen ein Allgemeinwissen über die verschiedenen Religionen vermittelt und dass man in diesem Zusammenhang abklopft, was es eigentlich heutzutage heißt, Deutsch zu sein.
An die muslimische Seite möchten Sie keine besonderen Forderungen stellen?
Naika Foroutan: Ehrlich gesagt, halte ich den Diskurs auf muslimischer Seite für in Ordnung. Ich finde gerade das neue Selbstbewusstsein der Muslime gut. Dass man nicht länger angekrochen kommt oder sich versteckt hält. Ein selbstbewusstes Bürgerbewusstsein und das Einfordern für aktive Teilhabe sollten die Muslime weiterverfolgen. Man sollte weiter versuchen, vom Opferdiskurs wegzukommen und selbstbewusst den Weg zu mehr Partizipation und politischer Repräsentation zu beschreiten.
Einige Islamkritiker wie der Autor und Politologe Hamed Abdel-Samad befürchten, dass gerade über die muslimischen Verbände theologische Auslegungen des Islams aus Saudi-Arabien oder Marokko nach Deutschland importiert werden, bei denen islamische Glaubensbekenntnisse mit politischer Autoritätshörigkeit verbunden sind - und so am Ende womöglich ein anti-demokratischer Islam in deutschen Schulen und Moscheen gelehrt werden könnte.
Naika Foroutan: Diese Sorge kann ich nachvollziehen. Dahinter steckt jedoch ein strukturelles Problem. Als die ersten Einwanderer beschlossen hatten, in Deutschland zu bleiben und nicht wieder in ihr Heimatland zurückzukehren, wurde das Bedürfnis groß, auch hier islamischen Religionsunterricht und Moscheegemeinden aufzubauen. Für einen solchen Religionsunterricht oder eine Imamausbildung hat der deutsche Staat aber eben nichts bezahlt. Hier mussten dann verschiedene muslimische Verbände einspringen, die teils aus dem Ausland finanziert und organisiert werden und Personal für Moscheegemeinden bereitstellen können. Hätten die muslimischen Verbände die Chance, Körperschaften des öffentlichen Rechts zu werden, würden Finanzierungsquellen vom deutschen Staat bereitgestellt werden. Dann könnte man auch hier Schulen aufbauen und die Entwicklung eines deutschen Islams fördern.
Dass Imame aus dem Ausland anreisen, die die Probleme der ansässigen Muslime vor Ort nicht kennen und teilweise kein Deutsch können, empfinden besonders viele junge Muslime als störend, weshalb deutsche Prediger wie Pierre Vogel einen enormen Zulauf haben, die die Lebenswelt der Muslime hier teilen und verstehen. Deswegen denke ich, dass die Muslime ihre Heimatverbundenheit mit Deutschland stark und deutlich signalisieren sollten, und auf dieser Selbstverständlichkeit aufbauend dann auch selbstbewusst demokratische Teilhabe für sich in Anspruch nehmen und einfordern sollten.
Welchen persönlichen Ratschlag würden sie dem Innenminister geben für seine weitere staatsamtliche Mission die Teilhabe der Muslime an der deutschen Gesellschaft zu stärken?
Naika Foroutan: Er sollte mal darüber nachdenken, sich mehr Staatssekretäre mit Migrationshintergrund in sein Ministerium zu holen. Das würde ihm gut zu Gesicht stehen. Ich würde ihm darüber hinaus raten, den Dialog respektvoller mit den Muslimen zu führen. Weniger väterlich, schulterklopfend und nach dem Motto: „Wir meinen es ja nur gut mit euch.“ Das sollte vermieden werden und lieber ein faires und offenes Gespräch auf Augenhöhe begonnen werden.
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