Meine Neuseeland Road Show

Das Auto ist gepackt. Mein Bürostuhl, auf dem Passagiersitz mit dem Sicherheitsgurt festgeschnurrt, dient als Hutablage, Kartenhalter, Aufbewahrungsfach, Garderobe, Beifahrerimitat. Alle Bilder: Tom Appleton

Von Wellington nach Tauranga

Die Wohnung ist leer geräumt, jede Ecke geputzt und mit Exit Mould Anti-Schimmel Chemie besprüht. Die Bücher: im Depot. Das Auto: gepackt. Es hat Küsse und Tränen gegeben. Ich verlasse Wellington, Richtung Tauranga. Es beginnt meine neuseeländische Road Show.

Ja, dieser "Sommer" war wirklich ein Wash-out. Zwei Wochen lang Sonne im November, dann Sonnenschein am 6. und 26. Dezember und fünf schöne Tage im Februar, den Rest der Zeit: Regen. Sturm / Winde. In Australien hatten sie die Wechselbäder aus gigantischen Überflutungen und Trockenheiten / Feuersbrünsten. In Christchurch legte das zweite massive Erdbeben seit letztem September die Stadt endgültig flach. Und zu allem Überfluss hat mich meine Vermieterin auch noch vor die Tür gesetzt. Sie will ihr Haus verkaufen.

Zum Glück hat mein kleiner Nissan, Modell 92, (also nicht mehr der Jüngste) eben noch seine Berechtigung erworben, weiter am Straßenverkehr teilzunehmen. WOF, "Warrant of Fitness", zu Deutsch: TÜV. Ein zuverlässiges Auto, wie mein alter "Zwaarer-Golf" in Wien, wenn auch, im ozeanbesprühten Neuseeland, weniger Rost-resistent. Dafür ausreichend motorisiert, mit Automatik. Sprintstark, auch im voll beladenen Zustand. Zwei Bücherkisten, Küchenkram, Wäsche, Kleidung, Bettzeug, Elektronik, das Auto ist bis in jeden Winkel - gestopft.

Neben mir, auf dem Beifahrersitz eingeklemmt, befindet sich mein Bürostuhl, oder - was heißt Büro? Mein Stuhl für alle Gelegenheiten. Ich sitze gerne drauf, wenn ich drauf sitze, oder lese oder schreibe. Jetzt balanciert mein 250-US-Dollar "Desperado"-Hut (mit den nachgemachten Metall-Studs aus Plastik am Hutband) auf dem Stuhlbein, wie auf einer Hutablage. Man könnte meinen, es säße jemand neben mir. Der ewige Regen in Wellington hat die Hutkrempe aufgeweicht und überhaupt dem Hut jede Form genommen. Ein Stetson? Dass ich nicht lache.

Das Auto hat einen Kassettenspieler, und ich werfe die alten Kassetten ein, die schon seit Jahrzehnten um mich herumschwirren. Es ist die einzige Gelegenheit, die ich habe, sie überhaupt zu hören. Musik vom Wiener Sender FM-Fear aus den Jahren 2000 und 2001, die ich damals meiner Tochter geschickt hatte. Andere Aufnahmen aus den 90er Jahren, und sogar Kassetten aus den 80ern, mit ganz alten Sachen. Hier ein Interview auf "Anything Goes" vom SFB, mit dem Sänger der Escalators. Der Ärmste klingt angestrengt optimistisch, oder anders gesagt, eigentlich depressiv, weil seine Band es noch immer nicht, wie die Jungs von Interzone, nach ganz oben geschafft hat. Na was soll's. Der arme Pudelko ist indessen noch höher geflogen, er ist längst im Himmel angekommen, und ich fahre durch diese grau-grüne Landschaft, hinaus aus Wellington, und lausche dieser Single der Escalators, der ersten, die sie selber auf einem 8-Track-Gerät produziert und beim SFB abgemischt haben. Die Nummer heißt "I'm So Fragile", inspiriert von "Funky Town." Es bewahrheitet sich wieder einmal der alte Spruch. Was ist gut an diesem Gitarren-Solo? - Das Schlagzeug! Auf der anderen Seite der Kassette singt Nena: "Ganz oben, ganz oben, wo die Geister toben."

Unterwegs ein Stopp in Otaki. Eine gottverlassene Landschaft, der man offensichtlich aber auch nicht entfliehen kann. Das einzige Auto weit und breit steht auf Stelzen, ohne Räder, einsam in der schrundigen Botanik.

Wellington zu verlassen ist immer ein trauriger Event, weil danach erst mal lange Zeit nichts kommt. Es ist schwer, sich eine langweiligere Szenerie vorzustellen, als die Pampa nordwärts von Wellington. Die Farben chargieren zwischen grün, blau und grau, bunte Verkehrsschilder, winzige Abschnitte in der Art von Autobahnen, dann wieder Landstraße. Der Regen vermindert die Sicht. Wenn es nicht regnet, ist der Himmel trotzdem verhangen. Man fährt wie in einem Aquarium. Wenn man nicht selber dem Sekundenschlaf verfällt, tut es vielleicht ein anderer. Nach einer Stunde bin ich bereits komplett erschlagen. Ich mache einen Zehn-Minuten-Stopp in Otaki. Während ich Wasser trinke und eine Banane esse, tuckert eine alte Frau an mir vorüber, geht irgendwo hinein, kommt wieder raus, nickt mir zu, tuckert vorbei. Verschwindet. Und der Ort liegt da wie ausgestorben, eine Science-Fiction-Film-Kulisse in echt. Eine tiefe Melancholie erfasst mich. Zum Glück springt der Motor sofort wieder an.

Einige Zeit später sehe ich am Straßenrand eine ländliche Hochzeitsgesellschaft, die sich um zwei Oldtimer tummelt. Mich interessieren eigentlich nur die Autos, Ford, Dodge, oder Buick, circa 1940. Endlich verkrümeln sich die Gäste, feierlich gekleidet wie sie sind, in zwei schäbigen Hütten, die eine ländliche Armut signalisieren wie nur je auf einem Foto von Walker Evans aus der amerikanischen Great Depression. Das Ganze wirkt auf mich wie ein Film-Set. (Schon wieder.) Diesmal aber nicht "The Quiet Earth", sondern ein Kostümstück, angesiedelt in den 40er Jahren. Vielleicht ist es tatsächlich keine Hochzeit, sondern nur ein Film-Dreh, der auf sie dort drinnen wartet.

Ländliche Hochzeit mit Autos im Frack. Was die feierlich gekleideten Festgäste in den abgefuckten Hütten im Hintergrund zelebrieren wollten, war mir unerfindlich, aber mich interessierten ohnehin nur die automobilösen Oldtimer - keine Leihgabe, wie sich herausstellt, aus dem nahegelegenen Southward Car Museum in Paraparaumu.

Am späten Nachmittag treffe ich endlich in Palmerston North ein. Die Stadt ist bemerkenswert für den Fakt, dass sie ziemlich genau gegenüber von Madrid liegt. Der spanische König kam einmal her, um zu sehen, wie ein antipodisches Madrid wohl aussehen könnte. Es erwies sich, was nicht nur ihm auffiel, als ziemlich flach. Genauer gesagt, ziemlich lasch. Wie eine Flasche Bitzelwasser ohne Bitzel. In der Stadtmitte liegt das Square, mit dem charakteristischen Turmbau, der einst das höchste Gebäude der Stadt bildete.

Hier traf 1938 der Berliner Zahnarzt Kurt Gabriel ein, als das Gebäude noch im Bau war, und erwarb sich einen Satz Praxisräume mit genauen Maßen. Wieder in Berlin, ließ er Gerätschaften, die genau in diese Räume passten, in Kisten packen, ebenso den gesamten Haushalt. Als deutsche Juden konnten er und seine Frau, Hilde, keinerlei Geld mitnehmen. Sie würden also in Neuseeland nichts kaufen können. Alles, was sie einmal brauchen würden, mussten sie aus Berlin mitnehmen.

Die Zahnarztpraxis ließ sich gut an, und auch Hildes Kirschkuchen war ein Hit bei den Frauen der lokalen Geschäftsleute. Dann kam der Krieg, 1939, und die deutschen Flüchtlinge verwandelten sich, in den Augen der sie umgebenden Öffentlichkeit, in Nazi-Spione. In den nächsten sechs Jahren hatte Kurt kaum noch Patienten, und praktisch Null Einkommen. Stattdessen musste Familie Gabriel mit ständigen Denunziationen rechnen. Sogar Kurts Röntgengeräte in der Praxis und die Stehlampen im Wohnzimmer wurden von hämischen Nachbarn bei der Polizei als Spionagegeräte denunziert und mussten von Technikern des neuseeländischen Rundfunks auf ihre Sendefähigkeit untersucht werden. Hätten die Gabriels nicht absolut ALLES aus Berlin mitgebracht, wären sie im neuseeländischen Exil arm dran gewesen.

Hilde, Jahrgang 1912, die ich in den Achtzigerjahren ausführlich interviewt hatte, ist mittlerweile verstorben, aber es gibt hier noch ein paar andere alte Freunde. Rolf Panny gehört dazu. Als wir uns zufällig begegnen - (zufällig, weil ich mich in Ashurst, 20 Kilometer außerhalb von Palmerston, nicht mehr so ohne weiteres zurecht finde; zufällig, weil er mit seinem Auto direkt vor mir hielt; ein Ortsfremder im vollgepackten Auto? - das KONNTE ja nur ich sein!) - sieht er fast unverändert aus. Das letzte Mal sind wir uns vor 11 Jahren begegnet. "Rolf!", sage ich, "Altes Haus! Du siehst gut aus. Dabei musst du doch schon an die Achtzig sein!?" (Kleiner Scherz. Er ist 87.)

Ich fahre ihm nach zu einer Kneipe, die ein Deutscher vor Ort gebaut hat. Es gibt dort, zum Mitnehmen, echtes deutsches Essen. Würstel mit Senf, Kartoffelbrei, Sauerkraut. Und es ist lecker. Wir sitzen im Wohnzimmer, Rolfs Frau, Dell, eine Literaturwissenschaftlerin, hat einen Nachtisch aus Eierschaum mit Zitronengeschmack gebacken, dazu gibt es Kompott. Auch der Weißwein hat eine zarte Note. Unsere Gespräche drehen sich um Familie und Literatur, Bücher. Eine Bekannte, erzählt Rolf, hat ihre Autobiographie veröffentlicht, und darin die Menschen, die sie kennt, unter verschlüsselten Namen auftreten lassen. Er selbst, Rolf Panny, ist dort, völlig ohne jeden Sinnzusammenhang, als "Rolf Pankow" erschienen, ein anderer Prof der hiesigen Uni, Axel Viereck, als "Axel Fünfeck." Dies sind Menschen des öffentlichen Lebens, Germanisten mit ausführlichen Publikationslisten. Wozu die Verkleidung? Und diese alberne Witzigkeit! Ich frage: "Und das ist veröffentlicht worden?" - "Ja. Im Selbstverlag."

Rolfs eigene Memoiren - mit Lebensstationen in Hamburg, China, Berkeley, Palmerston North - ruhen derweil bei einem "richtigen" Verlag. Es tut sich wenig im hiesigen Verlagswesen, denn zur Zeit herrscht die Große Flaute. Es fehlt allerorten am nötigen Kleingeld. Trotzdem hat Dell erst unlängst wieder eine Studie über Carl Stead veröffentlicht, den großen alten Mann der neuseeländischen Literatur. Zugleich hat sie sich damit eine Menge Feinde geschaffen, denn Stead ist ein kontroverser Autor. Aber wie heißt es doch so schön? Viel Feind, viel Ehr. Ohne Kontroversen wär das Leben nur halb so spannend.

Blick vom Balkon des Gästehäuschens. Zitronenbaum gelb/grün, zwei Apfelbäume, und der Blick über den angrenzenden Acker ins weite Land. Dazu die rotierende Wäscheleine im "Spiders on Drugs"-Spinnweben Muster.
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