Mein Reich komme: 25 Jahre Tafeln in Deutschland

Demo vor dem Brandenburger Tor

Fiktive Autobiografie eines moralischen Unternehmens - Teil 1

Irgendwann lässt sich jeder Promi eine Biographie schreiben. Aber soweit kommt es noch! Wer so viel gestemmt hat wie ich, der macht das selbst! Ehrenamtlich, versteht sich. Wer wie ich seit 25 Jahren existiert und nun endlich mitten in der Gesellschaft angekommen ist, der darf auch mal ein wenig zurückblicken und sich freuen. Bloß nostalgisch werden, das sollte nicht sein. Wer wie ich in diesen Tagen rundherum gefeiert wird, der darf sich auch selbst einmal an die vielen Herausforderungen erinnern, die mit der eigenen Arbeit verbunden sind.

Ich sage nicht "verbunden waren", ich sage "sind". Weil das hier keinesfalls eine abschließende Biografie ergeben wird, nach der nichts mehr kommt. Türchen sollte man sich immer offenhalten. Und die nächsten 25 Jahre sind ein solches Türchen. Es stimmt: Wann immer ich irgendwo öffentlich auftrete und mich präsentiere - auf Kirchentagen oder Podiumsdiskussionen - betone ich, dass es mich eigentlich gar nicht geben dürfte, dass ich am liebsten überflüssig sei, dass alles getan werden müsse, damit ich endlich, ja endlich wirklich überflüssig werde. Diesmal bestimmt.

Aber wie schrecklich herzlos und wie brutal verachtend ist es, so über sich selbst reden zu müssen, nur weil das der sozialen Erwünschtheit meiner Beobachter und Kommentatoren entspricht? Mit aller Macht sträube ich mich dagegen und unterdrücke diesen existentiellen Juckreiz. Mir macht es fast nichts mehr aus, mir selbst zu widersprechen.

Je reifer ich werde und je mehr ich für meine Arbeit geehrt werde, desto seltener rede ich überhaupt noch so. Nun, nach 25 Jahren, bin ich endlich soweit und kann es aussprechen: Ich bin da und ich will gebraucht werden! 25 Jahre sind mir nicht genug! Es gibt keinen Grund aufzuhören. Ich will geliebt und unterstützt werden. Ich bin einfach zu gerne in dieser Welt.

Unterstützer im Lande,
geheiligt werde mein Name.
Mein Reich komme.
Mein Wille geschehe,
wie im Charity-Himmel so auch in der Praxis.
Ihr Brot gebe ich ihnen täglich,
auch wenn ich sie damit zu Ausgeschlossenen erkläre,
auch wenn Kritiker mir meine Schuld nicht vergeben.
Ich führe die Armen immer wieder in die Versuchung,
aber ich erlöse sie niemals von der Abhängigkeit.
Denn mein ist das Reich
und die Moral der guten Tat
und die Herrlichkeit der öffentlichen Anerkennung
für meine Ewigkeit.
Gerne auch gegen Spendenquittung.

Merken Sie sich den Namen Sabine Werth, eine tapfere Frau! 1993 hatte sie als Mitglied der Berliner Initiativgruppe (einem Verein für Berliner Frauen) die Idee, die "Berliner Tafel’" zu gründen. Alles ging zurück auf eine Reise in die USA und einen anschließenden Vortrag von Ingrid Stammer, der damaligen Senatorin, zum Thema Obdachlosigkeit. Es ist, wie so oft: Ich bin ich das Produkt einer Reise. Vielleicht, weil sich auf Reisen nicht nur geografische Horizonte öffnen, sondern auch geistige.

Das Vorbild heißt "City Harvest" - eine tafelähnliche Organisation in New York. Dann wurde überlegt, wie sich das auf Deutschland übertragen lässt. Einzig Sabine Werth blieb nach einem Jahr noch an der Idee dran und setzte sie um. Ohne sie, die "Mutter aller Tafeln" gäbe es mich in dieser Form heute gar nicht. Danke dafür!

Aber wie hat sich alles verändert! Was ursprünglich als reine Unterstützung von Obdachlosen begonnen hatte, wurde nach und nach quasi zu einem Vollversorgungssortiment für den abgehängten Teil der Gesellschaft. Dabei lief es ruckelnd an. Die gute Idee brauchte noch viel Überzeugungsarbeit, um in die Praxis umgesetzt zu werden. Die Supermärkte gaben in dieser Gründungsphase Lebensmittel mehr als ungerne heraus, weil sie Umsatzeinbußen befürchteten - ein aus heutiger Zeit geradezu absurd anmutendes Argument.

Für mich war das mühsam! Es tat weh, immer wieder sehen zu müssen, wie meine gute Idee auf Skepsis stieß. Immer wieder wurde ich gefragt, was ich eigentlich mit dem Müll wolle. Aber das war ja die eigentliche Pointe meiner Idee: Die übriggebliebenen Lebensmittel deklarierte ich eben nicht als Müll, sondern als ein kostbares Gut, das man weiterverteilen konnte. Null Tauschwert, aber hoher Gebrauchswert.

Erst nach und nach gelang es mir, Fuß zu fassen. Dazu trug auch eine Pro-bono-Aktion der Unternehmensberatung McKinsey bei. Die Unternehmensberatung stellte zwei voll bezahlte Kräfte drei Jahre lang frei, um ein "Handbuch zur Entstehung einer Tafel" und gleich noch ein "Handbuch zum Betrieb einer Tafel" zu verfassen. Das war endlich einmal Rückenwind! Endlich ging es voran.

Ich wuchs und wuchs und irgendwann gründete ich dann einen Verband, um mein Reich zusammenzuhalten. Eine Lobby ist alles. Trotzdem waren die ersten Jahre wirklich mühsam, keiner kannte mich. Unterstützung musste ich mühsam erbetteln, die Vernetzung musste ich nach und nach voranbringen.

Aber wie so oft im Leben passierten dann Dinge, die alles in eine Richtung trieben, von der man selbst noch nicht einmal etwas geahnt hatte. 2005 kam die Agenda 2010 und damit wurde mir ein tolles Geschenk gemacht. Endlich konnte ich meine Arbeit auf eine solide Basis stellen.

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