Mehrere Tote bei Großbrand in Londoner Hochhaus

Grenfell Tower, um 4:43 Ortszeit, 14.06.17 Bild: Natalie Oxford , Twitter / CC BY 4.0

Eine Initiative hatte Monate zuvor vergeblich vor der Gefahr einer Feuerfalle im 24-stöckigen Gebäude gewarnt. Kritik gibt es an der Außenfassadenverkleidung

Die Hochhäuser in London, die der Leser der Wochenendbeilage der Financial Times mit dem Titel "How to spend it" (etwa: "Wie ich mein Geld am besten ausgebe") zu sehen bekommt, sind Prestigeobjekte, die ein hypermodernes urbanes Leben von seiner besten Seite versprechen für Besteinkommen.

Das Feuerinferno, das heute weltweit für die nächsten bitteren Berichte aus London sorgt, brach in einem Hochhaus aus, "das 1974 in einem Arbeiterviertel des Stadtteils North Kensington errichtet worden war" (Spiegel). 6 Tote, 20 Verletzte in einem kritischen Zustand und 74 Menschen, die im Krankenhaus behandelt werden, lautete am Mittwochnachmittag die Zwischenbilanz. Manche Menschen sollen aus Verzweiflung aus dem Haus gesprungen sein.

Die Brandursachen sind noch unbekannt. Laut dem Telegraph wird über "eine Gasexplosion oder einen fehlerhaften Kühlschrank" spekuliert. Die Menge an Fragen, auf die in den kommenden Tagen allesamt Antworten gefunden werden, wie Bürgermeister Sadiq Khan versprach, konzentrieren sich hauptsächlich auf zwei für heutige Standards erstaunliche Phänomene: Dass sich das Feuer rasend schnell über die Außenverkleidung vom 2. Stock bis ganz oben zum 24. Stock verbreiten konnte und Probleme bei der Rettung aus der Feuerfalle.

Beide Phänomene legen nahe, dass für die Katastrophe jemand zur Verantwortung zu ziehen ist. Sie ereignete sich nicht aus dem heiteren Himmel, unter dem die genannten Nobelwolkenkratzerwohnungen präsentiert werden, und Terroristen waren es diesmal auch nicht, wie Scotland Yard herausfand.

In diesem Zusammenhang wurde in Berichten auf eine Warnung der Grenfell Action Group hingewiesen (das Hochhaus, in dem der Brand ausbrach, heißt Grenfell-Tower), die vor sieben Monaten in einem Blog-Posting genau eine solche Katastrophe anmahnte: "(…) einzig ein katastrophales Ereignis wird die Unfähigkeit und Inkompetenz der Verantwortlichen für unser Haus herausstellen sowie die gefährlichen Lebensbedingungen und der Vernachlässigung von Gesetzen zum Schutz der Gesundheit und der Sicherheit, die sie den Bewohnern auferlegen".

Dem folgen harte Beschimpfungen der Vermieteresellschaft, "böse", "prinzipienlos", "Mini-Mafia" … Der Zorn auf die Gesellschaft war augenscheinlich sehr groß. Bei den Vorwürfen geht es um Vorhaltungen übler Manöver der Gesellschaft, damit sie ihr Verwaltungsgeschäft behält, und insbesondere um große Mängel bei Sicherheits-und Rettungsvorkehrungen, die sich schon bei zuvor ausgebrochenen Bränden in anderen Gebäuden gezeigt hatten, die von der selben Gesellschaft verwaltet wurden.

Laut Guardian hätten sich auch die Bewohner in den letzten Jahren vergeblich über Sicherheitsvorkehrungen im Feuerfall bei der Gesellschaft beschwert.

Inwiefern die Gesellschaft bei der Auswahl von Materialen zur Fassadenverkleidung entscheidende Mitsprache hatte, ist offen. Bekannt ist, dass der Grenfell Tower für rund 11 Millionen Euro renoviert wurde. Die Arbeiten waren 2016 beendet. Dazu gehörte laut New York Times die Erneuerung der Fassade durch eine neue Verkleidung ("cladding").

Die Rolle des "cladding" steht nun im Zentrum der Ursachenforschung nicht des Brandherds, sondern der katastrophal schnellen Ausbreitung des Feuers am Gebäude. Das beschäftigt auch Berichte im fernen Australien, die darauf aufmerksam machen, dass die "tödliche Fassadenverkleidung" auch bei australischen Bauten verwendet wird. Laut Informationen des Sydney Morning Herald handelt es sich "möglicherweise" um Platten mit Aluminium (ACM - aluminium composite material). Diese Information geht auch aus einer Architektur-Info-Seite zum Grenfell-Tower hervor.

Im Guardian-Live-Blog zur Tragödie scheint man sich darüber einig, dass die Rettungswege - der Altbau hatte offenbar nur eine Nottreppe - unzureichend waren. Über das Material der Außenverkleidung gibt es unterschiedliche Aussagen.

Architekten, die selbst mit Neu-Verkleidungen von Fassaden befasst sind, betonen, dass die Art der Plattenverkleidung (rainscreen system) des Grenfell-Towers eigentlich so konzipiert ist, dass sie auf jedem Stockwerk eine Feuerbremse haben sollte, so dass die Flammen im Hohlraum hinter den Platten nicht übergreifen könnten. Dort stecke das Problem: "The issue is the cavity between the existing wall and the rainscreen."

Andere Experten wie Jim Glocking, technischer Direktor der Fire Protection Association, üben dagegen Kritik an der Auswahl des Materials der Verkleidung. Hier sei das "unentschuldbare Moment" zu suchen. Es gebe die Wahl für ein "perfektes Material, das nicht entflammbar ist", die man treffen könne. Aber jemand habe diese Wahl nicht getroffen. Anscheinend hat sich jemand bei der Frage, wie man Geld am besten ausgibt, grob zu Lasten anderer verrechnet.

Die Feuerwehr ist auch späten Nachmittag noch auf der Suche nach Eingeschlossenen im Grenfell-Tower. Der Brand sei noch immer nicht unter Kontrolle, heißt es.

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