Mein Blut für eine Green Card

Bild: © Neue Visionen

Von Green Card Soldiers und verrückten weißen Männern: Rafi Pitts’ "Soy Nero" zeichnet ein tristes Bild der Migration

Ein paar Männer spielen am Strand Volleyball. Statt eines Netzes trennt die Spieler ein gewaltiger Zaun. Es ist der Grenzzaun, der sich zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten durch den Sand bis in das Wasser des Pazifik schiebt. Der Strand, der wenige Kilometer weiter ein schönes Panorama für Postkarten bildet, wird hier von einer rostigen Eisenpalisade geteilt.

Der junge Nero (Johnny Ortiz) steht auf der mexikanischen Seite dieser Palisade. Sie trennt ihn von seinem Bruder und einer Zukunft in den USA. Er muss die Grenze überqueren. Im Schutze des Feuerwerks der Silvesternacht schafft er es.

Odyssey durch ein hässliches Amerika

Per Anhalter durchquert Nero die toten Landstriche des amerikanischen Grenzgebiets. Nur die Windparks täuschen hier noch eine Form von Leben vor. Regisseur Rafi Pitts stellt dem mythischen Versprechen eines neuen Lebens bereits kurz hinter der Grenze desolate Landschafen und damit die amerikanische Realität entgegen. Auch Beverly Hills, das Nero am Ende seines Los-Angeles-Trips erreichen wird, wirkt wie eine groteske Karikatur dieses Versprechens.

Kein Mensch ist in den Bergen der Superreichen zu sehen, durch die Nero schlurft wie ein Schlafwandler. In der riesigen Villa, in der er wider Erwarten seinen Bruder Jesus (Ian Casselberry) antrifft, löst sich das Versprechen scheinbar ein. Doch der surreale Anstrich, mit dem Pitts die Bilder jenseits der Grenze überzieht, will auch im Moment dieser Wiedervereinigung nicht weichen.

Soy Nero (7 Bilder)

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In den Räumen voll mit ausgestopften Tieren, riesigen Soundanlagen und golden gerahmten Bildern gibt es keine Zuflucht. Der Aufenthalt in der Villa entpuppt sich als Fiebertraum, in dem sich trotz des Endes der Strapazen, reichlich Tequila und einigen Joints keine Erleichterung einstellt. Am nächsten Morgen endet dann auch der Traum: Nero muss die Villa verlassen, sein Bruder drückt ihm zum Abschied seinen Ausweis in die Hand - ein Ticket zur eigenen Greencard und gleichermaßen eine Schnellstraße zur Front des Irakkriegs.

Green Card Soldiers

Zwei Jahre will Nero als sogenannter Green Card Soldier in der US-Armee dienen, um die amerikanische Staatsbürgerschaft annehmen zu dürfen. Die Green Card als Anreiz für den Kriegsdienst - ein Maßnahme, die die Vereinigten Staaten bereits zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs nutzten, um zusätzliche Soldaten rekrutieren zu können.

Mit dem sogenannten Dream Act nahmen die USA diese Rekrutierungsstrategie 2001 wieder auf. Zwischen 2002 und 2014 erlangten mehr als 109.000 nicht amerikanische Angehörige der Streitkräfte, dem U.S. Citizen and Immigration Services zufolge, die US-Staatsbürgerschaft. Doch nicht jeder, der für sein zukünftiges Heimatland in den Krieg zieht, kehrt zurück.

Und nicht jeder, der zurückkehrt, darf bleiben. Daniel Torres ist einer der GIs, die nach dem Kriegseinsatz abgeschoben wurden. Sein Weg führte vom Irak direkt nach Tijuana. Für den Film fungierte er als Berater und sicherlich auch als Vorlage für den Protagonisten Nero, der selbst mehr als eine Schablone, ein Abbild eines Phänomens angelegt ist denn als Figur.

Schauwert Irakkrieg

Pitts inszeniert das Phänomen Dream Act direkt an der Front des Irakkriegs, der Schauplatz für den zweiten Teil des Films ist. Als Teil einer kleinen Einheit sichert Nero dort einen Checkpoint. Die steinige Wüste wirkt wie ein Spiegelbild des Landstrichs zwischen amerikanischer und mexikanischer Grenze: Niemandsland. Die GIs, die die einzige Straße in der toten Steppe bewachen, sind nicht weniger leblos als ihre Umgebung.

Gelangweilt tragen die Darsteller Trash-Talk über East- und Westcoast-Hip-Hop vor, der ebenso spröde und abgedroschen wirkt wie die Irakkrieg-Klischees, die der Film durchexerziert - vom schießwütigen Checkpoint-Wachposten bis zur tödlichen Autobombe. Es sind Szenen, die offenkundig nach einer Drastik suchen, die dem falschen Versprechen der Migration eine zusätzliche Textur geben könnte.

Doch Übergriffe auf irakischer Zivilisten bleiben ebenso Schauwerte, wie US-Soldaten die von Sprengfallen zerrissen werden. Die Gräuel des Krieges hinterlassen keine Spuren, da "Soy Nero" seine Figuren stets als Konzepte begreift. Hier scheitert Pitts' formelhafter Ansatz, der zwar den fragwürdigen Zustand einer Einwanderungs- und Rekrutierungspolitik mehr als deutlich macht, einen emotionalen Zugang aber komplett verwehrt. Der Krieg wirkt so weit entfernt und abstrakt, wie das Video eines Feuerwerks, das ohne Ton abgespielt wird.

Stupid White Men

Wirklich gelungen bleibt "Soy Nero" nur auf amerikanischem Boden, wo Pitts einen Zustand falscher Hoffnung und gelebter Resignation findet. Dabei scheint nicht nur die Traumwelt der Migranten zerstört, sondern auch die der wenigen weißen Amerikaner, die der Film zeigt.

Neben einem katatonischen Sergeant, der im offenen Feuer des Gegners den Tod sucht, treten routiniert rassistische Grenzpolizisten und ein Vater auf, der sein zunächst freundliches Auftreten mit zunehmenden Rückzug in absurde Verschwörungstheorie-Konstrukte ablegt, bis er schließlich von der Polizei angehalten und festgenommen wird.

Pitts präsentiert einen Zustand der amerikanischen Gesellschaft, in dem es kein Ankommen mehr gibt. Angehende und langjährige Staatsbürger sind gleichermaßen Verlierer der Migrationspolitik. Auf welcher Seite des rostigen Grenzzauns sie auch stehen mögen, die Idee der Heimat bleibt ein falsches Versprechen.

(Karsten Munt)