Mehrarbeit für weniger Arbeit

Eine Kritik an der gängigen Position, dass wir mehr arbeiten müssen, um wieder mehr Arbeitsplätze zu schaffen

Bis etwa 2003 galt in der Debatte um die Senkung der Arbeitslosenzahlen: Es ist nicht genug Arbeit für alle da. Die weniger werdende Arbeit muss gerecht verteilt werden. Die Gewerkschaften forderten zusätzlich zu kürzeren Arbeitszeiten auch noch mehr Lohn. Das ging lange gut. Auch gegen den Widerstand der Wirtschaft. Doch bei kürzeren Arbeitszeiten zu geringeren Löhnen hätten auch die meisten Unternehmer bei der Arbeitszeitverkürzung mitgemacht. Seit 2004 aber wird gefordert: Wir müssen mehr arbeiten. Damit mehr Arbeitsplätze entstehen.

Ich behaupte: Diese Position ist entweder von Paranoia oder von Perfidie getrieben. (Ich schließe klassische Dummheit angesichts der formalen Bildungsgrade der Beteiligten aus.) Die Intensität der Debatte, die keine ist, weil niemals genau argumentiert wird, hat mittlerweile vielen Beteiligten den (unterstellt) einst vorhandenen gesunden Menschenverstand ausgetrieben.

Ich demonstriere das an einem wichtigen Herrn, der seit Jahren die deutsche und europäische Arbeitsdebatte mitprägt: Hans-Werner Sinn, Präsident des Ifo-Institutes. Seine Begründung findet sich in dem Artikel Warum wir länger arbeiten müssen. Der 14. November 2004 in der Welt am Sonntag erschienen ist.

Wenn länger gearbeitet wird, steigt die Produktivität des einzelnen Arbeitnehmers.

Hans-Werner Sinn

Falsch. Produktivität bezeichnet die Effizienz von Produktion. Wenn ein Arbeitnehmer länger arbeitet, die Arbeit aber gleich strukturiert bleibt, bleibt auch die Produktivität gleich. Was steigt, ist die Produktion des Unternehmens.

Ein Arbeitnehmer ist produktiver, wenn er pro Stunde mehr produziert als zuvor. Wenn der Arbeitnehmer für Mehrarbeit nicht mehr Geld bekommt, steigt neben der Produktion allerdings auch die Produktivität des Unternehmens. Es kann mehr produzieren, ohne mehr Geld dafür auszugeben.

Herr Sinn kann sicher zwischen der Produktivität eines Arbeitnehmers und der eines Unternehmens unterscheiden. Dass er es in den Medien nicht tut, muss ihm als böse Absicht unterstellt werden.

Da die Lohnkosten pro Kopf steigen, lohnt es sich für den Unternehmer, mehr Leute einzustellen.

Hans-Werner Sinn

Es lohnt sich nur, wenn der Zuwachs an Produktion auch verkauft werden kann. Wir haben aber bereits eine Nachfragekrise in den entwickelten Industrienationen. Die meisten Märkte sind gesättigt. Es wird bereits zu viel produziert. Wozu neue, wenn auch billigere Arbeitskräfte?

(Arbeitnehmer) werden eingestellt, weil es dem Unternehmer auf diese Weise gelingt, seinen Gewinn noch mehr zu steigern, als es bereits durch die Mehrarbeit der Stammbelegschaft der Fall ist.

Hans-Werner Sinn

Wenn das stimmt, wäre dies das todsichere Rezept für Gewinnmaximierung und zugleich Vollbeschäftigung. Herr Sinn müsste unmittelbar Herrn Clement als Superminister ablösen.

Wie geht das Rezept? Erst bewegt man die Stammbelegschaft zu längeren Arbeitszeiten. Dann stellt man so viele weitere Arbeiter ein, wie es nur geht. Mit jedem zusätzlichen billigen Arbeiter wächst der Gewinn des Unternehmers. Wer die meisten Arbeitnehmer einstellt und möglichst lange arbeiten lässt, fährt die höchsten Gewinne ein. So Herr Sinn, wörtlich genommen.

Phantastisch. Oder Wahnsinn? Oder ein maximal perfider Täuschungsversuch?

Eine Ausweitung der Arbeitszeit ist im Wirtschaftsablauf exakt dasselbe wie ein technischer Fortschritt, der die Produktivität jedes einzelnen Menschen bei gleicher Arbeitszeit erhöht.

Hans-Werner Sinn

Nochmals: Nicht die Produktivität des Einzelnen, sondern die des Unternehmens wird durch Mehrarbeit bei gleichem Lohn erhöht. Nur in diesem Sinne ist billige Arbeit für das Unternehmen wirtschaftlich exakt dasselbe wie die Erhöhung der Produktivität durch technischen Fortschritt.

Erhöht sich aber die Produktivität, ohne dass der Markt des Unternehmens wächst, muss bei mindestens einem Produktionsfaktor gespart werden, wenn nicht am Markt vorbei produziert werden soll. Das Unternehmen kann Maschinen demontieren oder Mitarbeiter kündigen. Mehrheitlich machen Unternehmen Letzteres. Das zeigt die gesamte Geschichte der Industrialisierung. Nur in Billiglohnländern lohnt es sich, weniger Roboter zu installieren und mehr Arbeiter einzustellen, um die Produktion eines neuen Automobilwerkes in Gang zu setzen.

Wenn Arbeitnehmer mit dem gleichen Maschinenpark mehr arbeiten, ohne dass der Absatz wächst, sorgen sie dafür, dass ein Teil der Arbeitnehmer gekündigt wird. Es ist also gleich, wie die Produktivität des Unternehmens erhöht wird - durch effektivere Maschinen oder länger arbeitende Arbeitnehmer -, ohne Wachstum durch Absatz kommt immer das Gleiche heraus: Kündigungen.

Wer argumentiert, daß eine Arbeitszeitverlängerung zu Problemen führt, muß argumentieren, daß der technische Fortschritt es auch tut. Man kann nicht einerseits Innovationen fordern, die die Produktivität der Arbeit vergrößern, um so Deutschlands Arbeitsplätze zu erhalten, und andererseits eine Arbeitszeitverlängerung mit dem Argument ablehnen, daß sie zu Entlassungen führen. Beide Positionen widersprechen einander.

Hans-Werner Sinn

Hier lässt Herr Sinn die Katze aus dem Sack. Nehmen wir den Argumentationstrick Stück für Stück auseinander:

Arbeitszeitverlängerungen führen zu Problemen.
Technischer Fortschritt führt zu Problemen.
(Das Hauptproblem: Der Produktivitätsgewinn für das Unternehmen führt zu Kündigungen, wenn das Wachstum den Produktivitätszuwachs nicht ausgleicht.)

Alle fordern Innovationen.
Innovationen erhöhen die Produktivität.
Innovationen führen zu Kündigungen.
Innovationen erhalten Deutschlands Arbeitsplätze.
Wer Innovation will, muss auch längere Arbeitszeiten wollen.

Merken Sie den Trick? Innovationen werden mit Produktivitätszuwachs gleich gesetzt. Und: Innovationen führen zu Kündigungen und zugleich zum Erhalt von Arbeitsplätzen. Das ist paradox. Aber nur, weil Herr Sinn etwas unterschlagen hat:

Innovationen fördern Wachstum und Produktivität. Im besten Falle gibt es mehr Wachstum als Produktivitätszuwachs. Dann gibt es auch mehr Arbeitsplätze.

Leider gibt es immer öfter Innovationen, die zu wenig Wachstum und zu viel Produktivitätssteigerung führen. Deshalb gibt es immer weniger Arbeitsplätze.

Wie kann dem begegnet werden?

  1. Konservativ-gerecht: Die vorhandene Arbeit wird unter den Arbeitsnachfragern aufgeteilt. Alle arbeiten weniger. Und verdienen weniger.
  2. Wachstumsorientiert: Es wird auf Innovationen gesetzt. Die können zu mehr Arbeitsplätzen führen.
  3. Kombinationen sind möglich. Und werden von Gewerkschaften favorisiert.

Höhere Arbeitszeiten bei gleichem Lohn führen niemals zu mehr Arbeitsplätzen. Sie führen immer zum Verlust von Arbeitsplätzen. Länger zu arbeiten ist nicht innovativ. Es hilft nur dem Unternehmen, Geld zu sparen ohne innovativ zu sein. Länger zu arbeiten verhindert deshalb sogar Innovation.

Und wie können Innovationen zu Kündigungen und zugleich zum Erhalt von Arbeitsplätzen beitragen? Sehr einfach:

Herr Sinn meint genau die Arbeitsplätze, die übrig bleiben, wenn Kündigungen ausgesprochen wurden. Es bleiben halt immer die Arbeitsplätze erhalten, die nicht vernichtet worden sind. (Das ist eine Tautologie; sie unterstellt die völlige Blödheit der Menschen, denen Herr Sinn seine Lehren vermitteln will.)

Der Kapitalismus hat den technischen Fortschritt der letzten zweihundert Jahre statt in eine Massenarbeitslosigkeit in eine gewaltige Erhöhung des Lebensstandards umgemünzt. (...) Auch die Verlängerung der Arbeitzeit wird eine solche Erhöhung des materiellen Lebensstandards mit sich bringen.

Hans-Werner Sinn

Wir hatten fast 200 Jahre lang Glück mit dem Kapitalismus. Er hat durch Produktivitätszuwächse immer Arbeit vernichtet. Und zugleich durch Wirtschaftswachstum erlaubt, dass wir heute weniger als die Hälfte der Stunden arbeiten wie ein Arbeiter um 1900.

Eine Verlängerung der Arbeitszeit ohne Lohnerhöhung kann den materiellen Lebensstandard nicht erhöhen. Dazu brauchte es mehr Lohn. Mehr arbeiten und gleich verdienen heißt: Gleicher materieller Lebensstandard bei gesunkener Lebensqualität (Lebensqualität = Lebensstandard : Arbeitszeit).

Aber der Leser mag sich fragen, wo die Nachfrage für den Absatz der durch Mehrarbeit erzeugten Mehrproduktion herkommen soll. Nun, sie kommt aus zwei Quellen. Zum einen fallen wegen der höheren Produktivität der Arbeiter die Stückkosten der Produktion. Das erlaubt es den Unternehmen, ihre Waren und Leistungen billiger abzugeben. Zu niedrigeren Preisen ist die Nachfrage höher. (...) Zum anderen erzeugt das zusätzliche Angebot an Waren die Nachfrage selbst.

Hans-Werner Sinn

Richtig: Die Stückkosten sinken. Aber: Der Arbeitnehmer hat mehr gearbeitet, dadurch mehr Produkte bei niedrigeren Kosten hergestellt, die nun billiger auf den Markt kommen. Er könnte jetzt mehr von dem kaufen, das er durch seine Mehrarbeit produziert hat, als zuvor.

Und hier sitzt der Haken: Er könnte mehr kaufen. Aber tut er es? Und: Welche Produkte können überhaupt durch mehr Arbeit bedeutend billiger werden? Und wovon soll ein Arbeitnehmer mehr kaufen wollen? Die Wirtschaft hat derzeit kein Nachfrageproblem wegen hoher Preise. Sie hat ein Nachfrageproblem trotz fallender Preise.

Phantastisch die Annahme, dass Angebote die Nachfrage erzeugen. Das wäre die zweite Zauberformel des Herrn Sinn, um alle Marktprobleme zu lösen. Leider haben westliche Gesellschaften nach dem 2. Weltkrieg von Nachfragemärkten auf Angebotsmärkte umschalten müssen. Anbieter prügeln sich seither um Kunden. Und betteln um die Abnahme von Waren.

Bei den Dienstleistungen sieht es allerdings etwas anders aus als bei Produktion und Konsum: Wenn alle Krankenschwestern länger pflegen, alle Schaffner länger knipsen, alle Berater länger beraten und alle Psychologen länger therapieren, können alle Beteiligten in einer Art gigantischen Ringtauschs mehr Dienstleistungen von anderen ankaufen, ohne dafür mehr Geld ausgeben zu müssen. Die Wirtschaft würde einen Wachstumsschub erleben. Das passiert immer, wenn die unbezahlte Tätigkeit von Menschen (helfen, beraten, Rasen mähen) in Lohnarbeit verwandelt wird.

Die Bewohner der Dienstleistungsgesellschaft haben aber bereits einen anderen Weg gefunden, um den Bedarf nach Dienstleistungen zu decken: Schwarzarbeit und Dienstleistungstausch. Der Vorzug: Der Staat kassiert nicht mit.

Daher verlangen Reformer eine Absenkung der Lohnnebenkosten und der Steuern. Lohnarbeit soll billiger werden. Wie billig? So billig es geht. Warum? Damit wenigstens alle Lohnsummen dem Bruttosozialprodukt zugeschlagen werden können. Wem hilft das? Dem Superminister. Dem Ansehen Deutschlands.

Vielleicht auch Herrn Sinn? Ich frage mich eh: Was hat der Mann davon, uns solche Wirtschaftsmärchen zu erzählen? Ist das seine Art der Förderung von Wirtschaftswachstum? Will er durch immer mehr publizierte Meinung die Nachfrage nach sich selbst stärken, wie es seine eigenen Regeln empfehlen? Wenn dem so ist, dann können wir hier nochmals beobachten, wohin sie führt, die blindwütige Mehrarbeit bei sinkender Nachfrage. (Jo Wüllner)

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