Mehr als 90 Prozent für die Unabhängigkeit Kataloniens von Spanien

Abschlusskundgebung

Am Abend gab es eine zentrale Abschlusskundgebung, wo sich viele tausend Menschen zum Feiern versammelt haben. Die Stimmung war, nachdem der Druck weg war, ausgelassen feierlich. Lange ersehnt war der Auftritt von Carles Puigdemont. Erwartet wurden vom katalanischen Regierungschef klare Worte und die fand er dann auch, als klar war, dass das Referendum haushoch gewonnen wurde, nicht allein wegen des Ergebnisses, sondern das man alle spanischen Hürden und die gesamte Repression ausgehebelt hat.

So erinnerte Puigdemont, dessen Wahlbüro besonders heftig gestürmt worden war, an die vielen Verletzten und bedankte sich bei allen, die zu diesem "Sieg" beigetragen haben. "Spanien hat eine skandalöse Seite in der Beziehung zu Katalonien geschrieben", sagte er. "Wir, die Bevölkerung Kataloniens, haben an diesem Tag der Hoffnung und des Leidens das Recht gewonnen, einen eigenen unabhängigen Staat in Form einer Republik zu haben." Das Bild Spaniens im Ausland habe sich noch weiter verschlechtert und sei auf ein so tiefes Niveau gesunken, das für immer haften bleiben werde.

Er sprach den spanischen Ministerpräsidenten Rajoy auch direkt an. "Die ungerechtfertigte Polizeibrutalität beschämt die, die sie rechtfertigt." Rajoy fabuliert weiter davon, dass "kein Referendum stattgefunden hat, sondern wir haben nur einer Inszenierung beigewohnt". Das hat ein völlig gescheiterter Präsident erklärt, der lauthals und gebetsmühlenhaft versprochen hatte, dass es keine Urnen und Wahlzettel geben werde und man das Computersystem für die Wahlen lahmlegen werde. Nichts davon haben er und seine Repressionskräfte erreicht.

Man fragt sich ernsthaft, ob der Mann seine eigenen Lügen glaubt, ob er in einer Echokammer sitzt oder schlicht Fake-News verbreiten will. "Wir haben getan, was getan werden musste", fügte er aber an, um seine Gewalt zu rechtfertigen. Wirklich wundern muss man sich über die Rechtfertigung brutaler Gewalt von einem Mann nicht, der Chef einer Partei ist, die von Franco-Ministern gegründet wurde und sich von Putsch und Diktatur nie distanziert hat (vgl. Der umstrittenste Spanier ist gestorben).

Welche Ausmaße sie hatte, davon kann Marta Torrecillas ein Lied singen, die misshandelt wurde und sexuelle Übergriffe erleiden musste. Wie die Bürgermeisterin von Barcelona erklärt hat, handelte es sich nicht um den einzigen Fall. Torrecillas erklärte nach den Misshandlungen, dass man ihr absichtlich einen Finger nach dem anderen gebrochen habe und man sie überall angegrapscht habe:

I was defending old people with my arms open, I was not doing anything else but defending old people, because they have beaten children, old people, and they grabbed me, they threw me down the stairs, they kicked me. They broke my fingers, one by one on purpose, here in the middle of the stairs with my clothes pulled up. They touched my breasts and they were laughing and they beat me while everyone was filming. Tell everyone, Laura, everyone must know about this. They broke my fingers one by one on purpose, I mean this is evil, totally evil, totally totally evil.

Einseitige Unabhängigkeitserklärung auf die Tagesordnung gerückt

Nicht ganz klar ist, wie der Weg in Katalonien nun weitergeht. Doch Puigdemont machte eigentlich klar, dass nun eine einseitige Unabhängigkeitserklärung auf die Tagesordnung gerückt ist. "Die Regierung wird die Ergebnisse in den folgenden Tagen ans Parlament übergeben, damit es nach den Vorgaben des Referendumsgesetzes handelt." Das hatte gegenüber Telepolis auch die Parlamentspräsidentin Carme Forcadell vertreten (vgl. "Über jedes Ergebnis hinaus wird Katalonien gewinnen"). Dieses Gesetz sieht eine Erklärung der Unabhängigkeit innerhalb 48 Stunden bei einem Ja unmissverständlich vor (vgl. Gesetz zum Unabhängigkeitsreferendum für Katalonien beschlossen).

Klar ist, dass ab Dienstag ein Generalstreik beginnen wird, zudem zunächst die anarchosyndikalistische CGT aufgerufen hatte und zu dem seit Sonntag auch die linksradikale CUP-Partei aufruft. In dieser Form hätte er wenig Aussicht auf durchschlagenden Erfolg gehabt, doch nun haben sich auch die beiden großen spanischen Gewerkschaften angeschlossen. Die Sektionen der CCOO und UGT in Katalonien wollen ebenfalls für die "Freiheit Kataloniens" eintreten. Sie haben mit der gesamten "Plattform für Demokratie" dazu aufgerufen und machen klar, dass sich der Streik nicht gegen die Unternehmer wendet, sondern gegen die spanische Regierung - und sie rufen die Unternehmer und Selbstständigen zur Teilnahme auf. (Ralf Streck)