Mein Bauch gehört mir?

Abtreibungsgegner machen in Österreich mobil

Abtreibungsgegner werden gern fundamentalistischen religiösen Lagern zugeordnet, in der westlichen Welt vor allem konservativ-katholischen Gruppierungen. Die Wirklichkeit sieht etwas anders aus. Schwangerschaftsabbruch ist zwar in den meisten europäischen Ländern legal und somit straffrei. Er gilt aber fast überall als rechtswidrig. Das bekommen Betroffene auf unterschiedliche Weise zu spüren.

Der Himmel über Wien war am Donnerstag mit grauen Wolken verhangen, was dem Rummel um das Einkaufszentrum Lugner City aber nichts anhaben konnte. Anders als vor zwei Wochen war er diesmal in erster Linie friedlicher Natur. Paris Hilton hat das Einkaufszentrum beehrt, deshalb der Menschenauflauf. Nur ein paar Besucher sind entgleist, haben die Millionenerbin mit Flugzetteln und Dosen beworfen.

Hinter Paris Hiltons Wien-Besuch steckten der Opernball und Richard Lugner. Der gelernte Baumeister lädt Jahr für Jahr prominente Gäste in seine Loge in der Staatsoper. Und bevor es zum Ball der Bälle geht, müssen die Pamela Andersons und Paris Hiltons dieser Welt eine Autogrammaudienz in seinem Shopping-Tempel geben. Das alles hat natürlich seinen Preis, doch Richard Lugner scheut für Publicity weder Kosten noch Mühen. Nur in den letzten Tagen wäre sie ihm beinah zu viel geworden, hat er in einem Interview gemeint.

Als das sexualmedizinische Zentrum Venus Med vor zwei Wochen in der Lugner City eröffnete, geriet der Baumeister als Hausherr ins Kreuzfeuer katholischer Kritik. Der Salzburger Weihbischof Andreas Laun hat ihn für exkommuniziert erklärt und vor der Lugner City wurde demonstriert. Der Grund: Im neuen sexualmedizinischen Zentrum werden Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen.

Der Psychoterror von Abtreibungsgegnern nimmt kein Ende

„Abtreibung raus aus dem Lugnerhaus“ oder „Lugner sei ein Held, schau nicht nur aufs Geld“ war auf den Transparenten zu lesen, mit denen Aktivisten des katholischen Vereins „Jugend für das Leben“ demonstrierten. Gleichzeitig haben sie eine Unterschriftenaktion initiiert. Auf der Website www.youthforlife.net wird zu einem Konsumboykott gegen die Lugner City aufgerufen. „Ich erkläre hiermit, weder in der Lugner City einkaufen zu gehen noch das Lugner Kino zu besuchen, solange in der Lugner City Abtreibungen durchgeführt werden“, ist am „Briefkopf“ der Unterschriftenliste zu lesen, die angeblich schon von 7.946 Menschen unterzeichnet worden ist.

Im Vergleich zu anderen täglich stattfindenden Aktionen in Wien ist diese Initiative jedoch fast als harmlos zu bezeichnen. Auch das Ambulatorium am Fleischmarkt führt Schwangerschaftsabbrüche durch. Direkt daneben: ein Büro der Abtreibungsgegnergruppe Pro Life. Abgesehen davon, dass sich in den Auslagen geschmacklose Embryo-Abbildungen befinden, müssen Frauen hier täglich mit Übergriffen von engagierten Abtreibungsgegnerinnen rechnen. Der Eingang des Ambulatoriums wird zwar von Security-Beamten bewacht. Den Aktivistinnen – es handelt sich vor allem um ältere Frauen – gelingt es aber trotzdem regelmäßig, ins Ambulatorium eilende Frauen aufzuhalten. Um sie als Mörderinnen zu beschimpfen oder ihnen Flugzettel und Plastik-Embryos in die Hand zu drücken. Ein wirklich täglich stattfindender Terror, der allgemein bekannt ist und sich mitten im Stadtzentrum Wiens abspielt. Dagegen unternommen wird seit Jahren nichts.

Mythen, die das Fürchten lehren sollen

Abtreibungsgegnerinnen sind aber auch in der virtuellen Welt anzutreffen. Gibt man bei Google den Suchbegriff Abtreibung ein, findet man natürlich (und glücklicher Weise!) Seiten, die seriös informieren. Die Abtreibungsgegner sind jedoch erstaunlich präsent und haben jede Menge Horrorinformationen parat. Unfruchtbarkeit, ein Ansteigen des Krebsrisikos oder Alkoholismus werden prophezeit, wenn „frau“ abtreibt. Alles Ammenmärchen, zumal Studien längst bewiesen haben, dass Frauen keine physischen Auswirkungen fürchten müssen, wenn der Eingriff fachgerecht durchgeführt wird.

Komplikationen treten in erster Linie dort auf, wo der Schwangerschaftsabbruch nicht legalisiert ist: in Europa in Ländern wie Polen, Irland, Malta oder Portugal. Schwangerschaftsabbrüche werden hier zwar auch durchgeführt, in der Regel aber nicht von Ärzten, sondern selbst ernannten, teuren Spezialisten, die oft keine medizinische Ausbildung besitzen.

Fortschritte und Rückschritte

Frauen, die in Portugal abgetrieben haben, droht noch bis zu drei Jahre Haft. Da am 11. Februar ein Referendum durchgeführt wurde, in dem sich mehr als die Hälfte der Unterzeichnenden für die Fristenlösung ausgesprochen hat, gehört die Zeit des Abtreibungsverbots jedoch bald der Vergangenheit an. Spätestens zu Beginn nächsten Jahres soll die Fristenlösung in Kraft treten. Sie gestattet einen Abbruch innerhalb der ersten 12 Schwangerschaftswochen.

Rückschritte gemacht wurden hingegen in Polen. Bis 1993 war die Abtreibung hier erlaubt, nun ist sie verboten. Ausnahmen werden nur bei Vergewaltigungsopfern oder aus medizinischen Gründen erteilt. Ebenso verhält es sich in Irland. Und in Malta werden keinerlei Ausnahmen gewährt.

Strafgesetzlich verankert ist der Schwangerschaftsabbruch aber auch in den Ländern, in denen eine Legalisierung stattgefunden hat. Einzig in Kanada wurde die Abtreibung ersatzlos aus dem Strafgesetz gestrichen. So ist ein Abbruch in Ländern wie Österreich oder Deutschland zwar straffrei, aber dennoch rechtswidrig.

Diese Begrifflichkeit drückt viel aus und insofern ist es kein Wunder, dass Frauen einen Schwangerschaftsabbruch für sich behalten. Das Thema ist eines der größten Tabus in unserer Gesellschaft. In mancherlei Hinsicht sogar mehr, als vor drei Jahrzehnten, wo die Frauen auf die Barrikaden gingen und für die Legalisierung gekämpft haben.

Frauen bekommen heute später, weniger und immer öfter gar keine Kinder. Das wird ihnen angekreidet und veranlasst mehr und mehr Regierungen dazu, das Kinderkriegen durch finanzielle Anreize attraktiver zu gestalten. Wer will da schon über seinen Schwangerschaftsabbruch sprechen, selbst wenn vielleicht jede vierte Frau betroffen ist?

Zahlen

Seitens der WHO heißt es, dass weltweit 46 Millionen Schwangerschaftsabbrüche pro Jahr stattfinden – und das entspricht etwa jeder vierten Schwangerschaft. Ungefähr 20 Millionen davon passieren illegal, die meisten in Ländern der dritten Welt. Bei der Nennung von Zahlen muss man in diesem Zusammenhang jedoch äußerst vorsichtig sein – auch in der Studie der WHO wird das ausdrücklich betont.

Für Europa lässt sich vor allem eine Tendenz klar fest stellen: Die Zahl der Abtreibungen ist gegenüber den achtziger Jahren in allen Ländern gesunken, was auf die bessere Verhütung zurückzuführen ist. In Deutschland wurden im Jahr 2005 etwa 124.000 Abbrüche vorgenommen, 1980 waren es 180.000.

Sehr groß ist die Schere in Österreich. Man schätzt jährlich zwischen 19.000 und 35.000 Schwangerschaftsabbrüche – dass die Zahlen so stark voneinander abweichen, hat damit zu tun, dass es außerhalb Wiens kaum Einrichtungen für Schwangerschaftsabbrüche gibt, Schwangerschaftsabbrüche aber auch in den Bundesländern durchgeführt werden.

Sehr konkret sind nur folgende Zahlen: 1970 haben 343 Frauen in Frankreich im Nouvel Observateur bekannt, abgetrieben zu haben. Alice Schwarzer hat daraufhin 374 Frauen in Deutschland mobilisiert, sich ebenfalls in der Öffentlichkeit zu outen. 1971 erschien dann ein großer Bericht in der Zeitschrift „Stern“, am Cover unter anderem auch Senta Berger und Romy Schneider. Das war sensationell, zumal diese Frauen mit ihrem Outing auch zugaben, gegen geltendes Recht verstoßen zu haben. Ob sich heute wieder Prominente finden lassen würden, die die Initiative mittragen? Paris Hilton jedenfalls wohl kaum. (Christa Salchner)

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