Zunehmendes Misstrauen in Regierungen, Medien, Eliten und NGOs: Sind Unternehmer der systemrettende Anker?

Danach würde es so aussehen, als könnten revolutionäre Veränderungen stattfinden, die Donald Trump mit dem Ausstieg aus den Freihandelsabkommen schon eingeleitet hat, allerdings bleibt abzuwarten, ob er die Unzufriedenheit seiner Wähler und deren Misstrauen auffangen kann, schließlich ist er nun selbst an der Regierung und könnte bald den Bonus des vermeintlichen Außenseiters verspielt haben. Allerdings sind über 70 Prozent der Befragten für mehr staatlichen Protektionismus, fast 50 Prozent gehen davon aus, dass Freihandelsabkommen Arbeitsplätze gefährden. 60 Prozent der Menschen haben Angst, aufgrund mangelnder Ausbildung ihren Job verlieren zu können, ebenso viele fürchten Konkurrenten im Ausland, 58 Prozent Migranten, 55 Prozent Verlagerung in billigere Länder und 54 Prozent die Automatisierung.

Trumps "Make America Great Again" trifft offenbar nicht nur auf bei den Amerikanern auf ein offenes Ohr. 69 Prozent aller Befragten sagen, dass die Interessen des eigenen Landes über das der anderen gestellt werden müsse. Und 72 Prozent verlangen, dass die Regierung die Jobs und die heimische Wirtschaft schützen müssen, wobei sie ein langsameres Wirtschaftswachstum in Kauf nehmen.

Dramatisch sei das Vertrauen in die Manager und Regierungen gefallen. Nur für 37 Prozent seien Unternehmenschefs glaubwürdig, von den Regierenden, die die Menschen in den Demokratien ja selbst gewählt haben, sagen dies gerade noch 29 Prozent. Am wenigsten Vertrauen haben die Menschen in die Politiker. Eliten sind in ihrem Ansehen gestürzt. Akademiker oder Experten genießen mit jeweils 60 Prozent nicht mehr Vertrauen als "ein Mensch wie du und ich" und haben an Vertrauen eingebüßt. Politiker und Unternehmensführer rangieren weit darunter. Regierungen gelten nicht nur in den Industrieländern, sondern auch in den Entwicklungsländern als "inkompetent, korrupt und gespalten".

Fast Zweidrittel der Menschen vertrauen geleakten Informationen mehr als Pressemitteilungen, was weniger für die Echokammer spricht, wie Edelman meint, als für die realistische Skepsis gegenüber oft geschönten Selbstdarstellungen. Für mehr als die Hälfte sind Einzelpersonen glaubwürdiger als Institutionen. Und - siehe Trump - spontane Sprecher, die offen sind und herausplatzen, genießen mehr Glaubwürdigkeit als zurückhaltende und diplomatisch auftretende.

Ähnlich tief sind Medien im letzten Jahr gefallen. Medien würden als politisiert verstanden werden, sie würden wegen der ökonomischen Zwänge nicht mehr ordentlich berichten und den Sozialen Medien hinterherlaufen. Gegenüber dem letzten Bericht 2016 verloren die Medien am meisten an Glaubwürdigkeit und fielen um 5 Punkte von 48 auf 43, Regierungen und Unternehmen verloren nur einen Punkt, NGOs zwei Punkte. Nur in China, Singapur, Holland, Indien und Indonesien findet eine knappe Mehrheit die Medien als glaubwürdig. 59 Prozent der Befragten würden eher einer Suchmaschine als einem Redakteur Vertrauen entgegenbringen. Insgesamt habe sich eine Welt hergestellt, in der die Menschen in selbstreferentiellen Blasen leben. In Deutschland trauen 42 Prozent den Medien, 2 Punkte weniger als im Bericht 2016. In den USA sagen dies noch 47 Prozent, während weniger als ein Drittel in der Türkei, in Irland, Polen, Russland, Australien, Japan und Großbritannien noch Vertrauen in Medien äußern, eine bunte Mischung an Ländern.

Der Bericht weist darauf hin, dass die Privatwirtschaft trotz Rückgang mehr Vertrauen genießt als Regierungen, Medien und NGOs, wobei bei letzteren unklar ist, was die Menschen genauer darunter verstehen. Das unterscheidet sich zwar stark zwischen Südkorea, Hongkong, Russland und Polen am unteren Ende und China, Mexiko, Indien und Indonesien am oberen Ende, wo man eher auf einen Wohlstandsaufstieg hofft, als einen Niedergang fürchtet. In Deutschland ist das Vertrauen in die Privatwirtschaft mit 43 Prozent relativ gering, konnte aber um einen Punkt zulegen. Wenig erstaunlich gelten die Unternehmer dem Bericht des Unternehmens als rettende Anker in der Misstrauensflut, die alles niederzureißen droht

Trumps Wahlsieg könnte mit dem Misstrauen in die Elite auch erklären, dass Unternehmen in den USA mit 58 Prozent gut angesehen sind, zudem haben sie 7 Punkte letztes Jahr zulegen können. Vertrauen genießt vielleicht der Unternehmer Trump, der aber jetzt Politiker wurde. Ihm trauen Menschen vielleicht deswegen mehr zu, wenn er sich selbst als entschlossen und tatenfreudig darstellt und die politischen Institutionen geringschätzt und im Hintergrund hält. Klingt alles fast so, als hätte Trump die Ergebnisse des Berichts in seinem Wahlkampf und vor allem in seiner Antrittsrede umgesetzt.

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